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Ein Knall, und der Dampfer-Schornstein fiel

Gerhard Ackermann erlebte als Kind in Cotta die Dampferflotte aus nächster Nähe. Vor allem ein Erlebnis hat er noch vor Augen.

Gerhard Ackermann hat schon seit seiner Kindheit eine enge Verbindung zu den Dresdner Dampfern.
Gerhard Ackermann hat schon seit seiner Kindheit eine enge Verbindung zu den Dresdner Dampfern. © Marion Doering

Dresden. Wenigstens eine entspannte Fahrt mit einem Dampfer auf der Elbe gehörte für Gerhard Ackermann viele Jahre lang fest in den Jahresplan. Erst als 2003 seine Frau starb, kaufte auch er sich keine Tickets mehr. "Alleine hatte ich keine Lust mehr", sagt der 90-Jährige.

Seine Faszination für die "Weiße Flotte" hat er deswegen aber nicht verloren. Schon als kleiner Junge liebte er es, vom Elbufer aus den Schiffen zu winken. "Von den Eltern habe ich immer Geld fürs Freibad bekommen", erinnert er sich. "Das habe ich aber lieber in Eis investiert." Stattdessen traf er sich mit seinen Freunden mit Vorliebe an der Anlegestelle in Cotta und planschte dort.

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„Wir geben zurück, was wir erhalten haben“
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Den Dresdnern war während der Jahrhundertflut 2002 bundesweit geholfen worden. Nun will Dresden den aktuellen Hochwasseropfern helfen.

Eines Tages hörten sie an dieser Stelle plötzlich einen gewaltigen Krach. "Erst dachten wir, da seien zwei Züge zuammengestoßen oder eine Brücke sei eingestürzt", sagt er. Damals, es war das Jahr 1935, wurde in der Nähe gerade die Autobahnbrücke gebaut.

Als Sechsjähriger plantsche Gerhard Ackermann gern am Elbufer in Cotta.
Als Sechsjähriger plantsche Gerhard Ackermann gern am Elbufer in Cotta. © Repro/Marion Doering

Von links und rechts wurde der Bogen der Brücke nach oben gezogen. In der Mitte war noch eine Lücke. "Der Kapitän dachte wohl, dass er da noch durchpasst und er den Schornstein nicht einklappen müsse", sagt Gerhard Ackermann. Das allerdings war eine Fehleinschätzung mit Folgen. 

Als der Dampfer wenig später an der Anlegestelle in Cotta eintraf, lag der abgerissene Schornstein an Deck. "Für uns Kinder war das natürlich eine Sensation", sagt Ackermann. Wir haben gegrölt und der Kapitän wäre sicher am liebsten im Erdboden versunken." Er habe aber anlegen müssen, da ja stets Passagiere ein- und aussteigen wollten. 

Trotz intensiver Bemühungen habe er nicht mehr herausfinden können, um welchen Dampfer der Flotte es sich damals handelte. 

Etwa zu selben Zeit fuhr Gerhard Ackermann auch gemeinsam mit seinem drei Jahre älteren Bruder per Dampfer zu den Ferienspielen in der Dresdner Heide. Höhepunkt des Ausflugs sei gewesen, als der Dampfer am Italienischen  Dörfchen tutete und wie auf Stichwort zehn bis 15 Köche mit ihren hohen weißen Mützen auf den Balkon hinaustraten und winkten. Dieses Bild habe er immer noch vor Augen.

Heute winken in Dresden keine Köche mehr. Die Dampfschifffahrt ist in einer existenziellen Krise. "Die sind aber auch selbst Schuld daran", sagt Ackermann. "Warum haben die denn so viele Anlegestellen abgebaut?"

Dass die Stadt jüngst abgelehnt habe, die Dampfschifffahrt zu übernehmen, kann er nicht verstehen. "Am liebsten würde ich Herrn Hilbert sagen: Geben sie ihren Posten auf!"

Nachdenklich blättert Gerhard Ackermann in seinen Erinnerungen. Auch einen Fahrplan von 1936 findet er dabei, mit Dutzenden Haltestellen und stündlichen Fahrten. Es müssten zumindest wieder so viele Anlegestellen aktiviert werden, dass auch Rentner mitfahren können, findet er, "ohne vorher durch die ganze Stadt kutschieren zu müssen."

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Haben auch Sie Erinnerungen an Dampfschifffahrten auf der Elbe, die Sie nie vergessen werden? Berichten Sie uns von Ihren witzigen, traurigen oder berührenden Erlebnissen und schicken Sie uns die Geschichten per E-Mail an [email protected] oder per Post an Sächsische Zeitung, Stadtredaktion, Ostra-Allee 20 in 01067 Dresden.


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