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Ein halber Liter Leben

Jürgen Beulich spendet seit den 1970er Jahren Blut. Der DA hat sich angeschaut, welchen Weg sein Blut nimmt, wenn es den Arm verlassen hat.

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Von Carsten Gäbel

Die Blutsauger haben an diesem Montag Quartier in der Döbelner Schloßbergschule bezogen. Berge mit belegten Brötchen stapeln sich im Speisezimmer neben der Küche, der Kaffee brodelt, es riecht nach Käse und Ralf Fillies versprüht gute Laune. Es ist wieder einmal Tag der guten Tat: Das Rote Kreuz hat zur Blutspende aufgerufen und das gute Gewissen, mit dem hier DRK-Helfer, Schwestern, Mediziner und natürlich die Spender selbst durch die Schulräume huschen, hat selbst den Rot-Kreuz-Bereichsleiter nicht verschont. Er selbst ist Rettungssanitäter, die Schloßbergschule zu dieser Zeit angesichts der vielen Fachleute wohl der denkbar beste Ort zum Umkippen oder Schlechtwerden, doch übel, sagt Ralf Fillies, wird den Blutspendern eher selten. Er ist damit beschäftigt, den Menschen nach getaner guter Tat Schokolade, Shampoo und Flüssigseife anzupreisen – heute die Präsente des Tages und ein kleines Dankeschön für einen halben Liter Lebenssaft.

Thomas Blankenburg inspiziert in seinem Chemnitzer Büro ein Probenröhrchen mit zentrifugiertem Blut.
Thomas Blankenburg inspiziert in seinem Chemnitzer Büro ein Probenröhrchen mit zentrifugiertem Blut.
So viel Zeit muss sein: Nachdem er einen halben Liter Blut gespendet hat, stärkt sich der LKW-Fahrer mit belegten Brötchen. Ralf Fillies reicht ihm eine Wurst.
So viel Zeit muss sein: Nachdem er einen halben Liter Blut gespendet hat, stärkt sich der LKW-Fahrer mit belegten Brötchen. Ralf Fillies reicht ihm eine Wurst.
Schwester Annabell hält Lebenssaft in Beuteln: Die Blutspenden werden in Döbeln in Kühlboxen verpackt und ins Blut-Zentrallager des DRK nach Dresden geschickt.
Schwester Annabell hält Lebenssaft in Beuteln: Die Blutspenden werden in Döbeln in Kühlboxen verpackt und ins Blut-Zentrallager des DRK nach Dresden geschickt.
Auf dieser Mikrotiterplatte werden Blutproben auf Antikörperreaktionen getestet: Roter Punkt: Keine Reaktion. Wässrig-rote Matte: Reaktion stattgefunden.Fotos: C. Gäbel (2)
Auf dieser Mikrotiterplatte werden Blutproben auf Antikörperreaktionen getestet: Roter Punkt: Keine Reaktion. Wässrig-rote Matte: Reaktion stattgefunden.Fotos: C. Gäbel (2)

Jürgen Beulich steht seine Spende noch bevor, gerade sitzt er über dem Fragebogen zur Selbstauskunft. Hatten Sie jemals Malaria, haben Sie sich in den vergangenen vier Monaten piercen oder tätowieren lassen, waren Sie zwischen 1980 und 1996 länger als sechs Monate in Großbritannien? Ein Ja zu einer dieser Fragen würde dazu führen, dass Beulichs Blut im Labor vernichtet wird. Die Frage zu Großbritannien bezieht sich auf die in jener Zeit dort grassierende Rinderseuche BSE, von der man vermutet, dass sie beim Menschen die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auslöst. Die Krankheit lässt sich im Blut nicht nachweisen. Der 61-Jährige hat mit den Fragen Routine: Seit den 1970er Jahren spendet der Lkw-Fahrer Blut, heute ungefähr zum 93. Mal, schätzt der Döbelner, etwa vier- bis fünfmal pro Jahr. Gerade hat Teamassistent Sven Hilmer ihn in den Finger gepikst, um seinen Hämoglobinwert zu bestimmen. Hämoglobin enthält Eisen und Eisen bindet Sauerstoff im Blut. Nur wer ausreichend Hämoglobin hat, darf Blut spenden. Jürgen Beulich darf.

