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Ein kleiner Schnitt für die Menschlichkeit

Die Barber Angels wollen in Dresden mehr als nur kostenlos Haare schneiden. Sie wollen ein Zeichen setzen.

Bei Friseurin Nadine Richter sind die Haare von Bettina Rudolph in guten Händen.
Bei Friseurin Nadine Richter sind die Haare von Bettina Rudolph in guten Händen. © Christian Juppe

Selbstbewusstsein kann man nicht kaufen. Aber verschenken. Als ihr einer der Engel den Spiegel vor das Gesicht hält, erkennt sich Bettina Rudolph kaum wieder. „Einfach wunderbar“, sagt die 59-Jährige. Ihre Augen glänzen. Gerade hat sie am Sonntagnachmittag einen ganz besonderen Friseurbesuch erlebt. Sie war zu Gast bei den Barber Angels, die zum ersten Mal Station in Dresden machten.

Auf den ersten Blick machen diese Frauen und Männer mit den vielen Tattoos und vor allem den schwarzen Kutten samt Wappen ziemlich auf Motorradclub. Doch das ist nur Fassade. Mit Rockern haben die Barber Angels genauso viel zu tun wie Frisöre – nichts. Stattdessen hat es sich die 2016 gegründete Organisation zur Aufgabe gemacht, bedürftigen Menschen mit einem kostenlosen Haarschnitt zu helfen. Dafür ziehen sie das ganze Jahr über von Stadt zu Stadt und gründen immer neue „Chapter“, wie der Gründer Claus Niedermaier sie nennt. So viel Motorradclubsprache muss sein. Fast im ganzen Land gibt es inzwischen solche regionalen Gruppen, außerdem in Österreich, Spanien und sogar auf Mallorca. Sachsen blieb dagegen lange ein weißer Fleck. Bis zu diesem Sonntag.

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Zur „Centurio“, der Chapter-Leiterin, wurde die Freitalerin Claudia Mihály-Anastasio ernannt – unaussprechlich, aber ausgesprochen nett. Während ihrer allerersten eigenen Veranstaltung lässt sie sich ihre Aufregung nicht anmerken. Die Diakonie hat für den Premierenbesuch der Barber Angels in Dresden das Haus der Kirche auf der Hauptstraße zur Verfügung gestellt und gleich noch für Kaffee und Kuchen gesorgt. Der Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ist da und hat schon einen Barber-Button auf dem Anzug kleben. Die Stimmung ist locker-flockig. Hier duzt jeder jeden. Und jeder, der rausgeht, sieht besser aus, als jeder, der reinkommt.

© Christian Juppe

Für Bettina Rudolph sollte es die Geburtstagsfrisur werden. Etwas kürzer und mit sanften Wellen. Nächste Woche wird sie 60. Ihr letzter Friseurbesuch ist schon viele Monate her. Sie kann schlecht laufen und ist mit einem Rollator gekommen. Wegen ihrer Spastiken bekommt sie Erwerbsunfähigkeitsrente und verdient sich als Reinigungskraft noch ein paar Euro dazu. Trotzdem reicht das nur fürs Nötigste. „Zum Friseur gehe ich nur, wenn mir mal jemand ein bisschen Geld gibt“, sagt sie. Genau für Menschen wie Bettina Rudolph opfern die barmherzigen Frisöre gern ihre Freizeit und nehmen Anfahrten durch ganz Deutschland in Kauf.

Um Bettina kümmert sich Naddel, Nadine Richter, aus Beverungen in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit ihrem Mann Carsten schloss sie sich vor einem Jahr den Barber Angels an und war seitdem schon bei mehr als 20 Einsätzen dabei. „Ich brenne einfach dafür, weil ich mein Handwerk liebe und ich mit meiner Arbeit hier anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann“, sagt sie. So oder so ähnlich ist das an diesem Tag oft zu hören im Haus der Kirche. Es gibt einen öffentlichen Bereich und einen Raum, in dem die Gäste anonym bleiben dürfen. Ohne Fragen. Ohne Fotos. Insgesamt 25 Barber Angels sind nach Dresden gekommen. Europaweit gibt es derzeit etwa 250 Mitglieder.

Sie alle sind auf einer Mission: Gutes tun und darüber reden, damit die Welle weitergetragen wird. „Wir wollen Vorreiter sein und auch andere Gewerke anstoßen, es uns gleich zu tun“, sagt Claus Niedermaier, der Gründer. Mit dem Start in Dresden ist er äußerst zufrieden. Selten kamen bei einem ersten Einsatz in einer Stadt so viele Bedürftige. Etwa 90 haben sich angemeldet und Gutscheine erhalten.

Unter den Gästen sind viele Hartz-IV-Empfänger und auch einige Obdachlose. Einer von ihnen, Heiko, würde sich gern einen Asterix-Bart frisieren lassen. Dafür ist sein Bart aber noch ein Stück zu kurz. Die Laune lässt sich Heiko davon aber nicht verderben. Er macht Grimassen, zeigt seinen Mund, in dem links und rechts nur noch zwei Metallstifte zu sehen sind, und ruft „Ich bin ein Vampir“.

Ein frisch frisierter älterer Mann sagt beim Abschied zu seiner Frisörin: „Ich möchte Ihnen gern auch etwas schenken“ – und gibt ihr einen Taschenkalender von den Dresdner Verkehrsbetrieben. „Solche Momente berühren uns sehr“, sagt Gaby Günther, die Sprecherin der Barber Angels.

Schon in zwei bis drei Monaten wollen sie zurück nach Dresden kommen. Vielleicht ist die Welle bis dahin ja schon ein bisschen weitergeschwappt. Hilfe jeder Art ist gern gesehen. Vielleicht findet sich ja schon für das nächste Mal ein Restaurant, das zwei Töpfe Gulaschsuppe sponsert oder ein Arzt, der den Einsatz begleitet. Klar ist: Die Frisur kann nur der Anfang sein.