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Ein Flashmob für die "Goldene Weintraube"

Spontan haben die Kittlitzer Abschied vom alten Gasthaus gefeiert, weil vermutlich dessen Abriss ansteht. Alle eint eins: Besondere Erinnerungen.

Bürger verabschieden sich mit einem Flashmob von der ehemaligen Gaststätte "Goldene Weintraube" in Kittlitz.
Bürger verabschieden sich mit einem Flashmob von der ehemaligen Gaststätte "Goldene Weintraube" in Kittlitz. © Rafael Sampedro

"Jetzt oder nie" dachte sich Sven Tripke, den in Kittlitz alle "Tripi" nennen. Wenn der Abrissbagger anrückt, sei es zu spät für die Aktion. "Tripi" hat den ersten Flashmob auf dem Dorf eingerührt. Eine ziemlich spontane Verabredung über digitale Netzwerke für einen Treffpunkt ist das, wobei niemand im Vorfeld genau weiß: Wer kommt dann eigentlich und wie viele? 

Der Flashmob in Kittlitz jedenfalls stieß auf enormen Anklang. Weit mehr als 50 Einwohner kamen am Dienstagabend aus allen Richtungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur "Goldenen Weintraube" - das Ziel des Flashmobs. Die ehemalige Gaststätte befindet sich auf dem Grundstück an der Kreuzung Löbauer Straße/Nieskyer Straße. So mancher Autofahrer wunderte sich wohl, was diese plötzliche Menschenansammlung vor einem offensichtlich maroden Gebäude bedeuten sollte.

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Die Leute, die da kamen, haben eins gemeinsam: Pakete voller persönlicher Erinnerungen an das alte Gasthaus. Ein Türsteher von anno dazumal ist ebenso vor Ort, wie Paare, die sich in der "Weintraube" kennen und lieben lernten, die Clubleiterin aus DDR-Zeiten, Mitglieder der Feuerwehr und vom Jugendclub, Anwohner und Menschen, die noch heute von der "legendären Soljanka" und dem "Steak Strindberg" schwärmen. So lecker habe man das nie am heimischen Herd hinbekommen, ruft eine Frau.

Die Zeiten, in denen in der "Weintraube" gegessen, getanzt und gefeiert wurde, sind lange vorbei. Das Gasthaus – ehemaliger Mittelpunkt im Ort - steht seit Jahrzehnten leer. Erzählt wird, dass das Haus von der Stadt Löbau zurückgekauft wurde, weil der letzte Eigentümer sich darum nicht kümmerte. Hochtrabende Pläne von einer "Erlebnisgastronomie" habe es gegeben, heißt es. Passiert ist aber nichts. Putz und Farbe blättern weg, die Decken brechen ein. Mitten im Gastraum liegt ein rostiger Ofen. Es riecht muffig-feucht. Nur an der Steintreppe hat der Zahn der Zeit kaum Spuren hinterlassen. Handys und Fotoapparate werden gezückt. Ein letztes Bild für das Album, bevor alles platt gemacht wird.

Wann genau das passiert, ist nicht ganz klar. Die Kittlitzer hatten im "Buschfunk" gehört, dass in dieser Woche der Abrissbagger anrückt. Einen Tag nach dem Flashmob steht das Gebäude noch. Auf SZ-Anfragen zum Beginn der Abbruch-Maßnahme und was mit dem Platz dann passieren soll, hat die Pressestelle der Stadt Löbau bisher nicht geantwortet. 

Nach SZ-Informationen soll ein Parkplatz entstehen. Nicht asphaltiert, sondern mit Schotter als Untergrund. Der Parkplatz soll vermutlich für die Fahrzeuge der Bauarbeiter von der Grundschule gegenüber auf der anderen Straßenseite gedacht sein, heißt es. Zuvor hatte sich die CDU-Fraktion im Stadtrat zuerst für die Errichtung eines Mehrgenerationen-Spielplatzes ausgesprochen, zog den Antrag jedoch wieder zurück. Die Nähe zur Hauptstraße erwies sich als ungünstig.

Sven Tripke sagt, der Abriss der Gaststätte sei mit Wehmut verbunden. Andererseits komme aber nun auch ein Schandfleck weg. Heike aus Kittlitz erzählt, sie hat beim Fasching 1987 ihren Mann Uwe in der "Weintraube" kennengelernt. Gleich reden mehrere: Karin und Udo wurden in der Gaststätte ein Paar und auch Ines Lehmann-Hoferichter, die damalige Jugendclubleiterin, lernte ihren Mann im Kittlitzer Gasthaus kennen. "Als damals alles dicht gemacht wurde, war ein Stück Kultur verschwunden", bedauert sie. Siegfried Kühn war in den Sechzigern Türsteher mit seinem Bruder und einem weiteren Kittlitzer. "Wir passten auf, dass es keine Prügeleien gab", erinnert er sich. Dafür gab es für jeden ein Gratis-Bier. Höhepunkte waren die Faschings- und Silvesterfeiern, die Disco und das "Tschipelrennen" - die Tanzveranstaltungen für die Jugendlichen bis 18 Jahre. Unten im Haus befand sich neben der Gastwirtschaft außerdem eine Fleischerei.

Seit einigen Tagen steht nun der Bauzaun, bestückt mit dem Banner einer Entsorgungsgesellschaft aus Guttau. Nochmal einen letzten Blick auf und in das große Haus wollten die Frauen und Männer werfen – solange die "Weintraube" steht. Tripke erzählt, dass er vor etwa eineinhalb Jahren offiziell eine solche Verabschiedungsrunde plante. Schon damals habe festgestanden: Die Tage der "Weintraube" sind gezählt – der Abriss ist nur noch eine Frage der Zeit. "Allerdings gab es vonseiten der Stadt Löbau dafür keine Genehmigung", sagt "Tripi". 

Deshalb nun ein Flashmob. Mit einem Schluck Bier, um auf das alte Haus anzustoßen, bevor es endgültig fällt. Irgendjemand hat Grabkerzen mitgebracht, dazu eine leere Flasche mit der Etikettierung "VEB, Vollbier Pilsner, 033l". Da steckt nun eine Sonnenblume drin - ein kleines Arrangement am Straßenrand.

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www.sächsische.de/loebau

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