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Ein Kapitän in Nöten

Nach zwei Jahren Elbe-Niedrigwasser bremsen zwei andere Probleme das Ausflugsschiff "Clara von Assisi" aus.

An Land statt auf dem Wasser: Kapitän Jens-Erik Beier und das Ausflugsschiff "Clara von Assisi".
An Land statt auf dem Wasser: Kapitän Jens-Erik Beier und das Ausflugsschiff "Clara von Assisi". © Claudia Hübschmann

Niederlommatzsch. Jens-Erik Beier könnte zufrieden sein. Nachdem die Elbe in den vergangenen zwei Jahren im Sommer Niedrigwasser führte, ist der Strom jetzt ausreichend gefüllt. Ausreichend jedenfalls, damit das Ausflugsschiff "Clara von Assisi" genügend Wasser unterm Kiel hat. 75 Zentimeter Wasserstand am Pegel Dresden sind dafür nötig. Und dennoch liegt das Schiff öfter an der Anlegestelle, als ihm lieb sein kann. Der Grund ist in diesem Jahr ein anderer. 

 Auch die Elbeschifffahrt leidet unter Corona.  "Ich hatte seit Anfang März praktisch zwei Monate Berufsverbot", sagt der 55-Jährige, der einst als Matrose der DDR-Handelsflotte Deutsche Seereederei über die Weltmeere schipperte.  Ausflugsfahrten durften nicht stattfinden, die Touristenbusse blieben aus, die Gaststätte "Elbklause" in Niederlommatzsch musste wie alle anderen zeitweise schließen.  

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Familienfeiern in der Gaststätte, deren Gäste oft auch eine Schiffsfahrt unternehmen, fielen ersatzlos aus. Reiseunternehmen hatte ihre Busfahrten komplett eingestellt. Dem fielen auch in diesem Jahr die beliebten Osterbrunnen-Fahrten zum Opfer. "Sonst kam im April und Mai fast jeden Tag ein Reisebus. Alles ist komplett weggefallen. Allein dadurch fehlen mir rund 2.400 Gäste in diesem Jahr", sagt er.

Bis heute haben selbst große Reiseunternehmen Busreisen noch nicht wieder aufgenommen.  Für Einzelunternehmer wie Jens-Erik Beier eine wirtschaftliche Katastrophe.  Er bekam zwar Corona-Hilfen von 9.000 Euro. Dieses Geld durfte aber nur für laufende Betriebskosten verwendet werden. "Ich hatte zwei Monate lang keinen Cent an Einnahmen", klagt Beier. 

Die halbe Welt bereist

Der 55-Jährige ist Matrose, Kapitän, Schiffsführer und Schiffseigner in Personalunion.  "Ich bin Einzelunternehmer", sagt er, doch bei Fahrten braucht er natürlich Personal. Das rekrutiert er aus einem Pool von freien Mitarbeitern.   Er hat schon bessere Zeiten erlebt. 

Als Matrose der Handelsflotte hat er die halbe Welt bereist, vor allem Asien sowie Mittel- und Südamerika, ein Privileg in der DDR. Dann musste er zur NVA, hatte Probleme mit seinen Vorgesetzten, wie er sagt.

 Die Folge: Ihm wurde der "Sichtvermerk" gestrichen, das war  die Genehmigung, ins kapitalistische Ausland fahren zu können. Damals schon praktisch ein Berufsverbot. "Ich hätte nur noch rechts herum fahren können, Sowjetunion und so. Das wollte ich nicht", sagt er.  Beier heuert im Rohrwerk Zeithain an.  

1994 wird dann das Motorschiff "Riesa" in Betrieb genommen, ebenfalls ein kleines Ausflugsschiff.  Bis 2001 wird er dort fahren.  Dann kauft er in Bremen die "Clara von Assisi", die 1950 gebaut wurde und für 75 Fahrgäste zugelassen ist. 

Nachdem er das Schiffspatent erworben hat, darf er mit der "Assisi" auf der Elbe zwischen Bad Schandau und Torgau schippern. Der Sechs-Zylinder-Dieselmotor mit zehn Litern Hubraum und 120 PS  schafft eine Geschwindigkeit von 17 Kilometern pro Stunde. Allerdings elbabwärts. 

Aufwärts geht es wesentlich gemächlicher vorwärts. Dann können die Gäste bei sieben Kilometern pro Stunde in aller Ruhe die Landschaft genießen.

Wut nur schwer zu unterdrücken

Die ersten Jahre lief es gut für Jens-Erik Beier und sein Schiff. Zwischen 7.000 und 10.000 Gäste fuhren damit elbab- und aufwärts. Die Passagierzahl in diesem Jahr geht gegen Null. Jetzt, wo wieder Ausflugsfahrten unter Einhalten der Hygieneregeln stattfinden könnten, gibt es ein weiteres Hindernis.  

Seit Anfang März verkehrt die Elbfähre zwischen Niederlommatzsch und Diesbar-Seußlitz, die der Gemeinde Diera-Zehren gehört und von der Verkehrsgesellschaft Meißen betrieben wird,  nicht mehr. Seit dieser Zeit liegt sie in einer Werft in Meißen auf dem Trockendock. Die Landrevision, die alle fünf Jahre stattfinden muss, zieht sich immer länger hin. Es fehlt unter anderem an den notwendigen und offenbar schwer zu beschaffenden Ersatzteilen. 

Jens-Erik Beier kann seine Wut nur schwer unterdrücken. "So eine Landrevision muss man doch im Winter durchführen und nicht auf den letzten Drücker und dann auch nicht noch mitten in der Tourismussaison", sagt er. Oft jedenfalls stehen potenzielle Fahrgäste der "Assisi" auf der anderen Elbseite und kommen nicht rüber. Anlegen kann und darf er dort nicht. Denn auch die Pontons fehlen.

Immer wieder sonntags

Aufgeben kann und will Jens-Erik Beier aber nicht. Er hat eine neue Idee. Während das Ausflugsschiff sonst nur auf Bestellung gechartert werden kann, bietet er jetzt jeden Sonntag bis vorläufig Oktober regelmäßige Rundfahrten an. Die starten jeweils in Niederlommatzsch um 10 Uhr und um 15 Uhr und gehen nach Diesbar zum "Roß" und nach Hirschstein.

 Pro Person kostet eine solche Rundfahrt neun Euro. Da ist es egal, wie viele Passagiere mitfahren. "Ich lege auch ab, wenn nur fünf Leute kommen", sagt der Schiffseigner und Kapitän. Für ihn ist es wichtig, dass es wieder losgeht und wenigstens ein paar Einnahmen kommen. 

Doch alles in allem ist es ein verlorenes Jahr, nicht nur für ihn. Er hat es aber genutzt, um seine "alte Dame" wieder ein bisschen schöner zu machen, beispielsweise das Dach erneuert. Angebote von Firmen waren allerdings weit weg von Gut und Böse. Da ist es gut, wenn man Freunde und Bekannte hat, die mit Hand anlegen. Zeit hatte nicht nur Jens-Erik Beier für solche Arbeiten in diesem Jahr bisher genug.  

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