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Ein Leben lang im Einsatz für den Verein

Wolfgang Oeser ist erst der Kapitän und Strafstoßspezialist, später ein Mannschaftsleiter mit Hang zur eigenen Meinung. Die ist nicht immer gefragt.

© WORBSER-Sportfotografie

Von Daniel Klein

In der 68. Minute pfeift Rudi Glöckner und zeigt auf den Elfmeterpunkt. Strafstoß für Dynamo nach einem Handspiel. Wolfgang Oeser tritt an, verwandelt sicher. Es bleibt das einzige Tor, Dynamo schlägt Jena im April 1966 mit 1:0. Im Rudolf-Harbig-Stadion drängeln sich 28 000 Zuschauer und feiern ihre Mannschaft. Am Ende der Saison kommen die Dresdner auf Platz fünf, was beachtlich ist, schließlich pendelt der Verein Mitte der 1960er-Jahre zwischen Liga und Oberliga.

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Das Tor ist ein typisches für Oeser, der nur „Wolf“ gerufen wird. Zwischen 1956 und 1966 bestreitet er 213 Punktspiele für Dynamo und erzielt dabei 27 Tore – 19 davon vom Elfmeterpunkt. Die Quote ist unübertroffen. Reinhard Häfner wird es später auf 16 Treffer vom Punkt bringen. Doch das Toreschießen ist eigentlich nicht Oesers Aufgabe. „Mit der Fünf auf meinem Rücken war ich für das defensive Mittelfeld zuständig“, erklärte er rückblickend. Wobei das fast ein wenig untertrieben klingt. Der Kapitän dirigiert seine Nebenleute lautstark, geht als Zweikämpfer voran. Für die Oberliga-Stars dieser Jahre wie Peter Ducke, Günter „Moppel“ Schröter und Dieter Erler ist Oeser ein gefürchteter Gegenspieler.

Der Mann mit der markanten Nase gehört zu den prägenden Figuren der Gründerjahre, legt das Fundament für den späteren Aufstieg des Klubs bis in den Europapokal. Bei der Feier zum 60. Vereinsgeburtstag im April 2013 wird er wie Klaus Sammer, Hans-Jürgen Kreische, Hans-Jürgen Dörner und Reinhard Häfner zum Ehrenspielführer ernannt, ein riesiges Plakat mit seinem Foto hängt unterm Dach des DDV-Stadions. Bei der Verleihung des Titels im Hygienemuseum hinterlässt der damals 81-Jährige nachhaltigen Eindruck. „Wenn ich das Gestolper sehe“, grantelt er. Dabei ist es ihm völlig egal, dass die Zweitliga-Mannschaft samt Trainer Peter Pacult im Publikum sitzt. Er kann es nicht fassen, „wie kopflos die streckenweise auf dem Spielfeld rumrennen“. Seinen Nachfolgern gibt er zu bedenken: „Vor 29 000 Zuschauern spielen zu dürfen, da hat man als Fußballer eine große Verantwortung.“ Er erntet stürmischen Applaus.

Es ist sein letzter großer Auftritt. Geschäftsführer Christian Müller will ihm einige Tage später die Urkunde bringen, doch da ist er bereits tot. Am 4. Mai 2013 stirbt Oeser. „Er war uns Freund, Vorbild und Lehrer“ heißt es in der Traueranzeige von Dynamo. Er war noch viel mehr.

Nach seiner Zeit als Spieler bleibt er dem Verein treu und wechselt in den Trainerstab, zunächst im Nachwuchs, ab 1971 bei der zweiten Männermannschaft. Als Walter Fritzsch 1973 dann den Posten des Mannschaftsleiters fürs Oberliga-Team neu vergibt, macht er das auf seine unnachahmliche Weise. „Er hat mich nicht überredet, sondern einfach gesagt: ,Wolf, du machst das jetzt.‘“

Widerspruch zwecklos. Doch der kommt auch nicht, obwohl Oeser ahnt, dass er fortan „immer der Dumme“ ist. „Aber es war ja die einzige Chance, aus der eingemauerten DDR mal rauszukommen“, sagte er. „Außerdem war es finanziell eine gute Sache, ich wurde zum Hauptmann der Volkspolizei befördert.“

