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Bautzen

Feeling Bautzen ’89

Mit Jugendlichen inszeniert Mirko Brankatschk ein Stück über die Wendezeit. Es geht um Punkmusik und seine Flucht aus der DDR. Ein Probenbesuch.

Sie spielen eine Punkband Ende der 1980er-Jahre in der DDR: Maximilian Gruber, Vito Pohontsch, Jadwiga Schurr und Ole Schmidt (v.l.) vom Sorbischen Jugendtheater. Die Band steht im Mittelpunkt eines Stückes, das am 20. März in Bautzen Premiere hat.
Sie spielen eine Punkband Ende der 1980er-Jahre in der DDR: Maximilian Gruber, Vito Pohontsch, Jadwiga Schurr und Ole Schmidt (v.l.) vom Sorbischen Jugendtheater. Die Band steht im Mittelpunkt eines Stückes, das am 20. März in Bautzen Premiere hat. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Auf der Hauptbühne des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters ist an diesem Montagnachmittag einiges in Bewegung. Da marschieren vor dem Eisernen Vorhang einige FDJlerinnen (ohne Blauhemd) auf und dann noch ein paar junge Pioniere (ohne Halstuch). Von draußen – so das Textbuch – wird der Lärm von Zweitaktern und Ikarusbussen hereindröhnen, während sich die jungen Leute irgendwie beschnuppern. In wenigen Worten, in knappen Gesten und tänzerischen Posen.

Es ist die erste szenische Probe für das neue Stück des Sorbischen Jugendtheaters, das am 20. März in Bautzen Premiere haben wird. Die Zehn- bis Achtzehnjährigen folgen den Regieanweisungen von Mirko Brankatschk, die durch Fingerzeige von Choreograf Patrick von Bardeleben ergänzt werden.

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Und dann wird es dramatisch: Eine Band, zunächst unsichtbar, spielt die ersten Takte des Liedes von der unruhevollen Jugend: „Sabota u nas prostaja, sabota nascha takaja“. Allerdings deutlich angelehnt an die schräge, knallharte Fassung von Feeling B. – jener legendären DDR-Punk-Band, die Jahre später in Rammstein aufgehen wird.

Der Eiserne Vorhang hebt sich, die jungen Leute davor werden wie auf Kommando zu Komsomolzen – oberflächlich gleichgestellt wie angepasst. Wir sind im Endstadium eines Staates, der nur noch ein paar Monate bestehen wird, aber das wissen die Protagonisten auf der Bühne in diesem Moment noch nicht. Regisseur Mirko Brankatschk unterbricht die Entree-Probe: „Ja, da war schon viel Schönes dran.“

Seit sieben Jahren leitet Mirko Brankatschk das Sorbische Jugendtheater. Der 50-Jährige bringt jungen Leute mit Empathie und Geduld gutes Schauspiel nahe.
Seit sieben Jahren leitet Mirko Brankatschk das Sorbische Jugendtheater. Der 50-Jährige bringt jungen Leute mit Empathie und Geduld gutes Schauspiel nahe. © SZ/Uwe Soeder

Der 50-Jährige meint damit das Spiel des Theaternachwuchses – und nicht etwa die Abenddämmerung des real existierenden Sozialismus in der DDR. Brankatschk führt hier nicht nur Regie, er hat auch das Textbuch verfasst. Nach eigenem Erleben. Es ist nämlich die Geschichte seiner Punk-Band. Sie nannte sich „Die Gesandten“ und probte in Boblitz bei Bautzen.

Das Theaterstück „Prěki – Durich – Loborka“ spielt zwischen April und August 1989, was der Wirklichkeitszeitsspanne nahe kommt. Die drei titelgebenden Worte sind sorbische Synonyme, was ins Deutsche übersetzt tatsächlich „Rüber – Rüber – Rüber“ bedeutet. Allerdings mit Nuancen. Der Bautzener Mirko Brankatschk war damals 20 Jahre alt und wollte wie viele andere auch das kleine Land DDR nicht etwa aufgeben, sondern verändern.

„Wir waren gegen den Einmarsch in Afghanistan und den Tschernobyl-Wahnsinn und machten daraus auch auf der Bühne kein Geheimnis. Wir fühlten uns absolut im Recht.“ Ein Postulat von damals ist jetzt wieder an die Band-Probenraumwand auf der Bühne gepinnt: „Frieden wird zum Problem, wenn er als Diktat erscheint.“

Die Choreografie der Bewegungsszenen hat Tanz- und Yogalehrer Patrick von Bardeleben übernommen. Der frühere Breakdance-Meister gibt den jungen Leuten auf der Probebühne die entscheidenden Fingerzeige.
Die Choreografie der Bewegungsszenen hat Tanz- und Yogalehrer Patrick von Bardeleben übernommen. Der frühere Breakdance-Meister gibt den jungen Leuten auf der Probebühne die entscheidenden Fingerzeige. © SZ/Uwe Soeder

Nach dem einzigen Auftritt der vierköpfigen Band im Frühsommer 1989 in einem Keller in der Dresdner Neustadt wurde sie prompt ein Fall für die Stasi. „Mir gab man zu verstehen, dass ich mir mein angestrebtes Schauspielstudium werde abschmatzen können.“ Das und andere Episoden ließen den „Gesandten“ keine Wahl: „Wir wollten uns nicht in Bautzen II wiederfinden, also mussten wir irgendwie rüber, rüber, rüber.“

