merken
PLUS Feuilleton

Ein Herrscher voller Tatendrang

Nach der Corona-Pause öffnet die Dresdner Porzellansammlung mit einem neu gestalteten Böttgersaal.

August der Starke – links in Böttgersteinzeug und daneben in Meissener Porzellan. Der sächsische Kurfürst und polnische König ließ sich als römischer Imperator darstellen und wollte seiner Macht auf diese Weise Zeitlosigkeit verleihen.
August der Starke – links in Böttgersteinzeug und daneben in Meissener Porzellan. Der sächsische Kurfürst und polnische König ließ sich als römischer Imperator darstellen und wollte seiner Macht auf diese Weise Zeitlosigkeit verleihen. © SKD/Sauer

Von Julia Weber

Zweimal August der Starke, wie er seinem Namen alle Ehre macht: einmal als deutscher Heerführer im Harnisch und einmal als römischer Imperator in antikischer Fantasierüstung. Beide Male in majestätischer Haltung mit energisch vorangestelltem Bein, gereckter Brust und stolz erhobenem Haupt, den Marschallstab als Zeichen seines militärischen Ranges mit der rechten Hand fest im Griff. Bei der Porzellanfigur ging dieser verloren.

Anzeige
Premierenmarathon in der Semperoper
Premierenmarathon in der Semperoper

Der Spielplan der Semperoper hält für den Oktober einen Premierenmarathon von vier Neuproduktionen bereit.

Die Darstellung des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs folgt einem um 1700 weit verbreiteten Muster. Die Rüstung demonstriert Kriegsbereitschaft und militärische Stärke, die resolut in die Hüfte gestemmte Hand Tatendrang. Auch das Motiv des leicht zurückgeneigten Kopfes findet sich häufig in Bildnissen absolutistischer Regenten. Die Haltung ist auf antike Porträts des legendären griechischen Eroberers Alexander des Großen zurückzuführen. Der nach oben gerichtete Blick suggeriert unmittelbare Verbundenheit mit höheren Mächten und bekräftigt das Gottesgnadentum des Fürsten.

Üblich waren sowohl Darstellungen in deutscher als auch antikisierender Tracht, mit der sich die Porträtierten in die Nachfolge römischer Cäsaren stellten und ihrer Regentschaft Zeitlosigkeit verliehen. August der Starke bediente sich beider Modi. Bei seiner Königskrönung 1697 in Warschau hatte er sich für ein Ornat entschieden, das ihn als antiken Imperator erscheinen ließ. Für das offizielle Staatsbildnis in den Paraderäumen des Dresdner Residenzschlosses porträtierte ihn der Hofmaler Louis de Silvestre 1718 dagegen in altdeutscher Ritterrüstung. August der Starke blickt darauf tatsächlich weit über die Köpfe der Betrachter hinweg. Dagegen wirkt die gerade einmal elf Zentimeter große Steinzeugfigur wie ein David, der sich vor Goliath aufplustert. Woher rührt der große Stolz auch im stark geschrumpften Format?

Triumph für August

Die Besonderheit beider Statuetten liegt in ihrer Materialität. Die rote Figur ist aus Böttgersteinzeug geformt, benannt nach dem schon zu Lebzeiten sagenumwobenen Alchemisten und Erfinder Johann Friedrich Böttger. Der reiche Faltenwurf des Mantels führt in besonderer Weise die außergewöhnliche Formbarkeit des „rothen Porcelains“ vor Augen, das darin das begehrte chinesische Feinsteinzeug sogar noch übertraf. Gemeinsam mit dem sächsischen Gelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus war Böttger aber noch eine größere Sensation gelungen: die Nacherfindung des echten Porzellans, aus dem die weiße Figur besteht. Die Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur im Jahr 1710 bedeutete für August den Starken einen kaum zu überschätzenden Triumph. Mit dem Meissener Porzellan besaß er ein Alleinstellungsmerkmal, um das ihn alle europäischen Fürsten beneideten. Fortan spielte das Porzellan eine herausragende Rolle im großen Konzert der Künste am Dresdner Hof. Der Stolz auf die bahnbrechenden Erfindungen, die vom überragenden technologischen Entwicklungsstand Sachsens zeugten, ist auch den beiden Königsbildern anzusehen.

