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„Ein Gymnasium in Wilsdruff wäre prekär“

Stilvolle Möbel. Gepflegte Grünpflanzen auf Schrank, Tisch, Fußboden, Fensterbrett. Ein Ausblick auf Schloss Nossen und die Hänge des Muldentals: Karsten Zeibig kann mit seinem Arbeitsplatz zufrieden sein.

Stilvolle Möbel. Gepflegte Grünpflanzen auf Schrank, Tisch, Fußboden, Fensterbrett. Ein Ausblick auf Schloss Nossen und die Hänge des Muldentals: Karsten Zeibig kann mit seinem Arbeitsplatz zufrieden sein. Der Leiter des Geschwister-Scholl-Gymnasiums hat eine komplett sanierte Schule, ein gut gemischtes Kollegium und Schüler aus weitem Umkreis. Und dennoch macht sich der 60-Jährige Sorgen: Keine 20 Kilometer entfernt in Wilsdruff plant der Nachbarlandkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge ein neues Gymnasium. Das hätte Folgen für Nossen. Der Kreis Meißen hat deshalb jetzt beschlossen, dagegen alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen.

Herr Zeibig, in Wilsdruff will man ein neues Gymnasium bauen. In Nossen ist man strikt dagegen. Gönnen Sie den Nachbarn keine zusätzliche Schule?

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"Was hast du zu essen mit, Mama?"
"Was hast du zu essen mit, Mama?"

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Ich kann nachvollziehen, dass der Kreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge ein neues Gymnasium bauen will. Aber muss es unbedingt in Wilsdruff sein? Viel verträglicher wäre doch ein Standort Richtung Kesselsdorf oder Freital.

Was spricht denn gegen Wilsdruff?

Die Nähe zu Nossen. Beide Standorte wären unnötig dicht beieinander. Das würde zu einer unguten Konkurrenz bei den Schülerströmen führen. Ich kann deshalb den Standpunkt des Kreises Meißen – unseres Schulträgers – sehr gut verstehen.

Was wäre denn die Folge für das Nossener Geschwister-Scholl-Gymnasium?

Vor allem aus dem Gebiet der Gemeinde Klipphausen könnten sich Familien neu orientieren. Das bedeutet womöglich für uns, dass eine komplette Klasse wegfällt – im schlimmsten Falle auch mehr. Das wäre prekär für unser Gymnasium.

Warum?

Wenn wir anderthalb Klassen einbüßen, bleiben von jetzt vier Zügen nur zweieinhalb übrig. Für ein Gymnasium schreibt der Freistaat allerdings mindestens drei Züge vor. Die Konsequenzen kann sich jeder selbst ausmalen.

Wie sieht es denn aktuell mit den Schülerzahlen bei Ihnen aus?

Momentan lernen bei uns 768 Schüler. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt. In früheren Jahren mussten wir sogar schon Schüler nach Freital und Döbeln umlenken. Wir sind ein ländliches Gymnasium, deshalb kommen viele Schüler mit dem Schulbus zu uns: etwa aus Klipphausen, Lommatzsch, Mochau oder Roßwein – aber auch aus Siebenlehn oder Großschirma.

Viele Orte davon zählen aber nicht mehr zum Kreis Meißen ...

Das stimmt. Vor der Kreisreform stammten unsere Schüler aus fünf verschiedenen Landkreisen. Und genau für dieses Einzugsgebiet wurde unser Gymnasium auch umfangreich saniert und erweitert. Das hat Millionen gekostet, aber auch den gewünschten Erfolg gehabt.

Welchen?

Wir haben uns in den vergangenen Jahren einen soliden Ruf erarbeitet – trotz all der Konflikte, die es an jeder Schule gibt.

Warum sollte ich mein Kind ausgerechnet ans Gymnasium Nossen schicken?

An meiner Schule unterrichten engagierte Lehrer. Wir haben ein prima Lehrer-Schüler-Verhältnis. Und unser Profil-Angebot kann sich sehen lassen! Wir sind etwa für musikalische Aktivitäten bestens ausgestattet. Bei uns kann man etliche Instrumente spielen oder sich in Chor oder Band engagieren. Es gibt eine beeindruckende Schulbibliothek und regelmäßige Busfahrten ins Meißner Theater, an denen viele Schüler teilnehmen.

Kultur ist doch aber nicht alles ...

Natürlich nicht! Auch in den Naturwissenschaften braucht sich das Geschwister-Scholl-Gymnasium nicht zu verstecken. Schüler waren mehrfach im Fach Biologie bei Jugend forscht erfolgreich. Außerdem arbeiten wir wissenschaftlich mit der TU Freiberg und dem Landesamt für Umwelt und Geologie zusammen. Und wir können jedes Jahr einen Leistungskurs Chemie einrichten – was an vielen Gymnasien nicht selbstverständlich ist.

Wie sieht es beim Thema Sport aus?

Auch dort hat unsere Schule etwas zu bieten: Die Sportlehrer organisieren jährlich den Muldental- und den Geschwister-Scholl-Lauf. Unsere Siebtklässler fahren regelmäßig ins Winterlager und lernen dort Abfahrtsski.

Gibt es für all die Angebote überhaupt genug Lehrer? Ich könnte mir vorstellen, dass manch Absolvent lieber nach Dresden geht als nach Nossen.

Das funktioniert schon. Wir haben viele Kollegen, die in Dresden wohnen – mit dem Auto ist man schnell in Nossen. Von insgesamt 56 Lehrern sind 17 um die 40 Jahre oder jünger. In den vergangenen Jahren wurden bei uns neue Kollegen eingestellt, regelmäßig absolvieren Referendare und Praktikanten hier ihre Ausbildung. Häufig sagen sie mir, dass sie später gern bei uns in Nossen arbeiten würden.

Warum?

Der Zusammenhalt in der Lehrerschaft ist vorbildlich. Ich würde mir wünschen, dass das, was sich an unserem Gymnasium entwickelt hat, auch in Zukunft Bestand hat.

Gespräch: Christoph Scharf