Drei Bandmitglieder wagten es über die Slowakei und die grüne Grenze von Ungarn nach Österreich in die erhoffte Freiheit. Das Abenteuer begann nächtens in einem Maisfeld und wäre um ein Haar in einem Moor zu Ende gegangen. „Wir hatten sehr viel Glück“, erinnert sich Mirko Brankatschk. Als dann nur ein paar Wochen später die Mauer fiel, fragten sich die drei schon, ob die riskante Flucht am Ende nötig gewesen war. „Aber, wer hätte das alles auch ahnen können?“ Später verlor man sich im Westen aus den Augen, aber nicht, ohne sich vorher zu schwören: „In 30 Jahren treffen wir uns wieder.“

Auch das Ausscheren aus der angetretenen Gruppe will einstudiert sein. Insgesamt sind mehr als 20 junge Leute zwischen 10 und 18 Jahren an der Inszenierung des Sorbischen Jugendtheaters beteiligt.
Auch das Ausscheren aus der angetretenen Gruppe will einstudiert sein. Insgesamt sind mehr als 20 junge Leute zwischen 10 und 18 Jahren an der Inszenierung des Sorbischen Jugendtheaters beteiligt. © SZ/Uwe Soeder

Wie aber kommt die Erinnerungskultur bei den Heranwachsenden von heute an? Diese Frage treibt auch Torsten Wiegel um. Der Geschäftsführer vom Steinhaus-Verein ist in der Probenwoche auch vor Ort. Das Bautzener Jugendzentrum hat das Förderprogramm „Pop2Go“ des Bundesverbandes für Popularmusik für das sorbische Jugendtheaterprojekt angezapft. Es ist bereits das vierte Ferienprobenlager innerhalb eines Jahres. „Es ist ein Stück über eine Zeit, die den jungen Darstellerinnen und Darstellern erspart geblieben ist. Das Geschehen von damals nachvollziehbar zu machen, ist eine große Herausforderung.“

Mittlerweile habe sich der Theaternachwuchs gut eingefühlt, was wichtig sei. Es gehe ja nicht um Opa, der erzähle, wie er früher mal gefetzt habe. „Die jungen Darsteller auf der Bühne müssen eine Atmosphäre herstellen, die das ebenso junge Publikum im Saal mitnimmt.“ Wobei keine Komödie á la Sonnenallee aufgeführt werde, was auch der musikalische Leiter Malte Rogacki untermauert: „Das ist keine lustige Wendestory. Den Zuschauer soll die reale Bedrohung ergreifen.“ Und dies ohne „didaktischen Hammer“, wie es der Berufsmusiker nennt. „Und dabei schwingt auch die Frage mit: Wie wichtig ist mir Heimat?“

Regisseur und Autor Mirko Brankatschk, der als „Rückkehrer“ seit 15 Jahren fest zum Ensemble des Bautzener Theaters gehört und seit 2012 auch die Leitung des Sorbischen Jugendtheaters innehat, macht hier einen kleinen Kunstgriff. Indem er die Geschichte leicht umschrieb. In der Realität von 1989 spielte er das Tasteninstrument, auf der Bühne ist es jetzt Jadža, ein Mädchen. „Damit können wir nun auch eine Liebesgeschichte erzählen.“ Sogar mit einer Balkonszene wie bei Romeo und Julia.

Jadža wird von Jadwiga Schurr gespielt. Die Rachlauerin ist fast 16 und geht aufs Sorbische Gymnasium. Ihr Part ist anspruchsvoll, was auch auf die anderen Band-Mitglieder zutrifft. Immerhin muss einiges live gespielt werden. Nur hin und wieder gibt es Unterstützung vom Keyboard aus dem Off, das Malte Rogacki bedient. „Das strengt schon an“, sagt Jadwiga. Am Piano fit gemacht werde sie an der Musikschule in Hoyerswerda, aber Musikerin oder Schauspielerin sei dennoch nicht ihr Berufswunsch. „Ich möchte Ärztin werden.“ Nun, dass dies heute allein von Fleiß und Können abhängt, und nicht auch von Anpassung und Selbstaufgabe – auch diese Botschaft steckt ja im neuen Jugendstück.

Die Band-Darsteller müssen nicht nur musizieren, sondern auch schauspielern. Eine große Herausforderung. Bahnt sich hier etwa zwischen Jadža und Šrubber eine Liebesbeziehung an? Das könnte Folgen haben...
Die Band-Darsteller müssen nicht nur musizieren, sondern auch schauspielern. Eine große Herausforderung. Bahnt sich hier etwa zwischen Jadža und Šrubber eine Liebesbeziehung an? Das könnte Folgen haben... © SZ/Uwe Soeder

Den Hauptpart im Stück hat die Punk-Band, die neben Jadwiga noch von Maximilian, Vito und Ole gegeben wird. Aber auch die „Nebenrollen“ hätten Bedeutung, unterstreicht der Regisseur. Bisher wurde auf den Probenbühnen gespielt, musiziert und getanzt. „Das klang schon sehr gut“, sagt Mirko Brankatschk. „Deshalb gehen wir nun auf die große Bühne.“ Der Text stehe, aber es werde hier und da auch improvisiert.

In der Zeltszene zum Beispiel, wo die FDJlerinnen vom Anfang – gespielt von Helena, Cosima, Ronja, Sarah und Constanze – im Dunklen mit Taschenlampen hantieren. „Ich habe ihnen gesagt, bietet mir mal eine Unterhaltung an. Es war unglaublich, was da alles kam. Das könnte ich zehn Minuten so laufen lassen.“ Aber der Regisseur weiß auch, dass mit einer Stunde Stücklänge die Belastungsgrenze fast erreicht ist. Auf der Bühne ebenso wie im Publikum. Und deshalb braucht es Anspannung. Und deshalb geht die Probe weiter: „Achtung, bitte alle wieder auf ihre Plätze!“

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