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Ein Leben für die Kinder

Die ehemalige Lehrerin Charlotte Giegling feierte gestern in Seifersdorfihren 100. Geburtstag.

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Von Karin Grießbach

Zur Geburtstagsfeier gestern kam auch Neffe Horst Giegling, um seiner Tante Charlotte zu gratulieren. „Ich bin der erste in der Familie, der nicht Lehrer geworden ist“, erzählt Horst Giegling. Vom Großvater über Eltern bis zu Geschwistern und Tanten waren alle Gieglings außer ihm im Schuldienst. Der 67-Jährige studierte in Glashütte Feinmechanik.

Jeden Donnerstag besucht er seine Tante im Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt in Seifersdorf und bringt ihr frischen Kuchen mit. Bei einem Stück Erdbeertorte plaudern die beiden gern über vergangene Tage. Noch gut erinnert sich der Geisinger an die Zeit gleich nach dem Krieg, als er mit dem Bruder immer die Sommerferien bei Tante Charlotte verbrachte. Sie war Berufsschullehrerin in Frauenstein und hatte selbst keine Kinder. Ihre ganze Liebe galt deshalb den zwei Söhnen des Bruders. „Wir sind immer viel gewandert“, erzählt Horst Giegling. Im Burgwald suchten sie Pilze und sammelten Himbeeren. Mit Handwagen und einem Bittschreiben zogen die Jungen in umliegende Dörfer zu Eltern von Schülern der Tante. Das waren meistens Bauern und so hatten die Kinder auf dem Heimweg Kartoffeln, Milch und Quark in ihrem Gefährt.

„So konnten wir unsere Lebensmittelmarken für die restliche Zeit des Jahres aufsparen. Im ausgebombten Dresden, wo meine Eltern damals wohnten, war die Versorgung mit Lebensmitteln nicht gerade rosig“, erinnert sich der Neffe noch genau.

Von 1927 bis 1942 wohnte Charlotte Giegling in Geising und unterrichtete Hauswirtschaft. Ihren Arbeitsweg in die Berufsschulen von Geising, Altenberg und Lauenstein bewältigte sie bei jedem Wetter zu Fuß.

Über die Stationen Frauenstein und Hausdorf beendete sie ihren Schuldienst an der Förderschule in Ulberndorf. Dort entstand eine enge und besonders herzliche Beziehung zur Familie der Kollegin Ruth Settgast. Als sich die alleinstehende Lehrerin nach ihrer Pensionierung entschied, ins Seniorenheim zu ziehen, wohnte sie immer wechselweise 14 Tage in Seifersdorf und 14 Tage im Haus der Freundin in Oberpöbel.

Ein Bild vom Heimatmaler Max Zierold, dem Vater der inzwischen verstorbenen Kollegin, hängt als Leihgabe an der Wand ihres Heimzimmers und im Regal steht das Hochzeitsfoto von Patenkind Gunter Hanusch, dem Enkel von Ruth Settgast. Deren Tochter besucht die Seniorin bis heute regelmäßig. Seit fünf Jahren organisiert sie immer im Juni den Geburtstag des Monats und lädt alle Jubilare des Heims ins große Musikzimmer ein. Dann wird bei Kaffee, Kuchen und einem Gläschen Sekt eine Stunde lang gemeinsam gesungen und musiziert. Zum 100. Geburtstag von Charlotte Giegling gratulierte neben Verwandten und Freunden auch der Dippoldiswalder Bürgermeister Ralf Kerndt.