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Ein hartes Pflaster ist der Marktplatz

Eine Projektgruppe will in Ostritz Hindernisse für Behinderte abbauen. Das ist nicht einfach. Die SZ macht einen Selbstversuch.

Von Steffen Gerhardt

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Der Ostritzer Marktplatz ist ein hartes Pflaster, das merke ich, als ich vom bequemen Autositz in einen klappbaren Rollstuhl umsteige. Mit diesem rolle ich über den Ostritzer Marktplatz – und bin dabei in guter Gesellschaft mit Menschen, denen eines wichtig ist: Ostritz soll auch für Behinderte lebenswert oder zumindest einen Besuch wert sein. Dafür engagieren sich Matthias Piwko und Petra Groß in einer Projektgruppe. Er begleitet sonst Projekte im IBZ und sie ist vielen Ostritzern als Seniorenbetreuerin bekannt.

Ohne fremde Hilfe kommt Doreen Brandt nicht in das Vereinshaus am Markt hinein. In diesem Gebäude findet aber auch die Seniorenarbeit statt. Bauliche Veränderungen sind daher dringend erforderlich.Fotos: Matthias Weber

Während Matthias Piwko mit einem Rollator über den Marktplatz schiebt, habe ich eine echte Rollstuhlfahrerin an meiner Seite – und in Augenhöhe. Doreen Brandt ist nach einen Autounfall seit zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Die Ostritzerin hat in dieser Zeit genügend Erfahrungen gesammelt, wie behinderten(un)- freundlich ihre Stadt ist. Ihr Fazit: „Es gibt noch eine Menge zu tun, vor allem müssen die Verantwortlichen für die Probleme behinderter Menschen sensibilisiert werden“, sagt sie. Vieles könnte für Behinderte einfacher sein, wenn so manches Bauvorhaben vorab auch aus ihrer Sicht betrachtet wird. Deshalb ist auch Steffen Blaschke als stellvertretender Bürgermeister bei dem Rundgang mit dabei – zu Fuß.

Seiner Meinung nach hat die Stadt über die Jahre einige Sanierungsarbeiten ins Laufen gebracht. Aus heutiger Sicht sind diese aber nicht immer optimal für behinderte Menschen umgesetzt. Gewiss, der Marktplatz wurde schon Mitte der 1990er Jahre erneuert. Da wurde von Barrierefreiheit noch nicht so viel gesprochen wie heute. Aber das neu verlegte Granitpflaster, das schön in der Sonne glänzt, ist eine Teststrecke für jeden Rolli-Fahrer geblieben. Als Fußgänger sind mir die mitunter sechs Zentimeter hochragenden Granitsteine, die die Straße eingrenzen, kaum aufgefallen. Für Rollstuhlfahrer sind das Klippen, die er aus eigener Kraft nicht bewältigt. Doreen kann damit inzwischen umgehen. „Rückwärts ranfahren, und dann mit Schwung drüber“, sagt sie. Und? Es klappt!

Eine solche Kante muss der Rollstuhlfahrer auch überwinden, wenn er von dem einzigen (!) Behindertenparkplatz auf dem Markt auf den Gehweg will. Die Steinkante ist es nicht allein, die bei Elvira Mirle ein Kopfschütteln auslöst. Die im Landkreis zuständige Behindertenbeauftragte kritisiert das Pflaster mit den unförmigen Schlackesteinen, die dazu auch noch leicht abschüssig verlegt sind. Dieser Parkplatz ist eine wahre Herausforderung für jeden Gehbehinderten. Selbst Doreen hat da ihre Probleme: „Mit meinen kleinen Vorderrädern bleibe ich zwischen den Steinen stecken.“

Was noch am Markt auffällt: Als Rolli-Fahrer ist man auf die Unterstützung der Geschäftsinhaber und ihres Personals angewiesen. Fast jedes Geschäft ist nur über zwei, drei Stufen zu erreichen, was mit dem Baustil der Häuser zu tun hat. Wie am Lottogeschäft wird zwar eine Holzrampe vom Personal an die Tür gelegt, wenn ein Rollstuhlfahrer hineinrollen möchte. Zuvor muss er sich aber irgendwie bemerkbar machen, denn eine Klingel gibt es nicht. Vorbildlich ist die Filiale der Volksbank, dort geht es ebenerdig zu den Schaltern. Aber die Freude darüber verärgert die schwergängige Tür. Ich habe zwar lange Arme, aber im Rollstuhl sitzend reichen sie dann doch nicht, um bis an den Türgriff ganz links zu gelangen. Auch hier hilft mir Doreen: „Mit den Füßen dagegenrollen und aufschieben“, sagt sie mit einem Lächeln. Ja, klar doch! Nur beim Verlassen der Bank funktioniert das nicht mehr. Die Tür öffnet nach innen. Aber auch die Konkurrenz ist nicht besser. Wer in die Sparkasse will, braucht gesunde Beine. „Hier haben sogar Mütter mit Kinderwagen Probleme, sie lassen die Wagen und ihre Kinder meist vor dem Haus stehen“, beobachtet Petra Groß des öfteren. Außerdem ist der Briefkasten für die Kunden am Haus so behindertenunfreundlich angebracht (über der Treppe), dass man den Eindruck hat, hier hat sich keiner Gedanken gemacht.

Ganz gleich, ob es nun der zu hohe Briefkasten, die Steinborde oder fehlende Klingeln an den Geschäften sind. Die Projektgruppe listet alles auf, was Menschen mit Behinderung stört. Petra Groß sagt, dass die Tour im Rollstuhl nur eine ist. Dieser Rundgang wird sich auch mit Senioren und Sehbehinderten wiederholen. Das Ergebnis, so Matthias Piwko, „werden wir als Handlungsempfehlung an die Stadt und in den Stadtrat geben“. Das soll bis Mai geschehen sein. Was die Stadt davon umsetzen kann, so Steffen Blaschke, „hängt nicht nur von unseren Finanzen ab, sondern auch vom Denkmalschutz“. Die Projektgruppe rechnet aber auch mit der Einsicht und Unterstützung der Hausbesitzer, denn viele Gewerbetreibende sind nur zur Miete.

Ich für meinen Teil habe nach gut einer Stunde im Rollstuhl nicht nur kalte Füße, sondern auch eine neue Sicht bekommen – und zwar, die Dinge nicht immer nur aus 189 Zentimetern Höhe zu sehen.

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