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Ein (Neon-)Lichtlein brennt, lang vorm Advent

Gefressen, gespeist und auch geschwoft wurde hier schon lange nicht mehr. Das Gros der Dresdner ist heute vermutlich allerdings noch angefressen vom Anblick der einstigen HO Gaststätte „Am Zwinger“, im Volksmund „Fresswürfel“ genannt, wahrscheinlich sogar restlos bedient.

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Von Christian Ruf

Gefressen, gespeist und auch geschwoft wurde hier schon lange nicht mehr. Das Gros der Dresdner ist heute vermutlich allerdings noch angefressen vom Anblick der einstigen HO Gaststätte „Am Zwinger“, im Volksmund „Fresswürfel“ genannt, wahrscheinlich sogar restlos bedient. Hier hat das Diktum, dass dort, wo viel Schatten ist, auch viel Licht vermutet werden muss, schon lange seine Gültigkeit verloren. Das 1965 projektierte und 1968 errichtete Gebäude wird nur noch als Schandfleck wahrgenommen.

Der ganze Fresswürfel „tanzt“ im Rhythmus

Aber nun geht dort doch ein Licht auf. Denn zwei halbwegs junge Leute – der 32-jährige Paul Göschel und sein vier Jahre älterer Freund Paul Elsner, die sich als „Elektriker des Urbanen“ verstehen – wollen dem Bauwerk, das ihrer Ansicht nach „noch immer einen hohen, nicht unproblematischen Bedeutungsgehalt im kollektiven Bewusstsein der Dresdner besitzt“, neues Leben einhauchen.

Am Abend des 19. September soll die vorhandene originale Hochspannungs-Neonreklame am Fresswürfel wieder in Betrieb genommen werden und für die Dauer von einer Woche von etwa 20 bis 23 Uhr das abendliche Geschehen am Postplatz in einem etwas anderen Licht erscheinen lassen. „Die alte Werbung leuchtet und erlischt im Rhythmus“, sagt Paul Elsner, „der ganze Würfel, jedenfalls der Rest der nach dem Teilabriss an einer Seite noch übrig ist, soll ,tanzen‘, schließlich war das früher auch eine Tanzgaststätte.“ Außen an der Fassade ist eine Videoprojektion von Stefanie Busch und Olaf Kube zu sehen, die alte historische Aufnahmen und neue vom jetzigen Zustand gegeneinander stellt. Die Kamera führte Johannes Köhler.

„Wir wollen keine ideologische Debatte führen, uns interessiert allein das Gebäude“, stellt Paul Elsner klar, es gebe ja viele Lücken und Leerstellen in Dresden. „Uns von Lumopol geht es in erster Linie um das Sichtbarmachen des Unsichtbaren, darum, eine der uns zahlreich täglich begegnenden Lücken in der Stadt zum Erscheinen, zum Aufscheinen zu bringen, das Innere nach Außen zu kehren und wahrnehmbar zu machen“.

Dies soll nicht mit einem Lichtspektakel á la Gerd Hof erfolgen, sondern man setzt eher auf leise, berührende Effekte, will mit, so Göschel, „Zustand und Atmosphäre“ des Bauwerks und des Postplatzes arbeiten. Der in Staßfurt geborene Elsner und der aus Dohna stammende Göschel sind gelernte Elektriker und brauchen ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, haben sie doch schon an verschiedenen Projekten gearbeitet. Göschel beispielsweise hat den Turm der Technischen Sammlungen in Striesen in einen „Leuchtturm“ verwandelt und zum Frühlingssalon der Kunsthochschule die Zitronenpresse glühen lassen. Elsner organisierte 1999 ein Forum für Architektur und Medien in der Schauburg. Zusammen mit ihren Freunden Martin Spellauge und Danny „Hell“ haben Elsner und Göschel tagelang Lampen und Röhren geklemmt, fehlende ersetzt, außen wie innen. „Durch die Beleuchtung auch innen hat man einen Blick in die Tiefe des Raumes“, meint Göschel. Außerdem habe man die alte Steueranlage der Firma „Neon Müller“ reaktiviert.

Combo und DJ beim Eröffungsspektakel

Eingeladen wurde „Lumopol“ vom Projekt „Public Sampler“. Es projiziert exemplarische Ansichten städtischer Öffentlichkeit auf den Postplatz und ist seinerseits Teil des Projekts „Dresden Postplatz“. Dieses geht seit Mai aus unterschiedlichen Perspektiven Fragen nach der Zukunft der Stadt und der Zukunft öffentlicher Räume nach.

Die Lichtinstallation von „Lumopol“ wird am Freitag 20 Uhr eröffnet und untermalt mit einer Tanzveranstaltung vor und neben dem Fresswürfel. Die Marc Brandenburg Combo mit der Sängerin Kerstin Klauer alias Jaqueline Vin de Pot werden allerlei Nettigkeiten früherer Jahrzehnte zum Besten geben, DJ Chuck wird so einiges an Schallplatten auflegen und an der Bar im Stil der 60er Jahre kann man sich einen hinter die Binde kippen oder einfach auch nur den Gaumen befeuchten. Der Eintritt ist frei.

ww.lumopol.de