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Ein Fahrlehrer tritt auf die Bremse

Auch mit 74 gibt Volker Lohse noch anderen Fahrern Tipps. Zu einer Obergrenze am Steuer hat er eine klare Meinung.

Volker Lohse ist seit vielen Jahren Fahrlehrer. In den letzten Jahren hat er Schulungen unter dem Motto „Sicher mobil“ angeboten. Nun stellt er diese Veranstaltungsreihe ein.
Volker Lohse ist seit vielen Jahren Fahrlehrer. In den letzten Jahren hat er Schulungen unter dem Motto „Sicher mobil“ angeboten. Nun stellt er diese Veranstaltungsreihe ein. © Egbert Kamprath

Mit dem Recht im Straßenverkehr kennt sich der Glashütter Volker Lohse bestens aus. Er weiß, wie eine Rettungsgasse zu bilden ist, wie man sich richtig im Kreisverkehr verhält und was welches Verkehrsschild bedeutet.

Über 40 Jahre arbeitete er als Fahrlehrer. 2010 meldete er seine Fahrschule aus Altersgründen ab. Seither gibt er Seminare, die früher jedem Autofahrer als Verkehrsteilnehmerschulung bekannt waren und heute unter dem Titel „Sicher mobil“ laufen.

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Wir sind Meister. Wir können das. 

33 Frauen und 242 Männer sind unter den frisch gebackenen Meisterabsolventen der Handwerkskammer Dresden und damit Aushängeschild der „Wirtschaftsmacht von nebenan“.

Die sind zum Teil sehr beliebt, vor allem in Reinhardtsgrimma. Hier ist der Raum immer gut gefüllt, sagt Lohse. Das freut ihn. Trotzdem wird er zum Ende des Jahres die Seminarreihe einstellen. „Ich vermisse die Anerkennung“, gibt er unumwunden zu. Und damit spielt er auf den Träger dieser Seminare an. Denn die laufen als Veranstaltungsreihe der Gebietsverkehrswacht Weißeritz. „Das ist der Umsetzerverband“, sagt Lohse, der dort selbst Mitglied ist.

Deshalb möchte er die Seminare nach acht Jahren auslaufen lassen. Damit hängt Lohse seinen Beruf als Fahrlehrer endgültig an den Nagel. Das dürfte keine leichte Entscheidung sein. Denn er brennt für seinen Beruf, zu dem er über Umwege 1967 fand.

Geboren wurde Lohse in den Kriegswirren Anfang März 1944 in Dresden. Kurz nach der Bombardierung floh seine Familie nach Kipsdorf. Hier und in Dippoldiswalde wuchs er auf, besuchte die Grund- und Mittelschule. Danach ließ er sich im Volkseigenen Betrieb Gießerei und Maschinenbau „Ferdinand Kuhnert“ Schmiedeberg zum Elektromonteur ausbilden. Danach arbeitete er in seinem Beruf. 1967 ergriff er die Chance, er wurde Fahrlehrer. „Ich besuchte dazu Weiterbildungen“, erinnert er sich. Beruflich wechselte er zunächst zum VEB Zeitschaltgeräte Glashütte und dann zur Gesellschaft für Sport und Technik (GST), wo er 1976 als stellvertretender Leiter und Fahrlehrer tätig wurde. Nach der politischen Wende blieb Lohse seinem Beruf treu, er gründete in Schlottwitz eine private Fahrschule. „Das war noch zu DDR-Zeiten“, sagt er. Seines Wissens nach sei es die erste neugegründete Fahrschule nach der Wende im Kreis Dippoldiswalde gewesen. Später errichtete er Außenstellen in Glashütte, Altenberg und Dippoldiswalde.

Die Jahrhundertflut 2002 nahm ihm sein Büro in Schlottwitz. Er verlegte seinen Hauptsitz nach Glashütte. Wie viele Jugendliche, Frauen und Männer er unterrichtet hat, vermag Lohse nicht zu sagen. „Es waren sehr, sehr viele.“ Denn schon in seiner Zeit bei der GST bildete er viele Jugendliche im Lkw- und Moped-Fahren aus. Wer sich die Preise ins Gedächtnis ruft, die für die Ausbildung und die Prüfung verlangt wurden, wird verwundert sein. Der Moped-Führerschein kostete inklusive der obligatorischen Mitgliedschaft in der GST 60,50 DDR-Mark, beim Motorrad war es teurer, 75 DDR-Mark. Heute legt man für diese Führerscheine mehrere Hundert Euro hin.

Führerschein abgeben? Erst wenn ...

