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Freital

Ein Marsch für die Schwächsten

In Wilsdruff trafen sich am Montag etwa 130 Menschen zum Protest gegen die Corona-Maßnahmen. Es blieb friedlich.

Thomas Schirrmeister (zweiter von rechts) ist der Organisator der Demo gegen die Corona-Maßnahmen am Montagabend auf dem Wilsdruffer Markt.
Thomas Schirrmeister (zweiter von rechts) ist der Organisator der Demo gegen die Corona-Maßnahmen am Montagabend auf dem Wilsdruffer Markt. © Thomas Morgenroth

Der Wilsdruffer Thomas Schirrmeister ist eigentlich nicht der Typ, der sich vor eine größere Menschenmenge stellt und dort das Wort ergreift. Nun tut er es doch, der Ärger und das Unverständnis über die staatlichen Verbote im Zuge der Corona-Pandemie treiben ihn auf die Straße. Am Montagabend stand der 46-Jährige bereits zum zweiten Mal auf dem Marktplatz der Stadt und sprach dort zu vielleicht 130 Menschen aller Altersgruppen, die zu der von ihm angemeldeten öffentlichen Versammlung gekommen waren.

„In der jetzigen Situation sollte unser aller Augenmerk auf den Schwächsten der Gesellschaft liegen“, sagte er, „das sind unsere Kinder und die Alten.“ Die Bewohner in den Pflegeheimen, Wilsdruff hat zwei, hätten in den vergangenen Wochen kaum ihre Kinder oder Enkelkinder sehen dürfen. Aber auch die Kinder und Enkel würden ihre Omas und Opas brauchen. 

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Schirrmeister, Vater von fünf Kindern, von denen drei in seinem Haushalt leben, weiß, wovon er spricht. Mit seiner Frau Bianca versucht er seit Wochen, den Spagat zwischen Betreuung, Beschulung und Beruf zu schaffen. Sie ist Erzieherin, er angehender Erzieher in einem Dresdner Kindergarten, beide mussten durchgehend arbeiten. „Und meine Mutter, die in Dresden im Altenheim ist, habe ich seit zwei Monaten nicht sehen dürfen“, sagt er.

Für Schirrmeister sind das unhaltbare, ja unmenschliche Zustände. Daran ändert sich seiner Auffassung nach auch nichts durch die aktuellen Lockerungen der restriktiven Maßnahmen. „Der Begriff Lockerung kommt übrigens aus dem Strafvollzug“, sagte er und kritisierte die Vorgaben im Zusammenhang mit der teilweisen Öffnung der Kindergärten und Schulen.

„Im Garten werden Gehege errichtet, um die Kinder voneinander zu trennen“, sagte er. Weil Personal und Räume fehlen, würde nun sogar schon gelost, welche Kinder betreut werden. „Einige Schüler dürfen nur einen Tag in der Woche die Schule besuchen“, sagte er. Und in manchen Schulen würden die Lehrer den Gang der Schüler zur Toilette mit Funkgeräten überwachen. „Was das alles mit unseren Kindern macht, können wir überhaupt noch nicht abschätzen. Die verstehen das nicht.“

Seiner Meinung müssten die vorwiegend Alte und Kinder betreffenden Maßnahmen „sofort“ zurückgenommen werden. Er lobte Sachsens Ministerpräsidenten Kretschmer, der am Sonnabend in Dresden „Mut bewiesen“ habe, als er mit Demonstranten sprach. „Wir brauchen Entscheidungen mit Fingerspitzengefühl und dem gesunden Menschenverstand.“ Schirrmeister betont, dass er mit keiner Partei oder politischen Gruppierung etwas am Hut habe. Er plädiert für Einzelfallentscheidungen, die von Stadt zu Stadt und Bundesland zu Bundesland anders sein können.

Nach seiner kurzen Rede gab Thomas Schirrmeister das Wort an das Publikum. Eine junge Frau aus Freital sagte, dass sie nicht verstehe, dass die Fußballer wieder spielen dürfen, die Freiwillige Feuerwehr aber keine Übungen abhalten könne. Ein Mann sagte, dass er seit „sechs, acht Wochen“ nicht mehr zu seiner 102 Jahre alten Mutter ins Pflegeheim dürfe und er nun Angst habe, dass er sie erst zur Sterbebegleitung wiedersehen würde.

Der Abend endete in einem genehmigten und polizeilich abgesicherten „Marsch für die Schwächsten“, wie auf einem Transparent zu lesen war. Einmal brandete kurz ein Chor mit „Wir sind das Volk!“ auf, vereinzelt wurde „Widerstand“ und „Volksverräter“ gerufen. Das aber blieben Ausnahmen. Die Menschen liefen friedlich über Wielandstraße und Gezinge durch die Stadt, die Runde endete auf dem Markt.

Dort will Thomas Schirrmeister am nächsten Montag erneut demonstrieren. Und am Pfingstmontag möchte er mit Kindern den Bewohnern der beiden Pflegeheime der Stadt ein Ständchen bringen.

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