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Leben und Stil

Ein kräftiger Italiener

Not macht erfinderisch – auch im Weinkeller. Der Ripasso ist dafür ein schönes Beispiel.

Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar.
Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar. © Thomas Kretschel

Von Silvio Nitzsche

Es gab Zeiten, da hatten die Rotweine Norditaliens nicht wirklich den allerbesten Ruf. Sie galten oft als dünn, unspektakulär und nicht wirklich imposant. Das lag zum Teil an den Böden und am Klima, aber auch an den Rebsorten.

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Not macht erfinderisch, und so wurden das Appassimento-Verfahren und damit der Amarone kreativ ins Leben gerufen. Nur: Der Amarone war und ist teuer. Aber Italiener wären nicht Italiener, wenn sie nicht Italiener wären. So kreierte das nicht unbekannte Wein- und Handelshaus Masi in den 60er-Jahren den Campofiorin Masi Ripasso. Bis 2006 war die Wortmarke „Ripasso“ für Masi weltweit geschützt. Schließlich wurde die Verwendung allen Produzenten in Venetien gestattet.

Der Name des Weines bedeutet wörtlich übersetzt „erneuter Durchgang“. Das Schlüsselwort ist, so schrecklich es klingt, Abfallverwertung. Einem bereits vergorenen und vielleicht nicht so attraktiven Rotwein wurde im Frühjahr Maische bzw. Trester aus der Verarbeitung des Herbstes zugesetzt. Durch die in den Schalen enthaltenen Hefen und Zucker erfolgt eine erneute Gärung. Aus den Schalen gelangen zusätzliche Farbstoffe und Tannine in den Wein, der mehr Farbintensität und Körper bekommt. Klar, das klingt nicht wirklich appetitlich, aber die Idee war genial. Was damals aus der Not heraus geboren wurde, gilt mittlerweile als Tugend.

Sieht nicht appetitlich aus, hübscht aber manchen dünnen Wein auf: Weinmaische.
Sieht nicht appetitlich aus, hübscht aber manchen dünnen Wein auf: Weinmaische. © 123rf

Traditionellerweise erfolgte dies vorwiegend mit Amarone-Maische, deshalb erhielt der Wein den typischen leicht bitteren Geschmack. Um das zu vermeiden, begann Masi Mitte der 1980er-Jahre, getrocknete Trauben statt Amarone-Maische zuzusetzen. Inzwischen haben viele Produzenten diese Art übernommen. Und wie immer spalten sich auch hier die Meinungen. Viele Gegner des Verfahrens fragen sich, ob es statthaft ist, unvollkommene und tendenziell schlichte Weine mit den alkoholreichen Trestern des Amarone aufzubessern. Wenn man Pech hat, erwischt man tatsächlich ein recyceltes charakterloses Produkt. Wenn man dieses Verfahren jedoch mit Engagement und viel Tiefsinn angreift, entsteht eine faszinierende Weinspielart ohne Gleichen.

Beim Ripasso wird man viele Enttäuschungen einstecken müssen, doch hat man ihn gefunden, findet man die Erfüllung. Denn Ripasso ist einer der charaktervollsten Weine Italiens und ein regelrechter Kultwein geworden. Sein schönstes rubinfarbenes Rot ist ein Geschenk für die Augen. Und die Aromen erinnern an ein Potpourri von Waldfrüchten, Kirschen, getrockneten Zwetschgen, einem Hauch von Trüffel sowie Röstnoten. Also, ein Fest für die Sinne. Und Recycling in Perfektion.

Silvio Nitzsche ist Sommelier und betreibt in Dresden die WeinKulturBar. Mehr zu Silvio Nitzsche erfahren Sie hier: www.sz-link.de/Nitzsche