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Ein fesselndes Juwel

Mit einem Paukenschlag eröffnet Joseph Haydn sein Oratorium „Die Schöpfung“, und gewaltig klang der Auftakt zum „Chaos“ – wie der Komponist diesen Abschnitt nannte – am Sonntagnachmittag durch die eng besetzten Bänke in der Ebersbacher Kirche.

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Von Sebastian Beutler

Mit einem Paukenschlag eröffnet Joseph Haydn sein Oratorium „Die Schöpfung“, und gewaltig klang der Auftakt zum „Chaos“ – wie der Komponist diesen Abschnitt nannte – am Sonntagnachmittag durch die eng besetzten Bänke in der Ebersbacher Kirche. Kirchenmusikdirektor Johannes Arnold nahm von Beginn an das Werk in einem breiten Tempo, hielt es bis zum triumphalen Schlusschor bei und entwickelte mit den Mitwirkenden eine fesselnde Aufführung, die zwar zwei Stunden in Anspruch nahm. Doch es waren kurzweilige und in jeder Hinsicht gelungene zwei Stunden.

Nun ist das Oratorium auch ein Juwel der klassischen Musik. Haydn schrieb es 1796/98, und „Die Schöpfung“ atmet den Geist der Wiener Klassik. Die Parallelen und Ähnlichkeiten in den Naturbeschreibungen etwa mit Mozarts „Zauberflöte“ liegen auf der Hand. Wenn der „Aufgang der Sonne“ im Spiel ist, beginnen die Streicher bei Haydn ganz leise, ehe alle Stimmen des Kammerorchesters einstimmen und die Pauken in pathetischer Überhöhung schließlich die Strahlen beinahe sichtbar nachzeichnen. Beim Mond marschieren die tiefen Streicher los, beim Pferdegetrappel setzen die Flöten ein. Da liegt das Vogelgezwitscher bei Mozart nicht fern. Haydn verband diese Instrumentierung mit einer dramatischen Entwicklung und wechselte den Tonfall des Öfteren. Da schwingt das sinfonische Element mit.

Arnold hatte das Dresdner Collegium musicum bestens auf diese Wechselfälle eingestimmt und traf dadurch den klassischen Ton. Da half vor allem auch die Holzausgestaltung der Ebersbacher Kirche, die einen sehr schlanken Ton produziert. Für Falko Maiwald (Tenor) lag darin eher die Crux. Der lyrische Tenor hat eine sehr wendige, helle Stimme, die in der Ebersbacher Kirche ein wenig hinter dem dunklen Bass des oratorienerfahrenen Horand Friedrich zurückstand. Gabriele Näther war die Dritte im Solisten-Bunde. Ihr Sopran war klangschön, lief jedoch in der Höhe Gefahr abzukippen,

Zur packenden Instrumentierung trugen aber vor allem auch die gut aufgelegten Bläser der Landesbühnen Sachsen aus Dresden bei (der kleine Horn-Ausrutscher macht da keine Abstriche). Haydn hat ihnen eine klangprägende Rolle zugedacht – was die heutigen Aufführungen in erheblichen Maße „verteuert“. Auch insofern ist Arnolds Mut, „Die Schöpfung“ aufzuführen, nicht hoch genug anzuerkennen. Selbst wenn Ebersbach 270. Kirchweihfest feierte.

Das Oratorium ist für jeden Chorsänger Herausforderung und Wonne zugleich. Natürlich ist es ein großes Werk, das man nicht alle Tage singt. Doch Haydn erleichterte den Freizeit-Sängern die wochenlange Einstudierung, indem er die Sätze so komponierte, dass jede Stimme harmonisch verläuft. Da macht es regelrecht Spaß zu singen. Das war auch dem großen Chor anzumerken, dessen Stimmgewalt beeindruckte. Vielleicht hätte er mit noch mehr Staunen die Schöpfung schildern – Haydn jedenfalls komponierte das Staunen mit – oder die Spannung bei den frei stehenden Bass- und Tenoreinsätzen halten können. Doch das sind Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck kaum schmälern können. Was bleibt? Dank und Anerkennung für eine gleichermaßen stimmige wie enthusiastische Interpretation. Und die Hoffnung, dass Aufführungen großer chorsinfonischer Werke in Ebersbach auch ohne Kirchweih-Jubiläum fortgesetzt werden.