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Ein grausamer, langsamer Tod

Zwei Obdachlose sollen einen dritten vor der Altmarkt-Galerie brutal zusammengeschlagen haben. Einer steht nun vor Gericht, der andere ist flüchtig.

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Von Alexander Schneider

Was genau ist in der Nacht zum 30. Juli vergangenen Jahres passiert? Das ist die Frage, mit der sich das Landgericht Dresden seit gestern im Prozess gegen einen 26-jährigen Angeklagten beschäftigt. Der Mann aus Ungarn soll mit seinem Komplizen, einem 56-jährigen Slowaken, am Dr.-Külz-Ring vor der Altmarkt-Galerie einen 43-jährigen Tschechen brutal zusammengeschlagen haben. Miroslaw B. wurde dabei so schwer verletzt, dass er am 28. Dezember in einer Reha-Einrichtung in Tschechien den Folgen der Tat erlag. Während sich Sandor S. nun wegen Totschlags verantworten muss, fehlt von dem mutmaßlichen Mittäter Woitek R. jede Spur.

Sechs Ladendiebstähle

Bislang ist völlig unklar, in welcher Beziehung die drei Männer zueinanderstanden. Sie alle hatten keinen festen Wohnsitz und waren dem Alkohol recht zugeneigt. Laut Anklage soll S. innerhalb der letzten 48 Stunden vor der massiven Schlägerei mehrfach auf den Tschechen eingeprügelt haben, zweimal zusammen mit Woitek R. Tatort war stets der Vorplatz am Dr.-Külz-Ring am Durchgang zur Altmarkt-Galerie. Außerdem wirft die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten sechs Ladendiebstähle vor, alle im Juli. Einmal sei er während einer Festnahme auf Polizisten losgegangen.

Sandor S. gab die meisten Diebstähle zu, bestritt jedoch den Angriff auf die Bundespolizisten. Zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Miroslaw B. machte er von seinem Recht zu schweigen Gebrauch. Er wurde unter anderem auf Fotos aus einer Straßenbahn wiedererkannt – sein Verteidiger Alexander Hübner widersprach jedoch der Verwertung dieser Fotos als Beweismittel. Er begründete dies mit Fehlern bei der Vorlage der Bilder.

„Überall war viel Blut“

Immerhin konnte die Sache schnell aufgeklärt werden. Als der Notarzt kurz nach 0.30 Uhr den lebensgefährlich verletzten Mann behandelte, berichtete eine Radfahrerin, zwei Männer, die zu dem Verletzten gehörten, seien zur gegenüberliegenden Haltestelle gelaufen. Rettungsassistent Dirk O. fuhr dorthin, sprach die beiden betrunkenen Männer an und bat sie, zurück zum Verletzten zu kommen. „Einer bedrohte mich. Er sagte: Verschwinde, sonst gibt es aufs Maul“, sagte O. als Zeuge aus. 40 Minuten habe er an der Einsatzstelle auf die Polizei gewartet, daran könne er sich noch genau erinnern. Stunden später vor seiner Polizeivernehmung in der Schießgasse habe er den älteren der beiden Männer in einem Streifenwagen wiedererkannt. Den jüngeren Verdächtigen, der ihn bedroht habe, habe er in der folgenden Nacht ebenfalls im Polizeigewahrsam gesehen – Sandor S. habe dort über Zahnschmerzen geklagt.

An Miroslav B. kann sich O. noch gut erinnern. Er habe auf dem Boden vor einer Parkbank gelegen – „Schwer verletzt mit einem stark demolierten Kopf, überall war viel Blut“. Solche Bilder sehe man zum Glück selten, sagte der Rettungsassistent.

Das Schwurgericht hat zunächst sechs Verhandlungstage eingeplant. Nachdem S. jedoch keine Angaben zu dem Hauptvorwurf macht, könnte das Verfahren auch etwas länger dauern.