In einem Klassenzimmer sind vier Liegen aufgebaut. Nachdem der Lkw-Fahrer eingetreten ist, muss er noch schnell hinter eine Art Wahlkabine treten. Die potenziell peinlichen Themen finden sich nicht auf dem Fragebogen, sondern in der Wahlkabine: Hatten Sie als Mann jemals Sex mit Männern? Haben Sie je als männliche oder weibliche Prostituierte gearbeitet? Haben Sie sich irgendwann einmal Drogen gespritzt? Homosexuell lebende Männer gehören wie Drogenabhängige und Strafgefangene zu Risikogruppen, die, statistisch gesehen, mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Infektionskrankheit in sich tragen und deren Blut nicht auf andere Menschen übertragen werden darf. Homosexuellenverbände beklagen zwar, dass Schwule pauschal von der Blutspende ausgeschlossen werden. Die Bundesärztekammer hält jedoch nach wie vor an diesen Regeln fest.

Peinliche Fragen zur Sicherheit

In der Wahlkabine muss Jürgen Beulich einen von zwei Aufklebern auf seinen Fragebogen kleben. Auf jedem steht ein Barcode: Mit dem einen kann er sein Blut zur Verwendung freigeben, mit dem anderen sperrt er seine Blutspende, weil er sich einer Risikogruppe zurechnet. Da nur Technik die Barcodes versteht, ist von außen nicht zu erkennen, welche Antwort jemand gegeben hat. Wird jemand im Gruppenzwang zur Blutspende getrieben, obwohl er weiß, dass er eine ansteckende Krankheit in sich trägt, kann auf diese Weise die Notbremse ziehen, ohne vor den Kumpels das Gesicht zu verlieren.

Die eigentliche Spende ist dann ein Klax: DRK-Schwester Jane schiebt ihm die Nadel mit einem Innendurchmesser von 1,3 Millimetern in den Arm. „Wehtut es nicht“, sagt Jürgen Beulich, der auf der Spenderliege so entspannt ist wie vorher. Er hat beim Blutlassen noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Knapp 500 Milliliter Menschenblut der Blutgruppe A, Rhesus positiv fließen in einen Plastikbeutel, der auf einer Blutmischwaage liegt. Das Gerät schwenkt das Säckchen ständig hin- und her. Diese Bewegung und eine Zitronensäurelösung im Beutel verhindern, dass der Lebenssaft gerinnt. Außerdem läuft ein geringer Teil der roten Flüssigkeit in vier Röhrchen, anhand derer später die Blutgruppe überprüft und das Blut auf Krankheitserreger getestet wird. Als die Prozedur nach knapp 10 Minuten abgeschlossen ist, nimmt Beulich sich noch ein paar Minuten für einen Happen und ein bisschen Ruhe. Die Vesper gehört zur Blutspende wie der Deckel zum Topf. Beulichs Blutbeutel wandert, mit Etiketten beklebt, in eine Kühlbox. 50 bis 70 regelmäßige Spender trommelt der DRK-Ortsverein Döbeln bei jedem der neun Spendentermine im Jahr zusammen. Nach dreieinhalb Stunden verschwinden rund 30 Liter Blut im gekühlten Kleintransporter.

Ortswechsel. Nachdem sie über Nacht in einer Kühlkammer standen, landen einen Tag später etwa 120 Proben mit Döbelner Blut im Spenderlabor an der Chemnitzer Zeisigwaldstraße – zwei Röhrchen von jedem Spender. Der Biologe Thomas Blankenburg ist stellvertretender Laborleiter des dortigen Instituts für Transfusionsmedizin und selbst Blutspender. Medizinisch-Technische Assistenten (MTAs) stehen an großen Automaten und bestimmen die Blutgruppen. Das heißt, die Automaten bestimmen, die Menschen überwachen nur noch, ob die Automaten richtig arbeiten. Ganz am Anfang der Maschinenstraße befindet sich eine Zentrifuge, die die Röhrchen palettenweise so stark beschleunigt, dass sich Zellen wie die roten Blutkörperchen unten und das gelbliche Blutplasma darüber im Röhrchen ansammelt. Nach dieser Prozedur hebt eine Laborantin die taschenbuchgroßen Paletten, sogenannte Racks mit jeweils zehn Röhrchen, in einen automatischen Entkorker, so massig wie zwei Kopierer. Greifarme schrauben die Verschlüsse ab. Nun sind die Röhrchen bereit für den eigentlichen Test in einem der drei Blutgruppenautomaten. „Olympus“ steht auf den Maschinen, von denen jede so groß ist wie eine Anrichte. Wer dabei an den Kamerahersteller denkt, liegt richtig.

