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Ein erfüllter Wunsch

Die Bewohner des Friedersdorfer Asylheims feierten jetzt ein Fest. Das ist auch dank einer Spende möglich gewesen.

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© Matthias Weber

Constanze Junghanß

Dichtes Gedränge im kleinen Blumenladen Friedersdorf. Deutsch-arabisches Stimmengeschwirr fliegt durch den Raum. Frauen tragen Kopftücher, dazwischen wuseln dunkelhäutige Kinder. Mohammad Alsaadi lässt sich von der Verkäuferin beraten. Zwei bunte und besonders schöne Sträuße sollen es sein, die die etwa zehnköpfige Gruppe verschenken möchte. Astern und herbstliches Beiwerk werden zusammengebunden. Die syrischen Familien bedanken sich. Aus Görlitz sind sie angereist. Das ist ihr neues Zuhause. Zuvor strandeten die Kriegsflüchtlinge in Friederdorf, dem rund 1300 Einwohner zählenden Ortsteil von Neusalza-Spremberg. Die Alsaadis sind zu Besuch im Asylheim. Das gibt es im Dorf seit 2016. Der Betrieb läuft unter der Regie des DRK Löbau. Einfach war der Start nicht. Gegenwind machte sich vor Ort und in den sozialen Netzwerken breit. Eine Gruppe „Friedersdorf wehrt sich“ zum Beispiel wollte die Stimmung im Dorf gegen Flüchtlinge anheizen. Doch schnell bildete sich eine Gegenbewegung im Internet, die sich „Friedersdorf wehrt sich gegen Friedersdorf wehrt sich“ nannte. Die Zeiten der Skepsis sind allerdings vorbei. Und dass die Gemüter so unterschiedlich auf das Heim reagierten, davon haben Mohammad Alsaadi, seine Frau sowie die vier Kinder und all die anderen Familien nichts mitbekommen.

Im Gegenteil: Die Unterkunft gilt als Vorzeigeeinrichtung. Im Ort haben sich die meisten Friedersdorfer mit der Situation arrangiert. Zumal ausschließlich Familien mit ihren Mädchen und Jungen in der Einrichtung wohnen. Im Moment sind das 26 Erwachsene und 20 Kinder. Die meisten kommen derzeit aus Syrien, der Türkei, Libyen und dem Irak. Jetzt waren sogar Greifvögel zu Besuch und die Einrichtung geschmückt. Der Anlass: Ein Fest wurde im Heim gefeiert, verbunden mit einem kleinen Liedprogramm der Kinder und Spielen, Hüpfburg und selbst gebackenem Kuchen. Dass auch Alsaadis Familie mit dabei ist, hat einen Grund. Zur Feier wurden ehemalige Heimbewohner eingeladen. „Der Großteil der Familien zog nach der Anerkennung nach Görlitz in Wohnungen“, erzählt Heimleiterin Alexandra Kühnel. Etwa 40 bis 50 Personen waren das bisher insgesamt. Ein Novum im Landkreis: Denn die meisten Flüchtlinge, deren Asylstatus anerkannt wurde, verlassen den Landkreis und ziehen in Großstädte wie Leipzig oder Dresden. Dass eine doch größere Anzahl ehemaliger Bewohner der Friedersdorfer Unterkunft in der Region bleiben, hat vielleicht auch etwas mit den Erfahrungen im Ort zu tun. Die sind vorrangig positiv. Den Grundstein dafür legte Hartmut Stolz, engagierter Heimleiter und bei den Flüchtlingen und Mitarbeitern gleichermaßen beliebt. Als er mit nur 64 Jahren Ende Juni diesen Jahres verstarb, hinterließ er eine große Lücke. Das wurde auch zum Fest deutlich. „Der Verlust macht uns fassungslos und sehr traurig. Er war wie ein Vater für uns alle“, sagte Mohammad Alsaadi zur Witwe des Verstorbenen, Regina Stolz. Für sie haben die Syrer die üppigen Blumensträuße gekauft. Auch Sohn Pierre bekommt einen überreicht. Die Familienmitglieder des Heimleiters sind der Einrichtung weiterhin eng verbunden und selbstverständlich bei der Feier dabei. Hartmut Stolz hatte sich vor seinem Tod noch gewünscht, dass in das Trauerhaus statt Blumen Spenden für die Friedersdorfer Flüchtlingskinder gegeben werden. Sein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ein Teil der Spenden kam dem Heimfest zugute. Eine Tischtennisplatte konnte Dank des Geldes angeschafft werden. Nachfolgerin von Hartmut Stolz ist Alexandra Kühnel, die ebenfalls von Anfang an die Familien in der Einrichtung betreute. Verstohlen wischt sie sich die Tränen vom Gesicht, als sie erzählt, wie viel sie von ihrem ehemaligen Chef lernen konnte und welchen guten Draht dieser zu den Familien hatte. Mohammad Alsaadi beispielsweise schrieb die Geschichte seiner 83-tägigen Flucht aus Syrien auf. Das Konzept las Hartmut Stolz noch im Krankenbett, erzählt seine Witwe. „Er war sehr berührt.“ Integration finde in Friedersdorf nicht nur auf dem Papier statt. Neben den engagierten Mitarbeitern gibt es viele Helfer und einen offenen Stadtrat. Der stimmte im Frühjahr problemlos dem Bau eines Spielplatzes zu. 3 000 Euro wurden dafür locker gemacht, so CDU-Bürgermeister Matthias Lehmann. Hartmut Stolz sei sehr wichtig gewesen, dass alle im Ort in Frieden miteinander leben können. Das funktioniert. „Wir fühlen uns nicht fremd, sondern angenommen“, sagt Alsaadi.