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Ein Leuchtturm für die Landsleute

Das Telefon klingelt. Schnell nimmt Dimitrij Torizin das Gespräch an und vereinbart sein Kommen für 14 Uhr. „Ich brauche noch 200 Piroggen. Vielleicht kann uns ein befreundeter Verein aus Löbau helfen“,...

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Von Miriam Schönbach

Das Telefon klingelt. Schnell nimmt Dimitrij Torizin das Gespräch an und vereinbart sein Kommen für 14 Uhr. „Ich brauche noch 200 Piroggen. Vielleicht kann uns ein befreundeter Verein aus Löbau helfen“, sagt der Vorsitzende des Vereins „Leuchtturm-Majak“.

Schließlich soll der Start der Interkulturellen Woche an diesem Sonnabend gelingen. Eine Weltparty im Domzil des Vereins in Gesundbrunnen ist Auftakt für die mehr als 70Veranstaltungen im Landkreis. Die Vorbereitung liegt zu großen Teilen auch in den Händen des Aussiedlers aus Rußland.

Dimitrij Torizin kam mit 13 Jahren gemeinsam mit seinen Eltern und seinem Bruder nach Deutschland. Seine Eltern arbeiteten zuletzt in Karelien im Nordwesten Rußlands als Geologen. Davor suchten sie in Kasachstan direkt an der Grenze zu Asien nach neuen Rohstoffen. „Aufgrund ihrer Arbeit waren wir das Zigeunerleben gewöhnt“, sagt der 32-Jährige.

Die Großeltern wohnen in Kirgisien. 1938 wurden sie aus ihrer ursprünglichen Heimat dorthin vertrieben. Bei den Besuchen schnappt er einige deutsche Worte noch auf.

Dieses Vokabular kommt ihm in den Sinn, als seine Eltern 1993 beschließen nach Deutschland zu gehen. In der Schule bekommt er vor der Abreise Zusatzstunden in der fremden Sprache. Die Ankunft im Thüringer Wald ist dennoch ein Schock. „Was ich in den sechs Monaten zuvor gelernt hatte, konnte ich total vergessen. Die Menschen sprachen ganz anders“, sagt der Übersetzer schmunzelnd.

Der Sprung ins kalte Wasser bekommt dem Neuankömmling. Nach dem Abitur geht er zuerst zur Bundeswehr nach Bayern. „Das ist wohl typisch russisch. Vor der Armee drückt man sich nicht,“ kommentiert er diesen Entschluss. Anschließend studiert er an der Univerität Jena Slawistik und Osteuropäische Geschichte. Auf der Suche nach einem Grundstück kommt die Familie vor fünf Jahren nach Neukirch. Irgendwie erinnert sie dieser Landstrich und die Natur ein bisschen an Karelien.

Selbstständig als Übersetzer

Der Vater macht sich mit der Züchtung von Labradoren selbstständig, Dimitrij Torizin gründet einen Übersetzungsdienst für die Sprachen Deutsch, Russisch und Englisch. Er überträgt historische und technische Texte. Privatleute sind ebenso seine Auftraggeber wie Verwaltungen. „Am kniffligsten sind die Betriebsanleitungen. Schließlich muss ich zunächst einmal selbst verstehen, wie etwas funktioniert, bevor ich es verständlich für andere beschreiben kann“, sagt der Majak-Vorsitzende.

Zu dem Bautzener Verein stößt der junge Mann auf der Suche nach Gleichgesinnten. Der Treffpunkt für Spätaussiedler bietet eine Vielzahl von Freizeitmöglichkeiten – von der Handarbeitsgruppe über den Chor bis zu verschiedenen Tanzgruppen. Aber auch Computerlehrgänge und Jugendprojekte stehen auf dem Plan.

„Wir wollen zeigen, dass Russland mehr ist als Matroschka und Wodka“, sagt Dimitrij Torizin. Die Aussiedler, die sich bei „Majak“ treffen, kommen aus 130 verschiedenen ethnischen Gruppen.

Einen kleinen Einblick von dieser Vielfalt vermittelt die „Weltparty“ zum Auftakt der Interkulturellen Woche an diesem Sonnabend.