August der Starke hatte sie selbst in Auftrag gegeben. Kaum war das Porzellan 1713 produktionsreif, verlangte er nach einem Schachspiel aus roter und weißer Masse. Der rote Figurensatz sollte als deutsches, der weiße als römisches Heer auftreten. Da die Meissener Manufaktur noch keine eigenen Modelleure beschäftigte, ließ Böttger Holzmodelle für die beiden Königsbilder aus Dresden kommen. Die Entwürfe werden dem Bildhauer Johann Joachim Kretzschmar zugeschrieben, der auch am Zwinger mitwirkte. August der Starke erhielt mehrere Exemplare seiner beiden Miniaturporträts. Doch obwohl Böttger dem König 1715 erneut ein Schachspiel versprach, wurden die übrigen Figuren letztlich nie ausgeführt.

Schachspiele waren beliebte fürstliche Sammelobjekte. Mit dem strategischen Königsspiel verband sich die Idee eines klugen Regenten, der sein Volk mit taktischer Raffinesse und Weitsicht durch kriegerische Konflikte lenkt. Spielsteine und Bretter wurden aus unterschiedlichsten Materialien gefertigt. Figurensätze aus weißem Porzellan und rotem Feinsteinzeug hätten allerdings ein Novum dargestellt. Dabei wäre nicht nur der optische Kontrast beider Werkstoffe sehr reizvoll gewesen. Sie hätten zugleich auf das Ursprungsland dieser Materialien verwiesen, wo so mancher auch die Anfänge des Schachs vermutete. Wie gerne wäre August der Starke so mächtig und gefürchtet gewesen wie der Kaiser von China!

Im neu gestalteten Böttgersaal der Dresdner Porzellansammlung im Zwinger können Besucher jetzt den beiden Augusten auf Augenhöhe begegnen. Auf hohen schmalen Säulen dominieren sie als Leitobjekte die Vitrine zu den frühesten figürlichen Werken der Meissener Manufaktur. In gezielten Gegenüberstellungen lenkt die neue Präsentation den Blick des Betrachters und regt zum vergleichenden Sehen an – wenn etwa eine Parade von sechs gleichartigen Kannen die Vielfalt der Veredelungsformen des Böttgersteinzeugs vor Augen führt. Die neue Akzentbeleuchtung lässt auch feinste Details der geschliffenen, facettierten, mit Reliefs verzierten, in Silber gefassten oder schwarz glasierten Oberflächen erkennen. Trickfilme des Leipziger Künstlers Jens Roseman erzählen kurzweilig von der legendären Nacherfindung des Porzellans und den enormen Hürden, die die Meissener Manufaktur anfänglich zu überwinden hatte. Eine Reihe großer Vasen, die im Brand einsanken oder aufplatzten, lassen nachvollziehen, was für schwer kontrollierbaren Kräften sie im Feuer ausgesetzt waren. Trotz ihrer Deformationen und Risse gelangten sie in die königliche Sammlung – als technologische Meisterleistungen und kleine Wunderwerke. Der neu gestaltete Böttgersaal möchte eine Idee vom visionären Abenteuergeist, aufopferungsvollen Wagemut und schier unerschöpflichen Einfallsreichtum vermitteln, die zu den bahnbrechenden sächsischen Erfindungen führte, von denen bald ganz Europa sprach.

Julia Weber ist Direktorin der Dresdner Porzellansammlung im Zwinger, die ab 12. Juni vorerst freitags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet ist.

Weiterführende Artikel

Taubenhaus statt Kleinwagen

Taubenhaus statt Kleinwagen

Der Bayerische Rundfunk berichtet über ein besonderes Nürnberger Museumsstück aus Meißen.

Die Leichtigkeit des Papiers

Die Leichtigkeit des Papiers

Punkt, Linie, Fläche, Raum: Das Dresdner Kupferstich-Kabinett feiert 300. Geburtstag.

Erste Besucher im Grünen Gewölbe

Erste Besucher im Grünen Gewölbe

Ein halbes Jahr nach dem Einbruch ist Sachsens Schatzkammer nun wieder geöffnet. Am "Tatort" wurde bewusst eine Leerstelle gelassen.

Mythos August der Starke

Mythos August der Starke

Eine Ausstellung auf Schloss Moritzburg feiert den 350. Geburtstag des Herrschers auf besondere Art und Weise.

So informieren wir Sie zum Thema Corona

Mehr zum Thema Feuilleton