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Ein Hund namens Janosch

Dietmar Tschech aus Pirna geht mit einem Blindenführhund durchs Leben. Das Tier gilt als Hilfsmittel. Herr Tschech liebt es fast, wie ein eigenes Kind.

Von Jörg Stock

Das ist ein gaaanz Lieber! Wirtin Verina krault Janosch die schokobraunen Schlappohren. Janosch mag Streicheleinheiten. Hier, im Pirnaer Elbe-Café, kriegt er sie immer. Sein Herrchen Dietmar Tschech ist Stammgast. Herr Tschech, ein Mann in den späten Sechzigern mit schwarzer Baseballkappe, erhebt sich. Sofort schaltet Janosch um, vom Kuschelkurs auf Dienstbetrieb. Der Schalter ist ein henkelartiges Geschirr, das Herr Tschech vorstreckt und wohinein Janosch flink den Kopf steckt. Alles klar für den Spaziergang über Pirnas Boulevard. Den Weg dahin sieht nur einer von beiden. Und das ist nicht Herr Tschech.

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Pilot mit Navigator und Passagier: Blindenführhund Janosch of Brownbank Cottage geleitet Dietmar Tschech (66) und dessen ebenfalls blinde Partnerin Inge Heckerodt (59) über Pirnas Ladenmeile. Fotos: Katja Frohberg (2)
Pilot mit Navigator und Passagier: Blindenführhund Janosch of Brownbank Cottage geleitet Dietmar Tschech (66) und dessen ebenfalls blinde Partnerin Inge Heckerodt (59) über Pirnas Ladenmeile. Fotos: Katja Frohberg (2)

Dietmar Tschech aus Copitz ist einer der wenigen Deutschen, die einen Blindenführhund besitzen. Nur ein bis zwei Prozent der Blinden, so schätzt man, verfügen über dieses Hilfsmittel. Ein Hilfsmittel ist Janosch freilich nur in den Akten der Krankenkasse. Für Dietmar Tschech ist Janosch mehr. Er hat den Hund lieb, fast so lieb, wie ein eigenes Kind, sagt er. Janosch ist seine Perle. „Ohne ihn wäre ich erschossen.“

Draußen geht es rechts rum, unter der Eisenbahn durch nach der Dohnaischen Straße zu. Mit der Linken hält Dietmar Tschech Janosch an seinem Henkel, rechts hat sich Inge, seine Partnerin, eingehakt. Herr Tschech ist nicht völlig blind. Noch sieht er Konturen im dicken, weißen Nebel um sich her. Vor Inges Augen ist es komplett schwarz. Nicht einmal die Sonne, die heute so herrlich scheint, kann das ändern.

Bevor wir die autofreie Ladenmeile erreichen, müssen wir die Straße „Am Zwinger“ queren. Hier schießen gern Autos um die Ecke. Schon braust ein weinroter Lieferwagen heran. Als er uns sieht, bremst er, hält an. Herr Tschech lauscht zu dem Fahrzeug hin. „Voran!“, sagt er zu Janosch, und der Hund läuft los. Mit seinem schneeweißen Geschirr fällt er auf. Offiziell ist der Henkel ein Schutzzeichen. Der Stock von Inge auch. Alle Autofahrer müssen darauf achten. Und das klappt, sagt Tschech. „Eigentlich haben wir immer freie Fahrt.“

Janosch und Dietmar Tschech sind ein Führgespann. So heißt das korrekt. Man könnte sich die beiden auch als Flugzeugbesatzung denken. Herr Tschech wäre der Navigator. Mit seinen Kommandos gibt er den Weg vor. Janosch ist der Pilot, der die Kommandos ausführt und dabei um Gefahren herumsteuert, auch um solche, die für ihn selbst gar keine sind.

Pilot Janosch ist dreieinhalb und ein Labrador-Retriever. Er ist „ein bisschen adlig“, sagt sein Herr. Eigentlich heißt er Janosch of Brownbank Cottage. Der Vater ist Amerikaner, die Mutter Belgierin. Janosch ist ein ruhiger Typ. Das müssen Blindenführhunde auch sein. Ruhig, intelligent und arbeitswillig. Leider hat Janosch auch ein Laster. Er ist ein Vielfraß. Herr Tschech muss achtgeben, dass er nicht nach allem schnappt, was am Wege liegt – für einen Sehbehinderten natürlich nicht so einfach.