Blutgruppen werden über Antikörperreaktionen bestimmt (siehe Infokasten). Jemand, der per Hand Blutgruppen identifizieren müsste, würde den ganzen Tag mit einer Pipette verschiedene Antikörperseren auf Proben von Blutstropfen träufeln und schauen, ob der Tropfen unverändert kräftig rot bleibt oder in eine wässrig-rote Flüssigkeit zerfließt. Die wässrig-rote Flüssigkeit bedeutet, dass eine Antikörperreaktion stattgefunden hat. Die größte Herausforderung bei dieser Tätigkeit besteht wohl darin, dass die 4000 Röhrchen von 2000 Blutspendern, die jeden Tag durch das Labor wandern, nicht verwechselt werden. Deshalb trägt jede Blutprobe einen Aufkleber mit Barcode, den die Automaten bei jedem Arbeitsschritt einscannen. Menschen würden bei der Menge an Proben höchstwahrscheinlich irgendwann Röhrchen verwechseln. Und Fehler sind hier lebensgefährlich.

Die Olympus-Anrichten saugen das Blut mit Nadeln aus den Röhrchen und geben aus jeder Blutprobe einige Tropfen auf eine Art Kunststofftablett, eine sogenannte Mikrotiterplatte. Zehn Spender pro Platte untersucht die Maschine so auf verschiedene Merkmale und Antikörper. Blut von Spendern, die angegeben haben, bereits eine Bluttransfusion erhalten oder ein Kind zur Welt gebracht zu haben, wird an einem weiteren Automaten auf zusätzliche Antikörper untersucht (siehe Infokasten). Eine Kamera fotografiert die Ergebnisse, ein Computer erkennt den Unterschied zwischen klarem, rotem Tropfen und wässrig-roter Flüssigkeit und wertet die Ergebnisse aus. Widersprüchliche sowie uneindeutige Ergebnisse landen bei einer Laborantin, die dieses Blut noch einmal per Hand prüft. Mehr als ein halbes Prozent Fehlermeldungen pro Tag produziert dieser Maschinenraum des Labors nicht, sagt Blankenburg.

Während in Chemnitz die Blutgruppen bestimmt und in einem weiteren DRK-Labor in Plauen der Döbelner Lebenssaft auf Infektionskrankheiten untersucht wird, tickt beim Institut für Transfusionsmedizin im Dresdner Osten die Uhr. Nicht mehr als 24 Stunden dürfen vergangen sein, bis das Blut fertig verarbeitet und verpackt im Kühlraum gelandet ist. Deshalb wird jeder Blutbeutel dieser Prozedur unterzogen, auch wenn erst später am Tag feststehen wird, ob die Tester in Chemnitz und Plauen grünes Licht für die Weiterverwendung geben.

Die Männer und Frauen der Blutspendeteams haben die Spenden des Vortages in den Kühlboxen chronologisch sortiert: Die zuerst genommenen Spenden liegen oben, als früh am Morgen die Mitarbeiter von Chemiker Matthias Johnsen die Blutbeutel auspacken. Sorgfältig hebt ein junger Mann einige Blutspenden in eine der zehn Zentrifugen, die aussehen wie überdimensionierte Toplader-Waschmaschinen. Plastikkanten und -ecken der Blutbeutel mit ihrem Filter, Ventilen und einem System an Schläuchen dürfen nicht drücken oder stechen, denn in den Zentrifugen geht es rund: Auf die 4 000-fache Erdanziehungskraft beschleunigen die Apparate, aus 5 Kilo werden dabei 20 Tonnen. Falsch gelagerte Behältnisse würden beim Zentrifugieren leckschlagen. Selbst Kampfpiloten halten nur etwas über die 10-fache Erdbeschleunigung aus. Als die Blutbeutel nach 25 Minuten aus der 300 00 Euro teuren Maschine genommen werden, erinnert ihr Inhalt an geschichteten Kirsch-Bananen-Saft: Oben sind die roten Blutkörperchen zu einer Paste zusammengedrückt, unten befindet sich das gelbe Plasma. In der Mitte schwimmt der „Buffy-Coat“, eine bräunliche Flüssigkeit mit den übrigen Blutbestandteilen.

