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Ein Jahrhundert guter Laune

Jubiläum. Der Dresdner Tanzlehrer und Maler Hans Jöhren-Trautmann ist 101 Jahr alt geworden.

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Von Thomas Eichberg

Wissen Sie was, mein Leben ist wie ein Märchen“, freut sich Hans Jöhren-Trautmann und wiederholt es: „Wie ein Märchen.“ Als er das sagt, sind wir noch gar nicht richtig angekommen in seiner Wohnung am Schillerplatz, in der er seit 56 Jahren wohnt. „Einen wunderschönen guten Tag“, sagt er noch und die Besucher beschleicht der Verdacht, dass dies kein Wunsch ist, sondern eine Feststellung: Ein wunderschöner, guter Tag heute. Wieder mal.

„Ich bin ein Jahr alt geworden“, verkündet Jöhren-Trautmann fröhlich und bittet ins Wohnzimmer. Die 100 vor seiner Geburtstagszahl lässt er gern weg und freut sich diebisch, wenn seine Frau Helga auf das Spiel eingeht und zurückscherzt. „Oh, dann muss ich wohl noch Babynahrung besorgen, was?“ Die beiden sitzen auf ihrem Sofa, umgeben von den Landschaftsbildern Jöhren-Trautmanns. Erinnerungen an ein bewegtes Leben.

Eine Institution in Dresden

Von den 50ern bis in die 80er Jahre hinein war Hans Jöhren-Trautmann und seine Tanzschule eine Institution in Dresden. Noch heute grüßen ihn die Blasewitzer freundlich bei seinem täglichen Spaziergang am Elbufer. Man kennt sich. Nicht wenige der Älteren haben in seiner Schule die ersten, unsicheren Schritte aufs Tanzparkett gesetzt. Seine Ensembles gewannen regelmäßig Preise, auch im Ausland. „Ich war der einzige Tanzlehrer der DDR, der in den Westen reisen durfte“, sagt er heute. Die Genossen genehmigten ihm das Privileg. Nicht nur, weil er auf Wettbewerben Trophäen für die DDR holte, sondern auch, weil der Westdeutsche erst 1949 in den Osten kam und freiwillig hier blieb. Ein gutes Aushängeschild.

Doch Jöhren-Trautmann zog damals nicht die Politik, sondern die Kunst in die DDR. An der Kunstakademie Dresden wollte er mikroskopisches Zeichnen lernen, die einzige Technik, die ihm in seiner künstlerischen Ausbildung noch fehlte, wie er sagt. Denn eigentlich ist der geborene Westfale Kunstmaler.

Mit seiner Leidenschaft fürs Zeichnen setzte er sich früh gegen die katholischen Eltern durch. „Mein Vater sagte, es komme gar nicht in Frage, dass ich mal nackte Frauen zeichnen solle“, erinnert er sich. So fing er als Maler von Heiligenbildchen an, bis 1923 ein Münchner Professor sein Talent entdeckte und den jungen Künstler förderte. Der Krieg unterbrach die Ausbildung in München und so wollte Jöhren-Trautmann die verpassten Lektionen in Sachsen nachholen.

Doch parallel dazu begann eine zweite Karriere und Schuld war, wie so oft, die Liebe. „Ich hatte schon 1933 bei einer Tanzstunde meine erste Frau Susanne in Dresden kennen gelernt“, erinnert er sich. „Ich konnte überhaupt nicht tanzen und sie war ausgerechnet Tanzlehrerin.“ Doch der Eleve war gelehrig, schließlich trainierte er von seinem zweiten Lebensjahr an bis zum Abitur regelmäßig in einem Turnverein. So setzte er seine Ausbildung bald in Berlin fort. „Bei einem 14-maligen Weltmeister“, sagt Jöhren-Trautmann stolz. „Der nahm für die Stunde 100 Mark. Aber weil ich so gut war, musste ich nach einer Weile nur die Hälfte zahlen.“

Tanzen, das wurde seine zweite Leidenschaft und blieb es bis heute. Erst nach der Wende musste er den Tanzsaal, der sich eine Etage unter seiner Wohnung befand, aufgeben. Heute ist dort ein Anwaltsbüro. Jöhren-Trautmann bedauert es noch immer. „Wenn ich die Gelegenheit hätte, würde ich jetzt noch dort unten tanzen.“

Man nimmt es ihm ab, trotz seiner 101 Jahre. Denn das ist sein Geheimnis: Nicht rauchen, wenig Fleisch, kein Kaffee und ein eiserner Wille. „Und gute Laune“, ergänzt er. „Mein Tag war immer freudig, weil ich eine Arbeit hatte, die ich liebte.“