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Ein Geschenk fürs Leben

Heute ist Tag der Organspende – für Michael Schmidt aus Schwepnitz ein ganz besonderer.

Von Jana Ulbrich

Der neuen Niere soll es gut gehen. Dafür lässt Michael Schmidt jeden Tag um 10 und 22 Uhr den Handywecker klingeln. Damit der 53-Jährige auch wirklich nicht vergisst, pünktlich seine Tabletten zu schlucken. Die Tabletten legen sein Immunsystem lahm und verhindern so, dass sein Körper das fremde Organ abstößt. Es sind viele Medikamente, die Michael Schmidt schlucken muss. Aber es sind viel weniger als vorher, als Maschinen dreimal pro Woche sein Blut waschen mussten.

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Zehn Jahre lang hing das Leben von Michael Schmidt an den Maschinen. Zehn Jahre lang hat ihn ein Taxi jeden Dienstag, jeden Donnerstag und jeden Sonnabend zu Hause in Schwepnitz abgeholt und ins Dialysezentrum nach Bautzen gebracht. Zehn Jahre lang stand sein Name auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Er hat nicht mehr geglaubt, dass sich seine Situation noch einmal ändern könnte.

Schon von vornherein nicht, weil er die seltene Blutgruppe Null negativ hat. Und gleich gar nicht mehr seit den vor zwei Jahren bekannt gewordenen Manipulationen um Plätze auf den Wartelisten. Seitdem sind die Spenderzahlen dramatisch zurückgegangen, ist Vertrauen in die Organspende verloren gegangen. Auch in Sachsen: 98 Organspender nach Hirntod hätte es hier im vergangenen Jahr geben können. Nur 49 gab es. In den 49 anderen Fällen haben die Verstorbenen zuvor selbst oder Angehörige eine Organentnahme abgelehnt.

Fünf Patienten aus dem Dialysezentrum in Bautzen, so viele wie noch nie, bekommen 2013 trotzdem ein Geschenk fürs Leben – auch Michael Schmidt.

Der Anruf vom Transplantations-Koordinator kommt nachts um zwei: „Wir haben eine Niere für Sie!“ Keine zwei Stunden später liegt Michael Schmidt in der Dresdener Uniklinik. Es geht alles ganz schnell: Voruntersuchungen, Aufklärungsgespräche. Er müsse wissen, dass die OP ein Risiko ist, dass der Körper die fremde Niere abstoßen kann, dass es auch lebensgefährlich werden könnte, dass die Medikamente, die das Abstoßen verhindern, möglicherweise Krebs erregen. Michael Schmidt unterschreibt.

Kurz vor der OP kommt ihm noch mal der Gedanke, dass er mit der Dialyse doch auch ganz gut überleben kann. Aber eben nur überleben. Lebenswert ist anders. Das weiß er jetzt. – Die Transplantation verläuft problemlos. Auch danach gibt es keine Komplikationen. Michael Schmidt geht es so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. „Es ist ein ganz neues Leben“, erzählt er. „Unglaublich.“ Und als er sagt, wie dankbar er für die Organspende ist, muss er die Tränen unterdrücken. Er weiß nicht viel über seine neue Niere. Nur, dass er sie von einem großen, kräftigen Mann bekommen hat, ein paar Jahre älter als er.

Oft denkt er darüber nach, wie es wohl gewesen ist. Ob der Mann, der ihm sein neues Leben geschenkt hat, einen Organspende-Ausweis hatte? Oder haben die Angehörigen an seinem Totenbett so entschieden? „Ich bin so froh und dankbar, dass es Menschen gibt, die so entscheiden“, sagt Michael Schmidt.

Wenn sich nur jeder überhaupt entscheiden würde! Darüber hat Michael Schmidt mit den anderen in seiner Dialyse-Schicht oft geredet. „Es würde so viel mehr lebenswichtige Organe geben, es könnte so viel mehr Menschen das Leben gerettet werden, wenn jeder für sich klar machen würde, ob er für oder gegen eine Organspende ist. Genau das ist das Problem.

In mehr als der Hälfte der Fälle wissen Angehörige nicht, wie der Verstorbene wohl entschieden hätte – und entscheiden deswegen viel öfter gegen als für eine Organspende, bestätigt der für Ostsachsen zuständige Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Nils-Horst Hildebrandt. Auch die Offensive der Krankenkassen, jedem Versicherten seinen Organspendeausweise direkt nach Hause zu schicken, habe an der Situation bisher noch nicht wirklich viel geändert, sagt Hildebrandt. Zwar hätten jetzt mehr Menschen einen Spenderausweis, steigt die Zahl der postmortalen Organspenden wieder an, aber nur langsam: 21 Spender waren es in Sachsen von Januar bis April 2014.

516 Menschen aus Sachsen stehen derzeit auf der Warteliste von Eurotransplant, darunter auch 17 weitere Dialyse-Patienten aus dem Bautzener Nierenzentrum. Michael Schmidt muss jetzt Blutdruck messen. Dann wird er eine Runde laufen gehen, um die Muskeln zu stärken. Nächste Woche fährt er mit seiner Frau in den Urlaub. Zum ersten Mal seit zehn Jahren.