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Ein Meilenstein

Pirnas Stadtmuseum und Galerie am Plan ehren den Dresdner Künstler Klaus Drechsler. Im Mai wird er 75.

Von Thomas Morgenroth

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Vier Quitten liegen auf dem hölzernen Tisch, eine versteckt sich im Schatten, drei leuchten gelb, zeigen aber schon Spuren der Fäulnis. Nur nicht wegwerfen! Jetzt erst entfalten die Früchte doch den ganzen Reichtum ihres typischen süßen Duftes, der die Küche bis in den letzten Winkel ausfüllt und wie kein anderes Obst vom Spätherbst kündet. Alle anderen Gerüche ziehen sich unter dieser olfaktorischen Dominanz bescheiden in sich selbst zurück.

Auch optisch ist das birnenförmige Obst ein ausgesprochen sinnliches Vergnügen. Kein Wunder, dass der Dresdner Künstler Klaus Drechsler und Früchteliebhaber nicht genug von diesem Motiv bekommt, das er als Stillleben immer wieder neu arrangiert. Und er bringt die Quitten als Algraphie, einer sehr aufwendigen, mehrfarbigen Drucktechnik, so meisterlich auf das Blatt, dass der Betrachter unwillkürlich seine Nasenflügel bläht, um den herrlichen Duft einzusaugen.

Drechslers Quitten riechen über die Augen, wer es nicht glaubt, sollte sich die beiden Ausstellungen in Pirna anlässlich des 75. Geburtstags des Malers und Grafikers, den er im Mai feiert, nicht entgehen lassen. Während Christiane Stoebe für ihre Galerie am Plan ausschließlich Stillleben ausgesucht hat, Aquarelle und Algraphien mit bis zu acht Farben, ergänzt um nordafrikanische Metallkannen aus Drechslers Sammlung, zeigt das Stadtmuseum eine Auswahl der 37 Grafiken und Aquarelle, die Klaus Drechsler und seine Frau Ingrid der Stadt im April 2013 geschenkt haben.

Bilder, die berühren

Diese Bilder waren bisher noch nicht öffentlich zu sehen und beweisen einmal mehr, dass der Wachwitzer als Grafiker auch das ganz große Format beherrscht, so wie wohl derzeit kaum ein anderer lebender Künstler in Dresden. Lustvoll füllt Drechsler seine Blätter mit symbolischen, nachdenklichen und ironischen Szenen. Nimmt etwa die „Eitelkeit“ aufs Korn, schmückt ein Gerippe mit Blumenhut und Geschmeide, was aus dem hohlen Gespenst freilich keine Dame macht. Oder er thematisiert das Alter als Einsamkeit, porträtiert ein Runzelgesicht mit Stores, Kaktus und dunklem Fenster und lässt in „Herbstgedanken von Frau Marthe“ (2010) eine Greisin vor brauner Blumentapete mit weit geöffneten Augen ins Leere blicken.

Klaus Drechsler, der auch Albträume und Skurriles in seinen Bildern verarbeitet, rührt mit seiner Kunst das Herz an, nichts ist ohne Belang oder banaler Füllstoff. Der eher still wirkende Maler schafft Stimmungen, die von beklemmend und traurig bis aufmunternd und fröhlich reichen. Mitunter ist Drechsler auch frivol, einige Zeichnungen im Museum sind Beispiele dafür.

Dort gibt es zudem eine ganz andere Seite des Künstlers zu entdecken, den des Häusermalers. Während Drechsler seine Stillleben durchdenkt und nicht nach der Natur malt oder zeichnet, entsprechen seine dörflichen und städtischen Ansichten dem, was er vor Ort vorfindet. In der Altstadt Pirna zum Beispiel oder in Zuschendorf. Er wird so mit seinen Aquarellen zum Chronisten einer vergänglichen Architektur, deren schützenswerte Gemäuer, so bedauert er, gerade mit Dämmungen, Plastetüren und -fenstern ihr Gesicht verlieren.

Diese Veränderungen gehen ihm tatsächlich nahe, ist doch die Stadt Pirna seit fast 50 Jahren seine zweite künstlerische Heimat. 1966 übernahm der damals 26-jährige Absolvent der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, er studierte unter anderem Tafelmalerei bei Paul Michaelis, die künstlerische Leitung des Mal- und Zeichenzirkels des VEB Strömungsmaschinenbau auf dem Sonnenstein, die er für den nach der Wende gegründeten Verein bis 2006 weiterführte.

Drechsler arbeitete in Pirna auch mit behinderten Menschen und achtzehn Jahre lang in der Psychiatrie des Krankenhauses. Zudem kuratierte und organisierte er mit dem Kuratorium Altstadt mehr als 80 Ausstellungen und brachte den Pirnaern in einer Vortragsreihe „Meilensteine der Kunstgeschichte“ nahe.

Inzwischen ist Klaus Drechsler selbst ein Meilenstein geworden, jedenfalls in der jüngeren Kunstgeschichte der Stadt Pirna, die ihn 2001 mit ihrem Kunstpreis ehrte. Allein für seine unwiderstehlich duftenden Quitten hat er ihn verdient.

Klaus Drechsler, Grafiken und Aquarelle, Stadtmuseum Pirna, 24. Januar bis 25. Mai; Galerie am Plan, 24. Januar bis 8. März, Vernissage 24. 1., 16 Uhr, Galerie am Plan, anschließend Galeriekonzert im Museum und Premiere des Films „Zeit gezeichnet“ über Klaus Drechsler vom Pirnaer Film- und Videoclub; 6. 3., 19.30 Uhr, Stadtmuseum, Laudatio auf Klaus Drechsler von Helmut Heinze, Gespräch.

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