Oeser kommt viel herum, bei 56 der insgesamt 98 Europacupspiele sitzt er auf der Bank, sieht Turin, Lissabon, Zürich, Wien, Madrid, Lüttich. Nicht alle Auslandsfahrten gehen reibungslos über die Bühne. Hans-Jürgen Kreische, mit dessen Vater Hans er noch zusammengespielt hatte, erweist sich als ein Problemfall. „Die Pässe wurden immer erst kurz vorher ausgeteilt“, erzählte Oeser. „Vor der Abfahrt zum Flughafen Berlin sollten alle die Dokumente vorzeigen. Hans-Jürgen motzte in seiner typischen Art, fragte, ob man hier bei einer Schülermannschaft sei“. Doch dann wühlt er vergeblich in seinen Taschen. Der Stürmer muss nach Hause fahren, seine Frau fährt ihn im Auto hinterher. In Höhe der Abfahrt Freienhufen holen sie den Mannschaftsbus ein.

Als Mannschaftsleiter muss Oeser auch aufpassen, dass niemand zu spät beim Training erscheint. Außenstürmer Karsten Petersohn hat damit öfter ein Problem. „Eines Tages erzählte er mir, dass die Straßenbahn aus Laubegast ausgefallen sei. Und wenn er ein Auto hätte, so wie die meisten seiner Mitspieler, würde das nicht mehr passieren.“ Autos sind damals ähnlich begehrt wie ein Stammplatz und werden zugewiesen. Oeser antwortet: „Schau dir mal an, was die, die hier ein Auto fahren, schon für Dynamo geleistet haben.“ Für Petersohn kommt es noch schlimmer. „Ich habe bei der Auskunft der Verkehrsbetriebe angerufen. Dort sagte man mir, dass an dem Tag sämtliche Bahnen pünktlich gefahren waren.“

Zwölf Jahre sitzt er neben den Trainern Fritzsch, Gerhard Prautzsch und Klaus Sammer auf der Bank, ist loyal, vertritt aber auch immer seine eigene Meinung. „Das war nicht immer angebracht.“ Mit Vereinschef Horst Arlt hat er immer wieder Auseinandersetzungen. „Er hatte natürlich den längeren Arm.“ 1985 ist Oeser seinen Job als Mannschaftsleiter los, wechselt wieder in den Nachwuchs und fungiert als Co-Trainer der zweiten Mannschaft. 2004, mit 72, macht er Schluss – aber nicht aus Altersgründen, sondern aus Frust. Am letzten Spieltag der Landesliga tritt Dynamos Zweite bei der Reserve des FV Dresden-Nord an. Es erscheinen nur neun Spieler, den Rest hat der Verein bereits in den Urlaub geschickt. „Wir verloren mit 1:6. So etwas musste ich mir nun wirklich nicht mehr antun.“

Der Umgang mit der eigenen Vergangenheit und den Ehemaligen wird in dieser Zeit vernachlässigt, um es vorsichtig zu formulieren. 2007 wird Oeser zwar zu Dynamos Ehrenmitglied ernannt. „Erfahren habe ich davon aus der Sächsischen Zeitung.“ Oeser ist nie verbittert und nimmt es mit Humor, wenn er nicht erkannt wird. Beim Spiel der Legenden 2007 kommen zwei Jungen auf ihn zu, bitten um ein Autogramm, fragen aber erst einmal, wer er eigentlich sei. „Als sie meinen Namen hörten, gaben sie mir zu verstehen, dass sie mich nicht kennen und deshalb keine Unterschrift benötigen.“ Oeser konnte noch Jahre später über die Jungs lachen. „Sie waren so herzerfrischend ehrlich.“

Er hatte kurz vor Kriegsende im Jägerpark bei der SG 1893 angefangen und kam nach mehreren kleineren Vereinen im Frühjahr 1956 zu Dynamo. Sein größter Erfolg war 1962 der erste Aufstieg in die Oberliga. Sein monatlicher Brutto-Verdienst damals: 660 Mark, zuzüglich 35 Mark Wohnungsgeld, 66 Mark Verpflegungsgeld sowie 40 Mark Kinder- und Ehegattenzuschlag. Macht abzüglich 66 Mark Sozialversicherung 735 Mark Lohn.

Am Ende der Saison 1966, nach dem verwandelten Elfmeter gegen Jena, bestreitet Oeser kein Oberliga-spiel mehr für Dynamo, offiziell verabschiedet wird er als Spieler erst 1968. Doch er bleibt im Verein – nur eben in anderer Funktion.

Noch mehr rund um das Vereinsjubiläum lesen Sie in unserem Dossier „65 Jahre Dynamo“