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Ein kleiner Italiener hat ganz großen Hunger

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, lässt es sich der Angeklagte in einem Restaurant richtig gutgehen. Ums Bezahlen will er sich jedoch drücken.

Von Jürgen Müller

Da hat aber einer richtig großen Hunger gehabt. Zwei 300-Gramm-Steaks, dazu reichlich Klöße, einen bunten Salat, vier Flaschen Freiberger Bier, vier Ramazotti, einen Schoppen Spätburgunder putzt der kleine Italiener weg. Und zum krönenden Abschluss gönnt er sich einen Schwarzwälder Eisbecher. Traut man dem kleinen Mann gar nicht zu, dass er das alles in sich reinstopfen kann. Die Angestellten des Restaurants lästern schon über ihn. „Da sitzt einer, der hat schon zwei große Steaks verdrückt und will immer noch mehr. Das war ein richtig guter Tisch für uns“, so ein Mitarbeiter. Dass der kleine Mann so großen Hunger und mal Appetit auf richtig gutes und viel Essen hat, kann man ja verstehen. Erst kurz vorher wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Dass sich die kulinarischen Genüsse dort in engen Grenzen halten, ist allgemein bekannt. Der Angeklagte weiß es so gut wie kein anderer: Rund sechs Jahre seines 42-jährigen Lebens hat er bisher hinter Gittern verbracht.

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Die Last mit dem Bezahlen

Der Abend hätte so schön sein können, wenn da nicht das lästige Bezahlen der Rechnung gewesen wäre. Üppig wie das Essen ist auch die: 120 Euro. Doch, welch Schreck, der Mann kann nicht bezahlen. Seine Tasche wurde ihm geklaut, macht er dem Personal weiß. Das ruft die Polizei. Noch bevor die eintrifft, weisen andere Gäste darauf hin, dass der Mann mit der Tasche verschwand und kurze Zeit später ohne diese wieder auftauchte.

Die Mitarbeiter des Moritzburger Restaurants schwärmen aus, suchen die Tasche. Erst werden sie nicht fündig, doch dann fällt einem auf, dass in der Toilette eine Deckenplatte verschoben ist. Und richtig: Dort hat der Mann seine Tasche versteckt. Ein Portemonnaie freilich ist nicht drin. Der Angeklagte war von vornherein ohne Geld in die Gaststätte gekommen, hatte nie vor, die Rechnung zu bezahlen. Gegenüber der Polizei gibt er das später auch zu. Gleich am nächsten Tag wolle er die Rechnung bezahlen, verspricht er. Gemacht hat er es bis heute nicht. „Hab‘ ich vergessen, sorry“, ist sein einziger Kommentar dazu.

Aber er ist nicht nur vergesslich, sondern auch bedauernswert. Glaubt man ihm, wird er immer wieder Opfer von Straftaten. So war das auch das letzte Mal, als er wegen Diebstahls dran war. Er hatte ein teures Mountainbike gestohlen. Nein, das habe er gekauft, sagte er damals und legte einen gefälschten Kaufvertrag vor. Dann sei ihm das Rad gestohlen worden. Ständig wird er verurteilt, jedes Mal ist er ein Opfer von Justizirrtümern. Auch im Gefängnis hat er es nicht leicht, er war schon in Dresden, Leipzig, Bautzen, Zeithain. „In Leipzig wollten die mich sogar umbringen“, jammert er. Und auch jetzt wird er wieder bedroht. Leute, gegen die er einst ausgesagt hatte, würden ihn bedrohen. Er hätte ja Geld gehabt und bezahlen können, aber das hätten die ihm abgenommen. Und dass er keine Arbeit hat, daran ist das Gericht schuld. Er hätte in Leipzig als Trockenbauer anfangen können, just in diesem Moment kam der Haftbefehl.

Zweifacher Bewährungsbrecher

Gemessen an seinen vorherigen Straftaten ist der jetzige Vorwurf der Zechprellerei eher eine Bagatelle. So saß er schon wegen Betrugs und Urkundenfälschung in 55 Fällen, Missbrauchs von Scheck- und Kreditkarten und Hehlerei mehr als drei Jahre ab. Wegen gewerblichen Betrugs und anderer Taten bekam er weitere drei Jahre. Aus einer Haftstrafe von fünf Monaten und zwei Wochen wegen Betrugs wurde er vorfristig auf Bewährung entlassen. Auch eine zweite Bewährungszeit läuft noch.

Die große Frage ist deshalb, wie der Angeklagte für seine diesmal begangene Tat zu bestrafen ist. Selten gehen Antrag der Staatsanwaltschaft und Urteil so weit auseinander. Für Staatsanwältin Yvonne Birke kommt eine Geldstrafe nicht mehr in Betracht. Und da er zweifacher Bewährungsbrecher ist, ein langes Vorstrafenregister aufweist und die Tat kurz nach Haftentlassung beging, sieht sie auch keinen Spielraum für eine erneute Bewährung. Sie fordert neun Monate Haft. Verteidiger Wolfgang Tücks hingegen meint, dass eine Geldstrafe angemessen sei. Das Gericht verhängt tatsächlich nur eine Geldstrafe von 900 Euro. „Sie haben es sich nach der Haftentlassung gutgehen lassen. Das ist menschlich verständlich, aber strafbar“, so Richter Andreas Poth. Im Vergleich zu seinen vorherigen Straftaten sei das diesmal eine ganz andere Kategorie. Deshalb sei eine Geldstrafe noch angemessen.

Der Italiener kann sein Glück kaum fassen, bedankt sich mehrmals für das Urteil. Doch das letzte Wort ist wohl noch nicht gesprochen. Die Staatsanwaltschaft wird in Berufung gehen. Dann muss sich das Landgericht mit dem großen Hunger des kleinen Italieners befassen.