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Ein Pferd, das stark macht

Im Kreischaer Gestüt am Wilisch findet Physiotherapie auf vier Hufen statt. Die Behandlung in der Reithalle ist gut für Muskeln und Seele.

Von Jörg Stock

Enia ist eine Riesin, jedenfalls verglichen mit Hanna, die auf ihrem Rücken sitzt. Das Pferd scheint den Floh im knallbunten Anorak mit dem Radhelm auf dem Kopf gar nicht zu bemerken. Es hält sein Haupt gesenkt und schaut still und gleichmütig vor sich hin. Aber da sagt Hanna hü. Und die Riesin pariert. Gemessenen Schritts trägt sie das Kind hinaus in das weite, sandige Viereck. Dieser Ritt ist eine Therapie. Hanna hat schon viele Therapien durchgemacht. So oft gelacht, wie auf Enias Rücken, hat sie bei noch keiner.

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Dienstagnachmittags wird in der Reithalle vom Kreischaer Gestüt am Wilisch Krankengymnastik auf Pferden abgehalten. Hippotherapie. Vor allem Kinder steigen auf. Meist leiden sie an Bewegungsstörungen verschiedener Art. Das Reiten, so sagen die Hippotherapeuten, wirkt vielfältiger als jede Methode der konventionellen Physiotherapie. Es schult den Gleichgewichtssinn, fördert die Koordination, lockert angespannte Muskeln, trainiert den Rumpf und mobilisiert die inneren Organe. Und obendrein macht es Spaß. Der Kontakt zum Pferd, sagen sie, steigert das Selbstwertgefühl und bringt neue Lebensfreude.

Im Gestüt am Wilisch gibt es drei speziell ausgebildete Therapiepferde. Enia ist eins davon. Das Tier gehört Carola Klose, einer quirligen, 39-jährigen Physiotherapeutin, die auch zertifizierte Hippotherapeutin ist. Seit 2005 sind sie und Enia ein Team. Enia ist vom Schlage der Schweren Warmblüter und mit 23 Jahren ganz schön betagt für ein Pferd. „Unsere alte Tante“, nennt Carola sie. Schwere Warmblüter werden gern als Kutschpferde eingesetzt. Sie gelten als umgänglich, zuverlässig und ausdauernd und sind somit wie gemacht für therapeutisches Reiten, wo man „springige“ Tiere meidet. Enia hat die Ruhe weg, sagt Frau Klose. „Wenn da einer an ihr rumzerrt, interessiert sie das gar nicht.“

Hanna zerrt nicht. Brav sitzt das kleine Mädchen auf dem großen Pferd und lässt sich lächelnd durch die Gegend schaukeln. Ihre Fingerchen umschließen die Henkel des ledernen Therapiegurts. Einen richtigen Sattel gibt es nicht, nur ein Lammfell als Polster. Dirigiert wird das Duo von Assistentin Lydia, die hinterdrein den langen Zügel führt. Carola Klose läuft nebenher, stützt das Kind und gibt Anweisungen.

Zuerst ist ein Geburtstagsliedchen fällig, denn Hanna ist gestern drei geworden. Nebenbei lässt Carola Klose die Kleine in die Hände klatschen, dann ihre Arme heben, ganz hoch, an den Fahrradhelm, mal den einen, mal den anderen Arm. Sie lässt das Pferd eine Biegung nach links machen, dann eine nach rechts, lässt es stoppen und wieder antreten. Und Hanna darf hü sagen. Sie kichert, weil Enia so schön gehorcht. „Immer, wenn ich hü sage, läuft die looos!“

Das alles sieht ganz banal aus, wie Ponyreiten, nur eben im Großformat. Wo kommt da die Therapie ins Spiel? Genau dann, wenn die Bewegungen des Pferds auf den Patienten übergehen. In der Gangart Schritt erzeugt das Pferd dreidimensionale Schwingungen, die auf den Reiter einwirken. Die Muskeln in seinem Rücken und in seinem Bauch werden symmetrisch angespannt und wieder entspannt. Es ist fast so, als ob nicht bloß das Pferd läuft, sondern auch der, der oben drauf sitzt, auch wenn er eigentlich gar nicht laufen kann, wegen einer Querschnittslähmung zum Beispiel.

Die kleine Hanna ist praktisch querschnittsgelähmt. Zwar fühlt sie ihre Beine. Aber laufen kann sie nicht, weil ihr von Geburt an ein Stück Wirbelsäule fehlt. Therapiepferd Enia soll ihr beim Muskeltraining helfen. Hannas Rumpf ist nicht stabil. Hielte Enia plötzlich an, würde das Kind umkippen, wenn Carola Klose es nicht stützte. Daher hat das scheinbar ziellose Umherwandern von Pferd und Kind seinen Sinn: Indem die Therapeutin das Pferd in Kurven gehen lässt, es seitwärts dirigiert, es bremst und wieder antreibt, wirken Kräfte, die Hanna austarieren muss. Und das stärkt automatisch ihre Muskeln.

Auf einem der Plastestühle am Saum der Sandfläche sitzt Mandy, Hannas Mama. Das Gesicht der Vierzigjährigen zeigt Sorgenspuren, aber in diesem Moment auch Freude und Stolz. Ihre Hanna so mutig auf dem hohen Ross. Von Anfang an sei das so gewesen, sagt Mandy. „Gleich drauf und hü! Da muss man Respekt haben.“

Reitstunde bringt ruhigen Schlaf

Seit einem Dreivierteljahr etwa kommt Hanna zum Reiten. Sie hat einen weiten Weg. Rund fünfzig Kilometer sind es von ihrem Zuhause bei Pulsnitz bis hierher. Doch es lohnt sich, sagt Mutter Mandy. Hannas Oberkörper ist kräftiger geworden, ihre Darmprobleme haben abgenommen und sie schläft deutlich besser, wenn sie reiten war. Ein Kind, das nicht herumtoben kann, lässt sich schwer müde spielen.

Das Beste am Reiten ist, dass Hanna diese Therapie wirklich will, vielleicht, weil sie gar nicht merkt, dass sie therapiert wird. Das große Ziel von Mutter Mandy ist, dass Hanna später mal ein paar Schritte ohne Hilfe laufen kann, dass sie es selbst bis in den Rollstuhl schafft. Sie seufzt ein wenig. „Wir haben noch viel vor uns.“ Ahnt Hanna die Sorgen ihrer Mama? Im Moment jedenfalls nicht. Sie sieht glücklich aus. Sie hat nur Augen für ihr Pferd. Als der Ritt vorbei ist, streichelt sie ihm die Nase. Und dann sagt sie leise: „Danke schön, Enia.“

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