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Ein Glücksfall für Görlitz

Bernd Thiedig saniert in Görlitz ein Haus nach dem anderen. Am Sonntag wird der Berliner 70.

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Von Ingo Kramer

Vor drei Jahren hat sich Bernd Thiedig mal ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Bis zu seinem 70. Geburtstag, so war seine Prognose, will er seine Sanierungsprojekte in Görlitz allesamt geschafft haben. Damals war von seinen neun Häusern in der Hotherstraße gerade ein einziges fertig, bei zwei weiteren war das Ziel absehbar.

Diesen Sonntag wird Bernd Thiedig 70. Dass er sein Ziel von damals nicht erreicht hat, ist, genau wie er selbst, ein Glücksfall für Görlitz. Noch immer setzt sich der pensionierte Berliner Maschinenbaufabrikant jede zweite Woche ins Auto, um das Baugeschehen in der Hotherstraße aus der Nähe zu betreuen. Dass hier noch an drei Häusern gebaut wird, liegt aber nicht daran, dass Thiedig oder seine Arbeiter getrödelt hätten. Stattdessen sind bei dem umtriebigen Berliner immer weitere Bauvorhaben dazu gekommen, die er mal eben dazwischen geschoben hat, weil es Denkmale zu retten galt. Und so dürfen die Görlitzer davon ausgehen, dass Thiedig noch ein paar Jährchen in Görlitz aktiv bleiben wird. Stillhalten ist einfach nicht sein Ding.

Ursprünglich ist er in den 1990er Jahren nur durch Zufall auf Görlitz gestoßen. Damals betrieb er in Berlin neben einer Maschinenbaufabrik auch eine Hausverwaltungsfirma. „Hausverwaltung und regenerative Energien sind meine Hobbys“, hat er einmal gesagt. Schon 1995 erwarb er sein erstes Görlitzer Gebäude, die Bahnhofstraße 63. Kurz darauf sanierte er das Haus und installierte eine Solaranlage auf dem Dach. Sieben weitere Häuser, vor allem im Gründerzeitgebiet, aber auch am Untermarkt, hat er im Laufe der darauffolgenden Jahre unter Nutzung alternativer Energien und hochwertiger Materialien saniert. Mit dieser Strategie hatte er noch nie Sorgen, Mieter zu finden: Seine Häuser sind so energieeffizient saniert, dass für die Mieter sehr geringe Nebenkosten anfallen. Dieses Argument überzeugt Interessenten so sehr, dass die Häuser meist schon voll vermietet sind, bevor die Sanierung fertig ist.

Für die Bauarbeiten hat Thiedig in Görlitz eine eigene Firma. Die Arbeiter unterschiedlicher Gewerke haben früher meist ein Haus fertiggestellt und dann mit dem nächsten begonnen. So hat er es jahrelang gehandhabt – und in der Regel ein Haus pro Jahr geschafft. Mit dem Kauf der neun Häuser in der Hotherstraße hat sich die Zahl seiner Görlitzer Denkmale mehr als verdoppelt. Seither arbeiten seine Leute zeitgleich an mehreren Häusern. Später kamen dann Häuser auf der Neißeinsel an der Obermühle und noch weitere Gebäude im Stadtgebiet hinzu. Aktuell saniert er neben der Hotherstraße auch die Uferstraße 25. Und der nächste Streich folgt bestimmt.