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Ein Herz für Winnetou

Viele Touristen laufen ahnungslos vorbei. Dabei steckt der Karl-May-Hain in Radebeul voller Geheimnisse. Teil 3 der Serie "Grüne Oasen".

Unbekanntes Kleinod: Der „Silbersee“ im Karl-May-Hain, hinten die „Villa Shatterhand“ auf der anderen Straßenseite.
Unbekanntes Kleinod: Der „Silbersee“ im Karl-May-Hain, hinten die „Villa Shatterhand“ auf der anderen Straßenseite. © Ronald Bonß

Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt. - Durch die Wüste

Spiegelglatt und grünlich schimmernd ruht der Silbersee im Schatten hoher Tannen. Stille. Da, einmal plumpst ein Zapfen vom Baum ins Wasser. Kurz zittern Kreise. Und wieder ruhig. Lautlos gleiten zwei Libellen dicht an der Oberfläche, im Zickzack hin und her, dann verschwinden sie. Pssst, das Quaken – war das ein Frosch?

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Na ja, der Silbersee ist eher ein Silbertümpel. Aber er heißt so, denn wir sind im Karl-May-Hain in Radebeul. Karl-May-Hain? Ja, den gibt es. Touristen aus allen Himmelsrichtungen pilgern zum Museum in der „Villa Shatterhand“, wo Sachsens berühmter Schriftsteller lebte. Die meisten besuchen auch die Grabstätte auf dem Friedhof in der Nähe. Aber dass hier, gegenüber vom Museum, auch ein kleiner öffentlicher Park liegt, der dem Schöpfer Winnetous gewidmet ist, das wissen selbst viele Fans nicht.

Da kann es nur eine Rasse geben

Karl May hat dieses Grundstück 1896 gekauft, für 8.417 Mark, damit ihm niemand die Aussicht verbaut. Ziemlich spießig für einen, der Grizzlybären mit dem Messer tötet – aber auch irgendwie sympathisch. Er hat dort Obst angepflanzt. Schon ein Jahr später schwärmte er in einem Brief von einem „prächtigen Garten mit edlen Birnen, Aepfeln, Pflaumen, Pfirsichen, Aprikosen u.s.w.“ Solche Ernte nach so kurzer Zeit? „Es muss ein Wundergarten gewesen sein“, schreibt das famose Fan-Magazin Karl May & Co. in einem Beitrag über den Park. May, der alte Hochstapler.

Heute wächst hier kein Obst mehr. Das Grundstück wurde 1932, zwanzig Jahre nach Mays Tod, zu einen Gedächtnispark umgestaltet. Über die Jahrzehnte nach dem Krieg verwucherte die Anlage. Vor zwei Jahren wurde alles aufwendig saniert. Eine Million Euro haben Gemeinde, Land und Bund reingesteckt, und das sieht man. Alles wirkt gepflegt. Die besonderen, für Nordamerika typischen Baumsorten, die einst gepflanzt wurden, kommen heute in voller Pracht zur Geltung: die Colorado-Tanne etwa oder die Kanadische Hemlocktanne. Ein Duft von Holz und Harz liegt in der Luft. Gleich kriecht raschelnd Sam Hawkens aus dem Gebüsch.

Uff! Der Park ist winzig. Drei Minuten braucht man, um über den äußeren Schotterweg einmal ringsum zu schlendern. Wer drei mal rumgeht, entdeckt aber auch mehr Details. Zum Beispiel die fünf Kontinente.

