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Ein Freiburger gräbt die Gartenstadt um

Die Familiengeschichte lässt Nils Schinker die Reformsiedlung erforschen. Die Ergebnisse sind in einer Ausstellung zu sehen.

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© Jörn Haufe

Von Kai-Uwe Reinhold

Die Begeisterung für die Gartenstadt muss Nils Schinker von seiner Oma geerbt haben. „Meine Großmutter lebte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Hellerau und erzählte immer wieder vom Leben in der Reformsiedlung“, berichtet der 42-Jährige. Zu diesen Geschichten gehört auch die des Hauses auf dem Hohen Weg 11, das als „Haus Chrambach“ bekannt ist. 1929 wurde es von dem Architekten Walter Eitz im kantig-sachlichen Stil des Neuen Bauens geplant und errichtet. Den Auftrag dafür gab der Regierungsrat Walter Chrambach: Schinkers Urgroßvater.

Diese ungewöhnliche Familiengeschichte ist der Grund dafür, dass die Gartenstadt Hellerau zum Lebensthema des gebürtigen Freiburgers geworden ist. Derzeit ist er als Architekturhistoriker an der TU Dresden tätig. Über das sogenannte „Laboratorium der Moderne“, wie die Reformsiedlung auch genannt wird, gibt es zahlreiche Bücher. Mehr oder weniger tragen sie alle dazu bei, dass die Gartenstadt als schöne Utopie in Erinnerung bleibt, in der Leben und Arbeit, Kunst und Kultur harmonierten. Etwas anders sieht es Schinker. „Wie überall gab es Differenzen. Die Idee und Wirklichkeit zum Leben in der Reformsiedlung traten immer weiter auseinander. Natürlich ging es dabei auch ums Geld“, erzählt er.

Unlängst veröffentlichte er sein Buch „Die Gartenstadt Hellerau 1909–1945“. Auf rund fünfhundert Seiten untersucht Schinker den sozialen Wandel der Siedlung. Über sechs Jahre vergrub er sich dafür in den Archiven, wertete historische Adressbücher und statistische Jahrbücher aus. „Eine wahre Sisyphusarbeit“, sagt Schinker.

Die Ergebnisse seiner Arbeit sind derzeit in den Deutschen Werkstätten zu sehen. Bis zum 4. April befindet sich im Foyer des neuen Werkstattgebäudes die Ausstellung „Plan und Leben“. Anhand von Statistiken und Analysekarten verschafft sie einen Überblick über die städtebauliche Entwicklung und den sozialen Wandel der Gartenstadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das von Schinkers Uropa in Auftrag gegebene Haus Chrambach wirkte wegen seines besonderen Baustils am Anfang wie ein Fremdkörper in der Gartenstadt und sorgte dort für heftige Diskussionen. Mittlerweile ist es als Kulturdenkmal anerkannt und gehört zu den Häusern, mit denen sich die Stadt um den Welterbetitel bewirbt.