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Ein lebensgefährlicher Messerstich

Ein 37-jähriger Iraker soll einen Landsmann niedergestochen haben. Doch nach der Aussage des Geschädigten ist das Gericht verwirrt.

Majed H. steht wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Dresden. Er soll den Angestellten eines Dönerladens niedergestochen haben. Bislang schweigt der 37-Jährige.
Majed H. steht wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Dresden. Er soll den Angestellten eines Dönerladens niedergestochen haben. Bislang schweigt der 37-Jährige. © SZ/Alexander Schneider

Dresden. Es ist ein blutiger Streit mit vielen offenen Fragen. Im Dezember vergangenen Jahres soll Majed H. den Mitarbeiter in einem Döner-Imbiss in der Kesselsdorfer Straße mit einem Messerstich lebensgefährlich verletzt haben. Der 37-jährige Kurde aus dem Irak sitzt seit jener Nacht in Untersuchungshaft. Am Freitag begann sein Prozess vor dem Landgericht Dresden, das aus Platznot die Hauptverhandlung kurzfristig in den Sicherheitssaal des Oberlandesgerichts am Hammerweg verlegt hatte.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten versuchten Totschlag vor. Sie hätte es aber auch genauso versuchten Mord nennen können. Laut Anklage war es am Abend des 16. Dezember in einem Dönerladen zu einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Mitarbeiter gekommen. Im Laufe der Auseinandersetzung hatte der Inhaber des Imbisses den Gast aus dem Laden geworfen.

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H. sei eine Viertelstunde später zurückgekehrt – und hatte ein Messer in seinem Ärmel stecken mit einer Klingenlänge von 20 bis 30 Zentimeter. Wieder sei er auf den Mitarbeiter losgegangen, dann seien beide vor die Tür, wo H. dem 29-Jährigen eines der Messer im Halsbereich in den Oberkörper gerammt habe.

Der Verletzte musste notoperiert werden, weil seine Lunge kollabiert war. Der Stich hatte den rechten Lungenflügel durchtrennt, es bestand akute Lebensgefahr. Einige Minuten später habe H. dann den Inhaber des Imbisses angerufen, und ihm angekündigt, zu ihm zu kommen und ihm den Hals abzuschneiden. Nach der Festnahme des Verdächtigen, fand die Polizei in seiner Unterkunft in Freital auch einen verbotenen Schlagring. Neben versuchten Totschlags wirft Oberstaatsanwalt Silvio Helmert dem Angeklagten daher auch Bedrohung und einen Verstoß gegen das Waffengesetz vor.

Skurril: Imbissgeschäft läuft weiter

Als erster Zeuge berichtete ein Polizist vom Revier West von skurrilen Beobachtungen. Er war mit einem Kollegen als erster am Tatort und habe den Geschädigten vor dem „Sirin“ sitzen sehen. „Ich hatte das Gefühl, als wartete er auf uns. Als wüsste er, dass wir kommen würden.“ Er habe sich an der Schulter gehalten, die Augen aufgerissen und war offensichtlich verletzt worden. Er sei immer schwächer geworden, kollabiert. Der Rettungsdienst versorgte den Mann. Man habe gesehen, dass er niedergestochen worden war.

Sichtlich entsetzt war der Polizist, dass in dem Dönerladen die Geschäfte weiterliefen, als sei nichts gewesen. Ein Angestellter sei genervt von den Beamten gewesen, habe einfach weitergearbeitet. Gäste hätten sich an den Uniformierten vorbeigedrängt, um Essen zu bestellen. „Wir wollten den Betrieb einstellen, aber es ist uns nicht gelungen“, sagte der Beamte. Es seien zu viele Kunden gewesen, die alle Hunger hatten.

Auch bei der Festnahme des mutmaßlichen Täters war der Beamte dabei. Am nächsten Morgen gegen 4.13 Uhr fanden die Ermittler den Angeklagten in seiner Wohnung. Der Mann habe gegrinst, so der Zeuge, als habe er auf die Beamten gewartet.

Vier Vernehmungen - und noch Lücken

Der Geschädigte berichtete, dass er den Angeklagten H. seit Ende 2016 kenne, als er nach Deutschland kam. Beide seien Kurden aus dem Irak, stammten aus derselben Region. H. sei regelmäßig abends im „Sirin“ gewesen, wo er kostenlos gegessen habe. Offenbar arbeitete er in einem anderen Café des Dönerladen-Inhabers.

Der 29-jährige Zeuge sagte, etwa eine Woche vor der Tat hätten die beiden miteinander gestritten. Es sei um unterschiedliche Auffassungen von Politik und den Parteien gegangen, die die Kurden in ihrer Heimat vertreten.

Was dann genau am Tattag passiert ist, dazu wurde der Geschädigte bereits viermal von der Polizei vernommen. Im Gerichtssaal präsentierte er als Zeuge neue Details, die offenbar noch nicht in der in der Ermittlungsakte standen. So sei er etwa 40 Meter neben dem Dönerladen niedergestochen worden.

Grob vereinfacht dargestellt, sagte der 29-Jährige, dass er den Angeklagten habe beruhigen wollen, als der zum zweiten Mal in den Laden gekommen sei. H. habe nach dem Chef gefragt, der aber schon gegangen war. Er sei mit ihm hinausgegangen, um ihn zu beruhigen, sei ihm eine ganze Strecke hinterher gerannt. Was H. von dem Chef gewollte habe, konnte oder wollte der Zeuge nicht sagen.

Wer wollte die Anzeige zurücknehmen?

Merkwürdig ist auch der Versuch des Zeugen, seine Anzeige zurückzunehmen. Mitten in den Ermittlungen hatte er sich dazu bei der Polizei gemeldet. Auf die Frage des Gerichts wurde er unsicher, sagte die Sache sei nun mal passiert, sie seien befreundet. Später gab er allerdings zu, dass er von seinem Chef, dem Dönerladen-Inhaber, zu diesem Schritt aufgefordert worden sei. Ein mögliches Motiv dafür blieb im Dunklen.

Ohnehin ist die Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem Döner-Chef interessant. So soll H. dem Mann, einem Kurden aus der Türkei, auch gedroht haben, seinen Laden anzustecken.

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Der Angeklagte selbst äußerte sich am ersten Sitzungstag weder zu den Vorwürfen, noch zu seinen persönlichen Verhältnissen. „Vorerst nicht“, sagte Verteidiger Jürgen Saupe. Das Schwurgericht hat noch drei weitere Verhandlungstage bis Mitte Juli eingeplant. 

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