Da kann es nicht 3 oder gar 5 Menschenrassen und 5 Erdtheile geben, sondern nur 2 Erdtheile mit einer einzigen Rasse, die aber nach gut und bös (...) geschieden ist. Körperbau, Hautfarbe u.s.w. sind da vollständig gleichgültig, verändern nicht im geringsten den Werth oder Unwerth des betreffenden Menschen. - Empor ins Reich der Edelmenschen

Fünf schmale, mit Steinbrocken begrenzte Bachläufe – die fünf Erdteile symbolisierend – führen vom Eingang des Parks auf den Silbersee in der Mitte hin, wo sie sich vereinigen. Der Park ist leicht abschüssig, das Wasser plätschert sanft hinab. Wer genau hinschaut, bemerkt die optische Täuschung: Die Rinnsale fließen nicht in den Silbersee, sondern versickern kurz vorher im Boden. Unterirdisch wird das Wasser wieder nach oben gepumpt. Ein moderner Schwindel, der Karl May gefallen hätte. Es ist zum Schutz der Lurche, die sich im stehenden Gewässer angesiedelt haben und den Zufluss nicht vertrügen.

Rings um den Park grenzen private Grundstücke an – und ein großer, nagelneuer Abenteuerspielplatz, der jetzt zur Anlage gehört. Kamele und Kakteen zum Klettern: Auch daran hätte May sein Wohlgefallen gehabt, der selbst keine Kinder hatte, aber Millionen jugendliche Fans.

Wer ein Stündchen auf der Bank am Silbersee ausruht, fühlt sich bald ein bisschen beobachtet aus dem Fenster von Mays Arbeitszimmer in der „Villa Shatterhand“. Aber das kann ja gar nicht sein. Alle Viertelstunde schlägt die Glocke vom Turm der benachbarten Lutherkirche, in der Karl May 1903 seine zweite Frau Klara heiratete.

Die hatte nach seinem Tod den Plan, hier auf dem Obstgarten-Grundstück ein „Altenheim der Karl-May-Stiftung“ zu errichten. Wegen der Inflation wurde daraus nichts. Zusammen mit dem Karl-May-Verlag entstand dann die Idee, einen Gedächtnishain anzulegen und das Grundstück der Stadt Radebeul zu überlassen. Das Radebeuler Tageblatt berichtete damals, dass 30 Arbeitslose den Hain in 7.000 Arbeitsstunden errichteten.

In der "Villa Shatterhand" lebte Karl May von 1896 bis zu seinem Tod 1912. Heute ist hier das Karl-May-Museum.
In der "Villa Shatterhand" lebte Karl May von 1896 bis zu seinem Tod 1912. Heute ist hier das Karl-May-Museum. © dpa

Zu DDR-Zeiten war Karl May verpönt. Sein Wohnhaus hieß Indianermuseum, die Rundwege im Ehrenhain dienten zum Ponyreiten. Nach der Wende wurde das Areal wieder als Park hergerichtet, blieb dann aber lange ungepflegt. Seit kurzem führt ein Streifen aus helleren Pflastersteinen quer über die Straße, als sichtbare Verbindung zwischen Museum und dem frisch sanierten Hain.

Ein Hauch von Radebeul im Wilden Westen

Unterhalb des Silbersees plätschert noch ein einzelner Bachlauf – und mündet in einen zweiten, kleineren Teich am Fuß des Hangs. Dieser Teich hat die Form eines Herzens. Auf einem Betonblock steht: „Herzsee.“ Das ist nun wirklich was für Fans: In einem der letzten Kapitel der Winnetou-Saga gelangt der Häuptling mit Old Shatterhand an einen See mit Kapelle, deren Glocke das Ave Maria läutet – ein Hauch von Radebeul im Wilden Westen. An diesem See nun fühlt Winnetou seinen Tod nahen, über den schon Generationen von Lesern ihre Tränen vergossen haben.

Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß er sich regte; endlich aber erhob er langsam den Arm, deutete auf das Wasser hinein, und sagte wie unter einem tiefen, sein ganzes Nachdenken in Anspruch nehmenden Gedanken: „Ti pa-apu shi itchi – dieser See ist wie mein Herz.“ - Winnetou III

Dieser Text ist Teil unserer Sommerserie Grüne Oasen: Sachsens Parks und Gärten.

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