Wer eine Bluttransfusion bekommt, erhält rote Blutkörperchen. Das Plasma verarbeitet die Industrie zu Medikamenten oder es wird im Krankenhaus beispielsweise bei Gerinnungsstörungen verabreicht. Aus diesem Grund wird die Blutspende nach dem Zentrifugieren aufgeteilt: Pressautomaten, sogenannte Separatoren drücken die gelbe Flüssigkeit über ein geöffnetes Ventil im Schlauch des Blutbeutels in einen anderen Plastiksack. Der Buffy-Code wird herausgefiltert. Übrig bleibt ein Konzentrat von 300 Millilitern roter Blutkörperchen im Wert von 80 Euro, das in einer vier Grad kalten Kühlkammer landet. Hat es das Blut innerhalb von 24 Stunden nach der Spende bis hierher geschafft, ist es im Grunde fertig verarbeitet. Am darauffolgenden Tag werden die Blutkonserven nur noch etikettiert. Hierfür bedienen zwei DRK-Leute einen Computer und einen Barcode-Scanner: Der Scanner erkennt die Blutkonserve anhand seiner Aufkleber und der Computer spuckt das passende Etikett mit den Testergebnissen aus Plauen und Chemnitz aus. Wurden Viren im Blut nachgewiesen oder steht das Ergebnis noch nicht fest, gibt es auch kein Etikett. Und ohne Etikett ist die Konserve unverkäuflich. Blutplasma frieren die DRK-Leute nach der Verarbeitung auf -50 bis -60 Grad Celsius ein.

Konservenknappheit im Winter

Im Klinikum Döbeln hat Werner Fritzsche* gerade eine neue linke Hüfte bekommen. Hüft-OPs verletzen immer eine Menge Blutgefäße, aber während der Operation bekam der 75-Jährige ausreichend Kochsalzlösung zur Stabilisierung seines Blutkreislaufes. Weil die Wunde jedoch immer noch blutet und Fritzsches Hämoglobinwert stark gesunken ist, entscheidet sich Anästhesist Gunter Schliebe für eine Transfusion. „Im Winter mussten wir manchmal OPs um einige Stunden verschieben, weil die benötigten Blutkonserven nicht vorrätig waren“, sagt Schliebe. Grippe und Erkältung hatten zu viele Menschen vom Gang zu den Blutspendediensten abgehalten. Jetzt hat sich der Blutmarkt wieder etwas entspannt. Wie 37 Prozent der Menschen in Deutschland hat Werner Fritzsche die Blutgruppe A, Rhesus positiv. Bereits vor der Operation hat ein Krankenpfleger zwei passende Blutkonserven aus dem Krankenhauslabor geholt.

Gunter Schliebe nimmt jetzt eine Art Plastikkarte mit zwei Vertiefungen, in die der Anästhesist etwas Blut von Werner Fritzsche träufelt. Jede Vertiefung ist mit einer blauen Lösung gefüllt. Über der einen steht „Anti A“, über der anderen „Anti B“. Erst als sich die Vertiefung mit dem Anti-A bräunlich verfärbt, die Anti-B-Lösung aber nicht mit Fritzsches Blut reagiert, hängt Schliebe den roten Beutel auf einen Edelstahlständer. Sicher ist sicher. Ein solcher „Bed-Side-Test“ ist vor jeder Transfusion vorgeschrieben, um sicherzustellen, dass die AB0-Blutgruppe der Konserve mit derjenigen des Patienten übereinstimmt. Ein Piks in eine Vene am Unterarm, dann liegt der Zugang zu Fritzsches Blutkreislauf. Der 48-Jährige Arzt verbindet einen Plastikanschluss an der Nadel mit dem Schlauch der Blutkonserve und öffnet ein Ventil. Nun hat das gespendete Blut seine Bestimmung gefunden.

*Name geändert