Doch nicht nur die Preise haben sich verändert, sagt Lohse. Auch die Anforderungen und die Unterrichtsbedingungen. Anfang der 1990er-Jahre brauchte ein Fahrschullehrer nicht nur eine Schreibtafel, sondern auch einen speziellen Tisch, auf dem die Vorfahrt mit kleinen Modellautos und -motorrädern geübt werden musste. „Wir mussten uns auch Bremsmodelle anschaffen.“ Auch ein präparierter Reifen musste vorhanden sein, um den Fahrschülern dessen Aufbau erklären zu können. „Heute läuft vieles übers Internet, über Apps und Tablets“, sagt Lohse. So einfach das auch geworden sein mag. Eins lehnt Lohse ab: Er möchte nicht, dass der theoretische Unterricht komplett am Computer von zu Hause aus absolviert wird. Den Gang in die Fahrschule hält er nach wie vor für unerlässlich. Er will sich dafür einsetzen.

Trotz seines Rückzugs vom Seminar-Geben will Lohse weiter im Dienste der Verkehrssicherheit unterwegs sein. So will er unter anderem als zertifizierter Fachberater tätig bleiben. Er bietet weiterhin Verkehrsteilnehmerschulungen für Kraftfahrer an, die Probleme mit Drogen und Alkohol hatten und zur Teilnahme am Kraftfahrteignungstest – vielen besser als Idiotentest bekannt – verpflichtet wurden.

Außerdem möchte er weiter an Projekten der Universitäten Heidelberg und Wien mitarbeiten. Dort wird im verkehrspsychologischen Bereich geforscht, es geht ums Thema Fahren im Alter. Volker Lohse hat dazu eine klare Meinung. Er hält nichts von vorgeschriebenen Altersgrenzen oder Kontrollen. Jeder Kraftfahrer sollte selbst entscheiden, wann er seinen Führerschein abgibt. Wer sich unsicher ist, sollte entsprechende Seminare besuchen, auf denen er sich testen kann.

Lohse selbst fährt noch. Und er hat schon entschieden, wann er seinen Führerschein abgeben wird. Das werde dann passieren, wenn sein Beifahrer ein ungutes Gefühl hat, mit ihm mitzufahren.

Im Straßenverkehrsrecht gibt es immer wieder Veränderungen. Der Gesetzgeber muss auf Neuentwicklungen wie zum Beispiel die E-Mobilität reagieren. Der Glashütter Fahrlehrer Volker Lohse hat sich in den letzten Jahren intensiv mit den Änderungen befasst. Sie spielen in seinen Schulungen eine besondere Rolle. Für die SZ hat er eine Rückschau gehalten auf Verkehrsregeln, die sich im Vergleich zum DDR-Verkehrsrecht gravierend verändert haben.

Zu DDR-Zeiten gab es viel weniger Autobahnen als heute. Auch deren Zustand war nicht besonders. Vielleich galt auch deshalb nur Tempo 100 – für viele ist das unvorstellbar. Heute darf auf Autobahnen grundsätzlich so schnell gefahren werden, dass man innerhalb der einsehbaren Strecke anhalten kann. Als Richtgeschwindigkeit werden 130 km/h angegeben.

Früher galt eine andere Regel, wenn drei Autos an einer Kreuzung gleichrangiger Straßen standen und derjenige, der von rechts frei hatte, nach links abbiegen wollte. In diesem Fall musste er dem Gegenverkehr nicht Vorfahrt gewähren, konnte als Erster von den dreien fahren. Heute muss er auf die Kreuzung vorfahren und den Gegenverkehr vorbeilassen, bevor er selbst vorfahrtsberechtigt abbiegen darf.

In der DDR gab es keine Kreisverkehre. Die sind erst in den letzten Jahren in Mode gekommen. Hier gilt, dass die im Kreisverkehr fahrenden Fahrzeuge Vorfahrt haben.

Geändert hat sich auch die Aufhebung von Tempolimits. In der DDR galt, dass diese bei der nächsten Kreuzung oder Einmündung aufgehoben werden. Nach bundesdeutschem Recht muss die Tempobegrenzung durch ein anderes Schild aufgehoben werden. Das kann auch ein Ortsausgangschild sein.

Linksabbiegen ist nicht gleich Linksabbiegen. In der DDR galt, dass Fahrzeuge, die an einer Kreuzung links abbiegen wollten, um den Kreuzungsmittelpunkt herumfahren müssen. Jetzt gilt, dass Linksabbieger – so es der Platz auf der Kreuzung zulässt – tangiert aneinander vorbeifahren müssen.

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