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Ein Kapellmeister von Gnaden

Rafael Frühbeck de Burgos, langjähriger Chefdirigent der Philharmonie, ist tot. Er starb gestern 80-jährig an Krebs.

© dpa

Von Bernd Klempnow

Den alten Herrn zu treffen war stets ein Vergnügen. „Kommen Sie, es gibt zu erzählen“, begrüßte er einen mit knarziger Stimme und ging leicht watschelnden Schrittes voran. Dann erzählte Rafael Frühbeck de Burgos von seinen jüngsten Abenteuern. Noch als 78-Jähriger jettete der Dirigent um den Erdball. Einmal ging es in „40 Tagen um die Welt“, eilte er von Flieger zu Flieger, um mit Spitzenorchestern in Japan, Amerika und Europa zu musizieren. „Zwei Stunden Schlaf und eine kalte Dusche reichen, wenn man das Glück hat, mit hochvirtuosen Ensembles zu arbeiten.“

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Eigentlich war so ein Treffen wieder am vergangenen Wochenende geplant gewesen. Frühbeck wollte bei der Dresdner Philharmonie mit Richard Strauss einen seiner Lieblingskomponisten dirigieren. Doch vergangenen Donnerstag gab der 80-jährige Spanier mit deutschen Wurzeln sein Karriereende bekannt. Gestern erlag er im nordspanischen Pamplona einem Bauchspeicheldrüsenkrebs, den er lange zu ignorieren versuchte.

Die Dresdner Philharmoniker, die Frühbeck von 2004 bis 2011 als Chef bei 290 Konzerten geleitet hatte, zeigten sich betroffen. „Sein Tod ist für uns alle ein schwerer Verlust, und wir trauern nicht nur um einen außerordentlichen Musiker, sondern auch um einen ganz besonderen Menschen“, sagte im Namen der Musiker Michael Sanderling, sein Nachfolger in Dresden und Solocellist bei ihm in den 1990ern im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Der Maestro hatte die Dresdner Musiker wesentlich geprägt, den Klang homogener, wärmer und runder gearbeitet. So hob sich die Philharmonie durch ihren typisch deutschen Klang vom Mainstream der technisch perfekten, aber gesichtslosen Klangkörper ab. Und er erschloss so dem Orchester die wichtigsten Plätze auf dem internationalen Musikparkett. Bei einer USA-Tournee mit der Philharmonie wurde er zum „Dirigenten des Jahres“ gewählt. Frühbeck hat mit 100 Spitzenensembles gearbeitet. In Spanien galt er als bedeutendster Dirigent der Gegenwart. Das Königshaus verehrte ihn, der die Tugenden eines aufs Handwerk und nicht auf die Show kaprizierten Kapellmeisters pflegte. Auch für scheinbar Unbedeutendes nahm er sich Zeit. Als ihn eine Militärkapelle seiner Heimatstadt Burgos – daher der Zusatz de Burgos im Namen – um ein Konzert bat, „konnte ich doch nicht ablehnen“. So etwas passte. Nicht zufällig spricht Intendant Anselm Rose von einem „fast kumpelhaften, humorvollen und schlagfertigen Menschen, der den Genuss guter Musik und eines grandiosen Essens schätzte“. Fürwahr. Schon länger von Krankheit gezeichnet, arbeitete der Musiker mit deutschen Wurzeln unverändert viel. Dabei lernte er stets auch neue Werke, übernahm Orchester. Seine Devise: „Ein Schläfchen zwischendurch, und ich bin fit.“