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Grünen-Chef zwischen Bauern

Ökopartei und konventionelle Landwirte, diese Beziehung gilt als schwierig. Jetzt trafen beide Seiten in Kreinitz aufeinander.

In manchen Fragen gar nicht so weit auseinander: Landesbauernverbands-Vorstand Torsten Krawczyk (l.), Grünen-Chef Robert Habeck (M.) und Gerhard Förster (r.) von der Kreinitzer Agrargenossenschaft.
In manchen Fragen gar nicht so weit auseinander: Landesbauernverbands-Vorstand Torsten Krawczyk (l.), Grünen-Chef Robert Habeck (M.) und Gerhard Förster (r.) von der Kreinitzer Agrargenossenschaft. © Sebastian Schultz

Kreinitz. Zum Schluss wird es hektisch: Als ein Gewitter über die Elbe zieht und es zu regnen beginnt, sucht die Gruppe aus Politikern, Landwirten und Journalisten erst Schutz unter Bäumen. Das währt aber nur kurz. Weil der Wolkenbruch heftiger ausfällt als gedacht, spurten alle in die Autos. Früher als geplant ist so der Besuch von Grünen-Chef Robert Habeck am Dienstag in Kreinitz zu Ende gegangen. 

Eigentlich wollte der Grünen-Bundesvorsitzende und von manchem als Kanzlerkandidat seiner Partei für 2021 gehandelte Politiker schon vor ein paar Wochen kommen. Habeck sagte dann aber wegen eines Corona-Verdachtfalls in seinem Umfeld ab. Nun schaute er doch noch während seiner Sommertour vorbei. Der Chef jener Ökopartei, auf die manch Landwirt gar nicht gut zu sprechen ist.

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Von Abneigung ist in Kreinitz aber wenig zu spüren. Er sei überrascht, aber auch erfreut über den Anruf gewesen, dass Habeck kommen wolle, so Gerhard Förster. Der Vorstand der Kreinitzer Agrargenossenschaft "Unteres Elbtal" und Chef des Regionalbauernverbandes Elbe-Röder ist quasi der Gastgeber bei dem Treff auf einer kleinen Lichtung nahe dem Elberadweg. Mit einem Plausch über putzige Biber, schwimmstarke Stockenten und nistende Störche sorgt er für einen entspannten Auftakt am Elbufer, der auch dem ehemaligen schleswig-holsteinischen Umweltminister Habeck zugesagt haben dürfte. 

Problem Bodenspekulation

Erfahrung im Umgang mit Grünen-Politikern hat Landesbauernverbands-Präsident Torsten Krawczyk. Nach seinem Amtsantritt 2019 habe er sich mit seinem Altersgenossen Wolfram Günther – Sachsens Umweltminister und auch seit vorigem Jahr im Amt – darauf verständigt, alte Grabenkämpfe beiseite zu lassen und "nach vorne zu gehen". Auch zum Grünen-Chef sagt Krawczyk am Dienstagnachmittag: "Herr Habeck, wir sind ja gar nicht so weit auseinander." 

Doch trotz Sätzen wie diesem und aller Freundlichkeit im Umgang miteinander: Dass die Ansichten in der Sache zuweilen eben doch stark auseinander gehen, zeigt die Debatte an der Elbe ein ums andere Mal. Während Torsten Krawczyk angesichts der anhaltenden Dürrejahre eine Chance in der Züchtung  stressresistenter Pflanzen sieht, ist Robert Habeck skeptisch. Derlei Argumente habe er schon vor 20 Jahren gehört, einen Züchtungsfortschritt gebe es aber schon seit 15 Jahren nicht. 

Habeck kann sich vorstellen, Bodenspekulation und steigende Bodenpreise mittels staatlicher Eingriffe einzudämmen. Da wiederum sind die Bauern skeptisch: Das hätten die jetzigen Gesetze auch schon versucht und nicht verhindert – warum sollte eine Neuregelung das können? Hinzu kommen Vorbehalte gegenüber dem Staat als Spekulationsbremser. Immerhin sei es der  Treuhand-Nachfolger BVVG und damit ein Staatsunternehmen, das auf Versteigerung von Agrarflächen setzt. Da, wo der Staat die Hand drin habe, sei die Spekulation am größten, so Bauern-Präsident Krawczyk.

Auch bei der Frage, wie die Zuschüsse von EU und Land für die Bauern verteilt werden sollen, sind die Ansätze verschieden. Robert Habeck will Mittel dorthin verteilen, wo "gesellschaftlicher Nutzen" entsteht und Maßnahmen für Natur- und Klimaschutz stärker prämieren. Wenn aber Flächen dafür aus der Bewirtschaftung genommen würden, wirkt sich das negativ auf Betriebe mit Tierhaltung aus – und die sei in Sachsen schon jetzt auf dem Rückzug, so Bauern-Präsident Krawczyk. 

Letztlich landet die Diskussion beim Verbraucher, der für die Produkte wie Fleisch oder Milch mehr zahlen muss, wenn die Landwirtschaft – sei es bedingt durch Klimaveränderungen, neue politischen Vorgaben oder beidem – weniger davon erzeugt. Bei armen Menschen müsse das über sozialpolitische Maßnahmen abgefedert werden, so Robert Habeck. 

"Regen ist der neue Sonnenschein"

Landwirt Gerhard Förster sieht es so: "Landwirte sind ja pragmatische Leute." Wenn es eine andere Lösung gebe, die bei geringeren Erträgen einen Ausgleich für die Landwirte und den Betrieben eine Existenz ermögliche, dann gebe es kein Problem. Auch Robert Habeck hatte zuvor betont, er glaube, dass sich Ökonomie und Ökologie versöhnen lassen. 

Das dürfte aber vor allem eine finanzielle Frage sein, zumal die Agrarbetriebe ohne Zuschüsse im globalen Wettbewerb nicht überleben können, wie die Bauernvertreter immer wieder deutlich machen. Und gerade beim Geld ist Landesbauern-Präsident Torsten Krawczyk in Sorge: vor dem Hintergrund der Corona-Situation stünden die öffentlichen Haushalte unter Druck.

Gelöst hat der Nachmittag die strittigen Fragen nicht, aber immerhin bringt er etwas von dem in den vergangenen Jahren so raren Niederschlag. "Regen ist der neue Sonnenschein", hatte Bauernpräsident Krawczyk gesagt. Dass der von den Landwirten ersehnte Regen ausgerechnet am Ende eines Treffens mit einem Grünen-Politiker kommt, lässt sich insofern vielleicht sogar als gutes Omen begreifen. 

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