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Ein mageres Storchenjahr

Eigentlich hatten die Experten mit einem guten Bruterfolg gerechnet. Doch es kam anders.

Stehen können die beiden Jungstörche bereits. Sobald sie Gefahr erblicken, stellen sich die Jungen allerdings tot. In wenigen Tagen wird sich das ändern: Dann setzt der Fluchtreflex ein.
Stehen können die beiden Jungstörche bereits. Sobald sie Gefahr erblicken, stellen sich die Jungen allerdings tot. In wenigen Tagen wird sich das ändern: Dann setzt der Fluchtreflex ein. ©  Sebastian Schultz

Riesa. Als die beiden Störche die Männer im Korb der Arbeitsbühne erblicken, setzt sofort der natürliche Reflex ein. Davonfliegen, wie das Alttier, können sie nicht. Stattdessen legen sie sich ins Nest – und stellen sich tot. Was gegen tierische Feinde vielleicht helfen würde, nützt hier nichts. Routiniert greift Storchenbetreuer Olaf Gambke zu und verfrachtet die Jungtiere jeweils in einen Stoffbeutel. Dann geht‘s zurück auf den Erdboden.

Während um den Horst auf dem Gelände des früheren Autohauses Hänsel in Strehla ein angenehm kühler Wind weht, herrschen unten mehr als 30 Grad. Aber es nützt nichts: Die Tiere müssen vermessen und beringt werden – und die Hebebühne war nun einmal für diesen Tag bestellt. 

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Für die Störche hingegen sind die Temperaturen nicht allzu problematisch, sagt Olaf Gambke. „Da wäre Kälte eher ein Problem, weil es oben dann noch mal ein paar Grad weniger sind.“ Bei zu großer Hitze seien die Eltern der Jungstörche am Horst, um Schatten zu spenden. Sie stehen dann manchmal mit leicht zur Seite gespreizten Flügeln über den Jungen, erzählt Gambke.

Storchenbetreuer Olaf Gambke verpasst jedem Jungtier einen Ring. Die Strehlaer erhalten die Nummern 52 und 53.
Storchenbetreuer Olaf Gambke verpasst jedem Jungtier einen Ring. Die Strehlaer erhalten die Nummern 52 und 53. ©  Sebastian Schultz

Auch, wenn sie die Wärme der vergangenen Tage ganz gut wegstecken können: Ein gutes Jahr wird 2019 für die Weißstörche in der Region nicht werden, sagt Gambke. In der Vergangenheit habe der Altkreis Riesa-Großenhain dem ostdeutschen Trend immer noch ein bisschen getrotzt und für verhältnismäßig viel Nachwuchs gesorgt. Dieses Jahr werde die Zahl der Jungtiere aber wohl unter 40 bleiben, das wären im Schnitt weniger als zwei Jungtiere pro Horst. Unterdurchschnittlich, sagt Olaf Gambke.

Dabei hatte die erste Jahreshälfte noch Anlass zur Hoffnung gegeben: Es war nicht zu trocken, die Nahrungsgrundlage müsste also relativ gut gewesen sein, sagt der Vogelexperte. Außerdem brütete erstmals ein Storchenpaar auf der Esse der Stadtgärtnerei in Riesa. 

Und später meldeten Anwohner aus Neuseußlitz ebenfalls ein brütendes Paar aus ihrem Ort – auch das eine Neuentdeckung. Doch am Ende blieben viele Eier unausgebrütet. Warum, das gibt auch Olaf Gambke Rätsel auf. Vielleicht waren es Revierkämpfe am Nest, bei denen die Eier zu viel bewegt wurden. Sicher ist das nicht.

Ein Jungtier musste Olaf Gambke in den Tierpark geben, weil es nur einen Fuß hatte. Vielleicht ein Gendefekt, sagt er. „Es könnte aber auch ein Unfall gewesen sein, als das Tier noch sehr klein war.“ Denkbar auch, dass sich der junge Storch einen Bindfaden ums Bein gewickelt hat und der Fuß so abgeschnürt wurde. 

Dann wäre er noch glücklich davon gekommen. „Ich hatte in diesem Jahr auch erstmals wieder den Fall, dass ein Junges an einem Bindfaden erstickt ist.“ Das sei vor Jahren aber noch ein deutlich größeres Problem gewesen. Auch in Strehla sammelt Olaf Gambke einen längeren Faden aus dem Horst.

Den beiden Strehlaer Storchenjungen immerhin geht es gut. Groß sind sie verglichen mit den anderen. Während viele Paare in diesem Jahr erst sehr spät gebrütet haben und die Jungen noch entsprechend klein sind, dürften diese beiden wohl „eher sechste als fünfte Woche“ sein, sagt Olaf Gambke. Während sich das noch abschätzen lässt, wäre die Frage des Geschlechts kaum zu klären. 

Der Storchenbetreuer belässt es deshalb beim Beringen. Die Geschwister bekommen die Ringe mit den Nummern 52 und 53. Die Markierung am Fuß ermöglicht es den Vogelkundlern, die Tiere später wiederzuerkennen. Einen der Störche, die jetzt in Neuseußlitz brüten, hat er zum Beispiel schon mal aus dem Nest geholt. 2015 war das, in Naundörfchen. Mit einer Zange wird der Ring am Storchenbein festgemacht. Danach vermisst Gambke die Flügel, die Beine und den Schnabel. Zu guter Letzt kontrolliert er noch das Gewicht des Tieres.

Flügel, Beine und Schnabel werden vermessen, außerdem wiegen die Ornithologen den jungen Storch. Das Gewicht liegt derzeit um 3 300 Gramm.
Flügel, Beine und Schnabel werden vermessen, außerdem wiegen die Ornithologen den jungen Storch. Das Gewicht liegt derzeit um 3 300 Gramm. ©  Sebastian Schultz

Der zweite Storch liegt während des gesamten Prozederes mucksmäuschenstill auf einer ausgebreiteten Decke. Wären die Beringer noch später dran, würde die Sache wohl anders aussehen. „Mit der siebten, achten Woche setzt die Fluchtreflexumkehr ein“, erklärt Olaf Gambke. Statt des Totstellens würden die Störche dann versuchen, wegzulaufen – und den beiden Ornithologen damit das Leben etwas schwerer machen. Flügge sind sie noch einmal etwa eine Woche später.

Nachdem auch der zweite Weißstorch vermessen ist, geht es erneut in den Stoffbeutel und zurück aufs Nest. Als die Bühne anschließend wieder nach unten fährt, schaut sich Olaf Gambke um. „Meist stehen die Eltern in der Nähe auf dem Dach und schauen sich die Sache aus der Entfernung an.“ Diesmal muss er allerdings etwas länger suchen. Dann entdeckt er doch noch einen weißen Fleck in der Landschaft – auf einer Wiese vor Lorenzkirch, am gegenüberliegenden Elbufer.

© Grafik: Sylvia Tietze

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