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Ein Freitaler agiert hinter den Kulissen

So ein Theater! Dieter Holfert übt jahrzehntelang einen nicht alltäglichen Beruf aus.

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Von Heinz Fiedler

Er gehört zu jenen glücklichen Freitalern, für die Freizeitpassion und Berufsarbeit eine harmonische Einheit bilden. Im Falle von Dieter Holfert funktioniert diese Zweisamkeit vier Jahrzehnte so gut, dass der heute 78-Jährige bekennt: „Sollte ich noch einmal zur Welt kommen, würde ich das alles noch einmal durchleben wollen. Auch die Aufregungen, ohne die am Theater nichts läuft.“

Vier Wochen auf Probe

Dieter Holfert muss es wissen. Fast 100 Inszenierungen hat er als Mann hinter den Kulissen mitgestaltet, darunter allein vier verschiedene Versionen vom unverwüstlichen „Zigeunerbaron“. Die Anzahl der Vorstellungen geht in die Tausende. Holferts Berufsstart steht zeitlich allerdings unter keinem günstigen Stern. Der Zweite Weltkrieg ist eben vorbei. Dekorateur wäre er gern geworden, daran ist freilich nicht zu denken. Ihm bleibt eine Lehrstelle in Herbert Hofmanns Bauschlosserei, Marktstraße. Ergänzend dazu wird aus ihm in den Hainsberger Metallwerken ein Montageschlosser.

Handwerkliche Arbeit liegt dem jungen Mann durchaus. Indes, ein Leben lang schlossern, das flößt ihm eher Unbehagen ein. Eines Tages gibt ihm ein Cousin, der im Dienste der Volksbühne steht, einen Tipp: „Das Operettentheater in Leuben sucht einen Beleuchter, versuch‘s doch mal.“

Zum Theater fühlt sich Dieter Holfert schon als Kind hingezogen. Er fehlt bei keiner Märchenaufführung seiner Potschappler Volksschule. Holfert reist im Herbst 1952 mit der Straßenbahn von Freital-Potschappel nach Leuben, wo die ehemalige Tanzlokalität Feenpalast bis heute die Operette beherbergt, und wird als Beleuchter für vier Wochen auf Probe eingestellt.

Es macht ihm Spaß, mithilfe der Bühnenscheinwerfer die verschiedensten Stimmungen zu zaubern. Jeder Lichteffekt muss auf den Augenblick genau sitzen. Aus Dieter Holfert wird nach absolvierten Lehrgängen ein Oberbeleuchter, der sich elf Jahre in Leuben bewährt. 1963 verpflichtet ihn das Theater der Altmark Stendal als Beleuchtungsmeister und technischen Leiter. Ähnlich wie die Landesbühnen Sachsen ist das Ensemble regelmäßig mit Aufführungen in kleinen Städten unterwegs. Der Spielplan reicht von der Oper bis zum Weihnachtsmärchen.

Geht nicht, gibt‘s nicht

Als Technikchef steht der Freitaler oft genug vor stressigen Situationen. Genervte Regisseure verlangen im letzten Augenblick ein seltenes Requisit: „Mach mal, Dieter! Du schaffst das schon irgendwie!“ Und Dieter schafft es tatsächlich. Er weiß es längst: Geht nicht, gibt’s am Theater nicht.

Als Burkhards musikalische Komödie „Feuerwerk“ erstmals auf dem Spielplan in Stendal steht, jammert sich der verzweifelte Spielleiter bei dem Freitaler aus: „Was mach ich bloß? Der Varietéteil ist zu kurz, ich brauche noch eine Nummer. Hast du nicht eine auf Lager?“ Holfert überlegt: „Ich könnte es höchstens auf dem Einrad versuchen.“ In jungen Jahren hatte er bei Stahl Freital Kunstradfahren und Radball ausgeübt. Holfert trainiert zwei Tage, dann sitzt er fest im Sattel, wie seinerzeit in der Sauberg-Turnhalle. Der Feuerwerk-Programmzettel vermerkt sein Mitwirken mit der Schlagzeile „Holfertini und seine Einradshow“.

Acht Jahre bleibt er in Stendal, zwei Jahre Städtische Bühnen Magdeburg schließen sich an, wo Holfert seine Gattin Margitta, eine gelernte Chemikerin, kennenlernt. Ab 1973 ist der Mann aus Freital wieder in Dresden, wo er als Angestellter der Semperoper u.a. für die Ausbildung von 80 Lehrlingen in zehn verschiedenen technischen Theaterberufen zuständig ist.

Der junggebliebene Freitaler wohnt, übrigens wie seine Vorfahren, in einem der ältesten Häuser der Stadt. Das Gebäude Leisnitz8, um 1820 erbaut, gehörte früher wahrscheinlich zum Besitz des Rittergutes Potschappel. Inzwischen von den Holferts modernisiert, hat sich das Haus am Aufgang zur Leisnitzsiedlung in ein behagliches Heim verwandelt. Der Senior fühlt sich nach wie vor mit dem HallenRadsport verbunden. Interessiert verfolgt er den Trainingsbetrieb der Sportler des Radsportvereins Freital. Kürzlich ist Holfert noch ohne Probleme aufs Einrad gestiegen – es rollte wie einst im Mai.