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Ein Leben für die Margarine

Geschäftsführer Helmut Lutzmann geht in den Ruhestand. Zuvor hat er noch einmal das Werk erweitert.

Von Bettina Klemm

Die Bonsai sind schon aus seinem Büro verschwunden . Für die Pflanzen hat Helmut Lutzmann bald mehr Zeit. Der Geschäftsführer des Dresdner Margarinewerks geht Ende Juni in den Ruhestand. Dann endet sein Leben für die Margarine.

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Das Margarinewerk Pratau bei Wittenberg war seine erste Arbeitsstelle nach dem Biologiestudium, das war mehr die zu DDR-Zeiten übliche Absolventenvermittlung als eine Leidenschaft. „Aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass Margarine so ein spannendes Thema ist“, sagt er. Schon damals war er an vielen Forschungsprojekten beteiligt. Eine enge Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden und anderen Hochschuleinrichtungen pflegt Lutzmann auch heute. Nur ein einziges Jahr lang, 1991/92, hatte er als Marketingfachmann in einer Kureinrichtung gearbeitet. Dann bot ihm das belgische Unternehmen Vandemoortele einen Job als Betriebsleiter an, es hatte gerade das Dresdner Margarinewerk übernommen und eine neue Produktionshalle gebaut. 1994 wurde Helmut Lutzmann Geschäftsführer.

Seine Nachfolgerin arbeitet bereits seit 19 Jahren im Unternehmen. Ab Juli wird Chantal Mortier das Unternehmen als Werkleiterin leiten. Die 44-jährige Belgierin ist bisher Produktionsleiterin.

Drei-Millionen-Investition getätigt

Sein Abschiedsgeschenk hat sich Helmut Lutzmann gewissermaßen selbst bereitet. „Wir haben noch einmal ausgebaut und eine neue Linie für Flüssigmargarine geschaffen“, sagt er. Drei Millionen Euro hat die Erweiterung gekostet. Die Margarine in der Flasche hat einen höheren Ölanteil und ist bei den Kunden begehrt. So machen Flaschen schon knapp ein Zehntel der insgesamt 40 000 -Tonnen-Jahresproduktion im Dresdner Vandemoortele-Werk aus. Über Umsatz und Gewinn macht der Konzern keine Angaben. Für die neue Anlage hat das Margarinewerk sechs neue Mitarbeiter eingestellt, derzeit sind es 91.

Um Platz für die neue Anlage zu haben, musste ein Teil des Lagers in eine wenige Kilometer entfernte Firma ausgelagert werden. Auf dem Gelände an der Pirnaer Landstraße ist kaum noch Platz, nun grübelt Lutzmann, wie man dennoch weiter ausbauen kann. Einen Vorschlag hat er Vandemoortele noch unterbreitet. Aber das wird nun ein Thema für seine Nachfolgerin sein.

Auch wenn Lutzmann 20 Jahre lang Geschäftsführer ist, hätte er Routine nie ertragen. Er sucht immer neue Herausforderungen. Die größten Wettbewerber sitzen in Belgien, Holland und Spanien. „Die Aufgabe ist es, Qualität zu niedrigen Kosten zu produzieren“, sagt Lutzmann. Deshalb hat er viel Kraft aufgewandt, um effektive Strukturen zu schaffen. So erhalten die Mitarbeiter zusätzlich zum Tariflohn acht Prozent Leistungslohn. „Das, was wir mehr bezahlen, haben wir auch mehr an Partizipation und Motivation und damit einer effizienteren Arbeit“, schätzt der Chef ein.

Wertschätzung für die Mitarbeiter kommt auch in einer Gesundheitsvor- und Gesundheitsfürsorge zum Ausdruck. Das wird selbst in Kleinigkeiten wie bequemen Arbeitsschuhen und Bürostühlen sichtbar. Vandemoortele Dresden macht seit zwölf Jahren Mitarbeiterbefragungen und arbeitet eng mit einer Psychologin zusammen. So habe die psychische Belastung der Mitarbeiter trotz gesteigerter Produktion sogar abgenommen.

Zur Effizienz gehört auch eine hohe Flexibilität der Arbeitszeit. In der Regel wird in drei Schichten gearbeitet. Aber je nach Auftragslage kann es auch einmal sein, dass eine halbe Woche nicht produziert wird, dafür aber ein Wochenende durchgearbeitet wird. Das gehe nur in enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat.

Jeder Mitarbeiter kann mindestens drei Arbeitsplätze bedienen. Das bringt Vorteile, wenn beispielsweise jemand im Urlaub oder krank ist. Für die Qualifikation der Mitarbeiter hat das Unternehmen im vergangenen Jahr acht Prozent der Arbeitszeit aufgewandt. Das Margarinewerk arbeitet mit anderen Lebensmittelherstellern in Dresden, wie Dr. Doerr und Dr. Quendt, zusammen. Je nach Auftragslage werden untereinander im sogenannten Poolmanagement die Arbeitskräfte „verliehen“.

Lutzmann freut sich auf die neue Zeit, in der Margarine bei ihm nur noch auf dem Abendbrottisch stehen wird. Er hat seine Kameraausrüstung vervollständigt, Kurse für Fotografie belegt. Zum Fotografieren passt auch sein zweites Hobby Reisen wunderbar. „Außerdem haben meine Frau und ich zusammen neun Enkel. So sind wir im Sommer ausgebucht. Immer zwei kommen auf einmal, dann unternehmen wir mit ihnen viel“, verrät er. Und auch die 90 Bonsai wollen gepflegt werden, viele hat er schon seit 40 Jahren.