In der Dohnaischen Straße. Es ist dünner Nachmittagsfußgängerverkehr. Keine Kollisionsgefahr. Janosch zieht seine Begleiter trotzdem zum linken Straßenrand. Am Rand ist es sicherer. Gäbe es hier einen richtigen Fußweg, würde der Hund automatisch dorthin streben. Eigentlich ist der Hund kein Automat. Er weiß nicht, wo es lang geht. Das muss ihm der Navigator sagen. Herr Tschech kennt Pirna gut. Seine Sehschärfe schwand, als er sechzig war. Die Landkarte im Kopf ist ihm geblieben.

Janosch versteht „Rechts!“ und „Links!“, aber auch „Such Treppe!“ oder „Such Lift!“. Wie der Hund einen Fahrstuhl aufspürt? Herr Tschech wundert sich selbst darüber. „Das haben die ihm irgendwie beigebracht“, sagt er. Ein Zauberwort ist der Befehl „Such Weg!“ Dann bahnt sich Janosch eine Schneise durch das größte Gewühl. Sogar über den Dresdner Striezelmarkt hat er auf diese Art Herrn Tschech gezogen.

An der Ecke Jacobäerstraße ist ein großer, gelber Briefkasten aufgestellt. Ein Objekt, nach dem selbst Sehende oft umsonst Ausschau halten. „Janosch, such Box!“, sagt Herr Tschech. Janosch tappt zu dem Blechkasten mit dem Posthorn und springt ihn an. Hätte sein Herr jetzt einen Brief dabei, so wüsste er, wohin damit.

Wir wollen eine kleine Pause machen. „Such Bank!“ Janosch zieht uns zu einem freien Sitz und legt die Schnauze darauf. So funktioniert das auch im Bus und in der Eisenbahn. Will man aber nicht ausruhen, sondern einer Person hinterherlaufen, etwa einem Verkäufer, der eine Ware zeigt, lautet das Kommando „Folgen!“. Dann wird aus dem Hund eine Klette.

In die Läden darf Herr Tschech mit seinem Janosch eigentlich immer rein. Auch Gaststätten sind kein Problem. Bisher gab es nur im Döner-Imbiss ein Eintrittsverbot. Herr Tschech kann das akzeptieren. Das hängt ja irgendwie mit dem Glauben zusammen, sagt er. Tatsächlich gelten Hunde im traditionellen Islam als unreine Wesen, die vor der Tür bleiben müssen.

Warum hat nicht jeder Blinde einen Blindenhund? Weil die Anforderungen an den Herrn hoch sind. Er muss sich um das Tier genauso kümmern, wie jeder andere Hundehalter. Er muss fit sein fürs Gassigehen und die täglichen Spaziergänge, und er muss einen guten Orientierungssinn haben. Außerdem ist eine Gespannprüfung zu bestehen.

Die Kasse will sicher sein, dass der Hund passt. Er kostet viel Geld. Janosch ist 22 000 Euro wert, sagt Herr Tschech. Er weiß noch, wie er zur Prüfung „das Flattern“ bekam. Er hatte sich schon mit Janosch angefreundet und gefürchtet, man könnte ihm den Hund wieder wegnehmen. „Ich hatte richtig Angst“, sagt er.

Wir sind schon in der Breiten Straße. Janosch frisst heimlich einen Semmelbrocken, der beim Café Schreiber vor der Ladentür liegt. Herr Tschech hat keine Chance einzuschreiten. Vor uns ist der Fußgängerüberweg. „Such Ampel!“ Janosch macht sich lang und kratzt am blaugelben Drücker, den Tschech nun betätigt. Manche denken ja, dass der Hund selber den Knopf drückt, und staunen, erzählt er belustigt.

Es piept. Dietmar Tschech gibt das Kommando. „Voran!“ Doch das Piepen kommt von der Nachbarampel drüben an der Königsteiner Straße. Im Verkehrsgetöse ist der Unterschied kaum auszumachen. Die ganze Gesellschaft tappt in die Falle und geht bei Rot. Die Autos, die fast schon losgedüst waren, stoppen wieder. Einer hupt. Janosch trifft keine Schuld. Er weiß nicht, was rot und grün ist. Geholfen hat er trotzdem. Durch seine Gegenwart hat er den Kraftfahrern – bis auf den Huper – klar gemacht: Hier ist Rücksicht gefragt.

Sehbehinderte zu führen, ist für einen Hund purer Stress. Nach zehn Jahren hat das Tier gewöhnlich ausgedient und kriegt, wenn es Glück hat, irgendwo sein Gnadenbrot. Janosch abgeben? „Um Gottes willen“, sagt Herr Tschech. Er will den Hund behalten, bis Schluss ist. Eine Perle wie ihn, die gibt man nicht mehr her.