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Ein halbes Land gebeugt über Nähmaschinen

In Tschechien gilt die Maskenpflicht schon einen Monat. Anders als in Deutschland muss der Corona-Schutz außer Haus generell getragen werden.

Tschechien, Prag: Ein junges Paar mit Mundschutz schaut sich in die Augen auf dem Friedensplatz.
Tschechien, Prag: Ein junges Paar mit Mundschutz schaut sich in die Augen auf dem Friedensplatz. © CTK/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt, Prag

Bringt sie etwas - die Mundschutzpflicht, die seit Montag in Sachsen als dem ersten deutschen Bundesland beim Einkauf und der Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Kraft ist? Die Leute im Nachbarland Tschechien sind davon überzeugt. Sie waren als erste in Europa vor einem Monat schon dazu von ihrer Regierung vergattert worden. Seither laufen die Tschechen nur noch vermummt rum.

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Anders als in Sachsen müssen die Masken in Tschechien generell getragen werden, sobald man das Haus verlässt. Begonnen hatte alles aber auch im ÖPNV. Da wurden nur noch Vermummte befördert. Das sah abenteuerlich aus, weil es keine Masken zu kaufen gab. Die richtig guten Mundschutze aus staatlicher Reserve oder dem Ausland gingen in die Kliniken an das dortige Personal. Betuchtere kauften im Internet zu Mondpreisen. Der große Rest behalf sich mit hochgezogenen Schals oder Baumwolltüchern. Doch das änderte sich schnell.

Es waren die Frauen, die sich auf eine alte Tugend besannen - das Schneidern auf eigenen Nähmaschinen. Letztere wurden in den 1970er Jahren zu großen Verkaufsschlagern. Da der sozialistische Einzelhandel mit seiner unflexiblen Planwirtschaft nur Ladenhüter produzierte, dachten sich die schon immer sehr auf ihr Äußeres achtenden Tschechinnen seinerzeit selbst eigene Kollektionen aus. Anfang der 1980er Jahre dann ein regelrechtes Wunder: Aus Westdeutschland exportierte die „Königin der Kleider“, Aenne Burda, ihre Modezeitschrift Burda-Moden auch in die Tschechoslowakei. Der Hit in jeder Ausgabe: ein Schnittmusterbogen. Da spielte es keine Rolle, dass die Zeitschrift erst einmal nur auf Deutsch zu haben war. Ein Schnittmusterbogen ist ein Schnittmusterbogen und braucht zum Verstehen keine spezielle Sprache.

Auf einem Fernseher läuft die Fernsehansprache zum Verlauf der Corona-Pandemie von Andrej Babis, Premierminister von Tschechien, der einen Mundschutz trägt.
Auf einem Fernseher läuft die Fernsehansprache zum Verlauf der Corona-Pandemie von Andrej Babis, Premierminister von Tschechien, der einen Mundschutz trägt. © Roman Vondrouš/CTK/dpa

Die Magazine landeten zuerst in den öffentlichen Bibliotheken, wo es endlose Wartelisten gab. Ab Mitte der 1980er Jahre gab es auch tschechische Ausgaben im Verkauf, die an Kiosken jedoch meist unter dem Tisch gehandelt wurden. Frauen, die etwas auf sich hielten, liefen danach nur noch in selbstgeschneiderten „Kleinen Schwarzen“ oder in „Großer Robe“ rum.

Gegen derlei vergleichsweise „Haute Couture“ ist das Nähen von Atemschutzmasken ein Kinderspiel, sagten sich die Tschechinnen jetzt, entstaubten ihre betagten Nähmaschinen, setzten sich ran, fädelten den Faden in die Nadel, steckten den Stecker in die Steckdose und los ging’s. Verblichene T-Shirts und sogar „halbierte“ BHs wurden im Handumdrehen zu Masken. Tragegummis dran, fertig. Wer innerhalb einer verzweigten Familie besonders geschickt war, versandte die Dinger quer durch das Land. Die Tschechische Post transportiert Masken in Plastiktüten mit dem Namen des Empfängers bis heute kostenlos.

Doch längst hat jeder Tscheche ausreichend Masken. Er weiß, dass man die nach einmaligem Tragen bei 60 Grad Celsius waschen und anschließend bügeln soll, um sie neuerlich benutzen zu können. Wie auch jeder akzeptiert, dass die Teile einen kaum selbst schützen, aber dafür die, denen man begegnet. Stichwort: Solidarität einer Gesellschaft.

Tschechien, Prag: Ein Mann und eine Frau stehen Arm in Arm vor der John-Lennon-Mauer, an der die Nachbildung einer Mundschutzmaske am Bild von John Lennon befestigt ist.
Tschechien, Prag: Ein Mann und eine Frau stehen Arm in Arm vor der John-Lennon-Mauer, an der die Nachbildung einer Mundschutzmaske am Bild von John Lennon befestigt ist. © Petr David Josek/AP/dpa

Tschechische Pendler übrigens trugen die Masken zumeist auch bei der Arbeit in Deutschland - und wurden von den dortigen Kollegen ausgelacht. Die lachen jetzt nicht mehr. Auch, weil die Corona-Statistik in Tschechien so schlecht nicht ist - wenn man den Zahlen glauben darf. Eine große Prager Zeitung titelte am Montag: „Ein Monat mit Masken: das Virus schwindet, die Zahl der Infizierten und Toten fällt“. Ob das Virus tatsächlich schwindet, sei dahingestellt. Doch die Tschechen glauben an den Nutzen der Masken, haben nicht verstanden, weshalb die Deutschen mit der Tragepflicht so lange gewartet haben.

Letzteres hängt aber auch mit dem generellen Zugang beider Nachbarvölker zu Corona zusammen: die Tschechen befolgen die Anweisungen ihrer Regierung bislang nahezu klaglos; die Deutschen diskutieren sehr viel mehr. Nur so konnten die Tschechen „Weltmeister“ im Maskenschneidern werden, wie sie sich selbst stolz nennen. Mittlerweile legen mehrere Museen Sammlungen von Masken an - für die Nachfahren. Die Masken mögen keinen Top-Schutz bieten, dafür aber zeugen viele von großer Kreativität und sind des Aufhebens wirklich wert.

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Unklar ist nur eins: wie man mit den Dingern demnächst Knödel essen oder das schon so sehr vermisste frisch gezapfte Bier trinken soll. Schließlich soll die Maskenpflicht noch lange gelten, auch, wenn die Kneipen wieder öffnen.

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