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Ein Konzertsaal der Puhdys fällt

Minister bringt fast 600 000 Euro für den Abriss des Gasthofes Etzdorf vorbei. Im Juli geht es los.

Von Heike Stumpf

Jeden Fördermittelbescheid überbringt Sachsens Innenminister Markus Ulbig nicht. Dazu fehlt ihm die Zeit. Nach Etzdorf ist er gestern dennoch gekommen. Zum einen, weil die Fördersumme mit fast 600 000 Euro doch eine beachtliche ist. Und zum anderen hat ihn wohl interessiert, wie Sachsens größtes Gebäude aus der Nähe aussieht. Das wächst mit dem Warenlager des Handelsriesen Edeka gerade im Gewerbegebiet Berbersdorf. Dorthin führt bald eine Erdgastrasse. Die lässt die Kommune gerade für mehr als eine Million Euro verlegen, und zwar auch am Gasthof in Etzdorf vorbei.

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Weingarten im Bürgergarten
Weingarten im Bürgergarten

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An die Zeiten, als in dem Gasthof noch Tanz und Disko waren, Bands live gespielt haben, erinnern sich die Einheimischen immer noch gern. „Neben dem Tivoli in Freiberg war der Gasthof in Etzdorf einer der ersten Auftrittsorte der Puhdys“, erzählte Bürgermeister Bernd Wagner (parteilos). „Davon reden die Leute immer noch.“ Inzwischen stehen die Altrocker im 45. Jahr auf der Bühne und sehen dem Ende ihrer Karriere als Band entgegen. Wenn sie aufhören, dann wird es den Gasthof in Etzdorf wahrscheinlich nicht mehr geben.

Der Abriss startet voraussichtlich im Juli, allerdings nicht mit dem eigentlichen Lokalgebäude an der Waldheimer Straße. Zuerst werden Hinter- und Nebengebäude fallen, sagte der zuständige Bauleiter Konrad Großner vom Ingenieurbüro SLG aus Chemnitz.

Abriss und Neugestaltung des Geländes (sieht Kasten rechts) werden knapp 700 000 Euro kosten. Den Löwenanteil davon übernimmt mit 90 Prozent der Freistaat Sachsen. Weshalb? „Es ist wichtig, dass solche Schandflecke verschwinden, weil sie die Entwicklung hemmen“, begründete der Innenminister. Damit investiere der Freistaat sozusagen Geld in die Zukunft der Kommunen. Vize-Landrat Manfred Graetz sieht das genauso. Der Landkreis könne nicht mehr als Notsicherungen an solchen Gebäuden veranlassen, um die sich die Eigentümer nicht kümmern.

Sie aus der Pflicht zu nehmen, ist für Markus Ulbig aber der falsche Weg. „Wir dürfen nicht akzeptieren, dass sich jemand nicht kümmert, obwohl ihm das Eigentum dazu verpflichtet.“ Dass das viel leichter gesagt, als in der Praxis umgesetzt ist, weiß der Minister aus seiner Zeit als Bürgermeister von Pirna.

Nicht zuletzt deshab reibe er sich häufiger mit seinem Ministerkollegen, der für die Finanzen zuständig ist, um noch den einen oder anderen Euro für das Brachenprogramm zu bekommen. Allein in diesem Jahr stellt der Freistaat zehn Millionen Euro zur Verfügung, damit alte Gebäude abgerissen werden können.

Die Gemeinde Striegistal hat da in den vergangenen Jahren schon einiges in Angriff genommen und in Kaltofen und Pappendorf Brachen zwischen den Flussläufen abgebrochen. „Dass das richtig war, haben wir beim Hochwasser im vergangenen Jahr gesehen. Das hat uns davor bewahrt, vor den gleichen Problemen wie bei der Flut 2002 zu stehen“, schilderte Bernd Wagner. Im Vorjahr habe das Wasser mehr Platz gehabt, sich auszubreiten. Trotzdem hat es im Gemeindegebiet noch Schäden von rund zehn Millionen Euro angerichtet.

Als neues Problem sieht der Gemeindechef Landwirtschaftsbrachen auf die Kommunen in Sachsen und darüber hinaus zukommen. Stallanlagen aus LPG-Zeiten sind häufig übernommen und weiter bewirtschaftet worden. Indes rechnet sich das in den seltensten Fällen, und die leerstehenden Ställe in den Orten oder an den Ortsrändern werden verkauft. „Im ungünstigsten Fall wird dort dann eine neue und rentierliche Massentierhaltung aufgezogen“, konstruierte der Bürgermeister ein Beispiel. In diesem Fall sieht er eine Art Landflucht einsetzen. Denn eine Geruchsbelästigung sei trotz moderner Lüftungstechnik nicht auszuschließen.

Die Möglichkeiten einer Kommune, da gegenzusteuern, seien gering. Trotzdem versuche es Striegistal in einem Fall gerade. Um welches Objekt es sich handelt, sagte Wagner nicht. Markus Ulbig kann diese Sorgen nur an seinen Amtskollegen Frank Kupfer weiterleiten, der dafür als Umwelt- und Landwirtschaftsminister zuständig ist.