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Ein Gigant wächst zum Himmel

Eine Firma aus Freiberg will den Lautitzer Windpark erweitern. Sieben Räder stehen dort schon. Das achte wird ein Riese.

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Von Susan Ehrlich

Bleibt alles, wie es ist, entsteht ab Juni dieses Jahres nördlich von Lautitz ein neues Windrad. Und das wird dann nicht zu übersehen sein. 199,5 Meter soll es in die Höhe wachsen und einen Rotordurchmesser von knapp über 100 Metern haben. Im Landkreisjournal wurde die Baugenehmigung öffentlich bekannt gemacht. Bis zum 12. Februar lagen die Unterlagen für die geplante Windenergieanlage in Löbaus Außenstelle des Landratsamtes öffentlich aus. Eine Bürgerinitiative von Menschen aus Tetta und Neucunnewitz hat bereits Widerspruch gegen die Genehmigung der Anlage beim Landkreis eingelegt. Das Widerspruchsverfahren läuft bereits, bestätigte die Pressestelle des Kreises der SZ.

Klar: Die Menschen wohnen nahe dran am neuen Windrad, dem dann achten im dort bestehenden Windpark. Die Anwohner sehen ihre Lebensqualität und ihre Interessen am Schutz von Kultur, Landschaft und Tierwelt noch weiter in Gefahr, als sie es aufgrund der bereits existierenden Windräder bereits seien. „Zu hören sind die Rotoren schon, wenn sie sich drehen“, sagt eine Anwohnerin. „Auch noch in 600 Metern Entfernung.“ Aber man gewöhne sich dran, und wirklich laut sei das ja auch gar nicht. Darf es auch nicht sein. Dafür gibt es gesetzliche Vorschriften. Und der vor Jahren vom Regionalen Planungsverband Niederschlesische Oberlausitz aufgestellte Plan für den Bau solcher Windkraftanlagen bescheinigt der Lautitzer Region genau das, was es braucht.

Der Standort, an dem das Windrad errichtet werden soll, liegt in einem dafür ausgewiesenen Gebiet. „Gute Windbedingungen sind bescheinigt, und alle rechtlich vorgeschriebenen Kriterien ohnehin längst geprüft“, sagt Rainer Sack. Er ist der Geschäftsführer der Firma eab Projektmanagement mit Sitz in Freiberg und damit auch künftiger Errichter und Betreiber der Anlage bei Lautitz. Es ist bislang die erste und einzige der Firma in der Region. „Wir sind ein sächsisches Unternehmen und verwirklichen natürlich am liebsten Projekte in der Nähe“, sagt er. Auch in Thüringen entstehen zurzeit zwei solch gigantische Windräder in Regie der Freiberger Firma, die darüber hinaus auch in anderen europäischen Ländern aktiv ist und bislang weit über 200 Projekte verwirklicht hat.

Bebauung und Natur werden durch die neue Riesen-Windmühle nur gering gestört. 500 Meter Abstand zu Wohnhäusern sind vorgeschrieben. „Wir halten etwa 600 Meter zum nächsten einzelnen Haus ein“, so Rainer Sack. Zur Siedlung Neucunnewitz sind es sogar 750 Meter. Auch den umweltrelevanten Aspekten stellt sich die Freiberger Firma. Denn: Im südlicher liegenden Wäldchen brütet hin und wieder der Rotmilan, der zu den habichtartigen Greifvögeln zählt. Seinetwegen wird die Freiberger Firma jedes Jahr Überprüfungen zum Balz- und Brutverhalten des Tieres dulden – und gegebenenfalls das Windrad vorübergehend abschalten müssen. „Eine anderweitige Gefährdung geschützter Tierarten ist ebenfalls geprüft, aber nicht bestätigt worden“, so der Chef des Unternehmens aus Freiberg.

Zuständig für Angelegenheiten dieser Art ist die Untere Immissionsschutzbehörde des Landkreises. Deren Sachgebietsleiterin, Heike Brinner, spricht von einem langen Verfahren vor der Genehmigung zum Windradbau. Unter anderem musste auch die Pächterin der Felder aus Kittlitz einbezogen werden. Auf ihrem Pachtland soll die riesige Windenergieanlage entstehen, die drei Megawatt Strom je Stunde erzeugen kann. Und sie weiß inzwischen, welche Feldfrüchte den Rotmilan anziehen könnten. „Vereinbart wurde, dass die Anlage während der Ernteperiode aufgrund des vorliegenden Futterangebotes zeitweilig abgeschaltet werden muss“, sagt Frau Brinner. Die Kittlitzer Pächterin bestätigt: „Ich muss eben sehen, was ich anbaue.“ Doch Entscheidungen wie den Windradbau treffe der Eigentümer des Flurstücks. „Darauf habe ich keinen Einfluss“, so die Frau.

Von 6 bis 22 Uhr darf die Anlage mit voller Kraft laufen. Nachts soll ihr Betrieb reduziert werden, um Lärm und Schall einzudämmen. So sehen es die Pläne derzeit vor. Die weit über 40 Meter langen Rotorblätter müssen farblich gekennzeichnet werden: orange/rot – grau/weiß, in vorgeschriebenen Abständen. Und da die Anlage höher ist als 100 Meter, musste auch die Luftfahrtbehörde zustimmen. Das Windrad muss demnach auch in Luftfahrkarten vermerkt werden. Selbst der Arbeitsschutz ist geregelt. Beispielsweise, wenn es um die Errichtung des Giganten geht: „An der Gondel ist zu jedem Zeitpunkt sicherzustellen, dass Arbeitnehmer nicht abstürzen können“, steht in den einsehbaren Unterlagen.

Hans Zieschank von der Bürgerinitiative aus Tetta und Neucunnewitz kritisiert, dass der Landkreis dem Investor sofortigen Baustart ermöglicht hat. Hintergrund sind hier offenbar Befürchtungen der Freiberger Windradfirma, dass sich mit der Überarbeitung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes die finanzielle Situation verschlechtern könnte. Für die Bürger sei das alles nicht mehr vermittelbar, ist Windradgegner Zieschank überzeugt. Schließlich würden auch ausgewiesene Schutzgebiete für Pflanzen und Tiere an das Windfeld angrenzen, erklärt die Initiative – und bemängelt, dass die Bürger im Vorfeld zu wenig beteiligt gewesen waren.

Mehr Information zu den Plänen hätten sich auch einige Löbauer gewünscht, das wurde zur jüngsten Stadtratssitzung deutlich. Oberbürgermeister Dietmar Buchholz erklärte jedoch, dass die Stadt in diese Verfahren nicht eingebunden sei.