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Ein positiv Verrückter für Bischofswerda

Ohne Leute wie Peter Siebecke gäbe es das Kulturhaus nicht mehr. Mit ihm gibt es Impulse. Wie lange noch?

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Von Gabriele Naß

Kein besonders gutes Jahr für Bischofswerda: Arise zu, Buchladen und andere Geschäfte zu, Kino zu. Herrenmode, Fortbildungswerk und Thalia sind geschlossen. Droht nun auch noch das Ende des Kulturhauses? Zum Glück stimmen die Gerüchte nicht, die durch die Stadt wabern. Aber: Es brauchte Verrückte, um das Haus zu erhalten. Einer dieser positiv Verrückten, Peter Siebecke, kehrte nach schwerer Krankheit Anfang vergangenen Jahres als Geschäftsführer zurück. Wer ist dieser Mann? Wollen er und sein Team das Kulturhaus in die Zukunft führen? Welche Probleme gibt es und welche Ideen? – Die SZ sprach mit Peter Siebecke.

Herr Siebecke, woran denken Sie, wenn Sie Krabat hören?

Dass für die zweiten Krabatfestspiele 2013 in Schwarzkollm gerade der Kartenvorverkauf begonnen hat und zwei Vorstellungen bereits ausverkauft sind. Und wie fasziniert die Leute von dem waren, was wir dort mit fast keinem Budget im vorigen Jahr inszeniert haben. Ich denke zurück an einen tollen Sommer in einem wunderbaren Ambiente in Schwarzkollm.

Sie können ruhig sagen, dass Sie der Intendant waren und schon an der Geschichte für dieses Jahr feilen. Wie heißt die denn?

Krabat – Die Hochzeit in der Schwarzen Mühle.

Hochzeit – ein gutes Stichwort. Sie tanzen seit vielen Jahren auf so vielen Hochzeiten. Was fällt Ihnen zum Striezelmarkt ein?

Dass es für mich eine Sucht und Ehre zugleich ist, für den ältesten deutschen Weihnachtsmarkt jahrzehntelang Programme und Projekte entwickeln zu dürfen. Jetzt allerdings nicht mehr. Mein Sohn hat mit dem Team seiner Agentur Alexander & Partner die künstlerische Verantwortung übernommen. Ich finde, er schlägt sich hervorragend.

Wir erinnern uns an die erste Pfefferkuchenpinzessin 2007. Pauline Neumann aus Bischofswerda. Auch ihr Baby.

Ja. Die Pfefferkuchenprinzessin ist eines der vielen Projekte, die wir für den Striezelmarkt entwickelt haben. Am ersten Advent haben wir wieder eine Pfefferkuchenprinzessin gekürt. Marie die I.

Kaum vorstellbar, dass Sie dort nicht mehr mitmischen.

Aber wahr. Meine Frau und ich, wir behalten jetzt die Enkel. Den einen Enkel zumindest, weil die Enkelin Lily beim Striezelmarkt auf der Bühne steht. Sie spielt den kleinen Pflaumentoffel.

Die Striezelmarkt-CD ist auch Produkt Ihrer Arbeit. Was macht diese so begehrt?

Die 22., die vor einigen Wochen erschienen ist, trägt den Titel „Der falsche Weihnachtsmann“. Und es stimmt: Sie ist zu einem absoluten Sammelobjekt geworden. Wir wollten damit neue Weihnachtslieder auf die Striezelmarktbühne bringen. In den ersten Jahren habe ich die Story geschrieben, jetzt mein Sohn. Aber irgendwie bin ich auch wieder mit dabei.

Was ist das alles für Sie? Arbeit, Stress, Schaffensfreude?

Spaß. Herrlich, wenn ich daran denke, was wir gelacht haben, als wir mit Tom Pauls, Ina-Maria Federowski und Hans-Jörg Hombsch im Studio waren, um die CD „Schneemanns Hausmusik“ zu produzieren.

Was will ein vielbeschäftigter Mann wie Sie in Bischofswerda, was will er mit dem Kulturhaus?

Das frage ich mich heute auch. Aber Spaß beiseite. Damals, als das Kulturhaus Bischofswerda beim Landkreis Bautzen zum Verkauf stand, hat mich jemand angesprochen und gebeten: Kannst du nicht mal ein Konzept schreiben? Ich habe aufgeschrieben, was man machen kann und was man nicht machen kann. So kam ich ins Boot.

Es war jemand von hier?

Ja.

Wer?

Jemand, der mit dem Kulturhaus zu tun hat. Wir kannten uns.

Sie wollen nicht sagen, wer Sie für Bischofswerda geködert hat?

Nein. Das ist besser so.

Sie waren 2006 in jener Sitzung des Kreistages, auf der über die Veräußerung des Kulturhauses abgestimmt wurde.

Ja, und ich erinnere mich noch ganz genau. Es war am 8. Mai. Ich wurde gebeten, unser Konzept zu erläutern.

Waren Sie da wirklich entschlossen, dem Landkreis das Kulturhaus abzukaufen? Es gab keinen weiteren Bewerber.

Es hat tatsächlich kein anderer geboten. Mit 44 Ja-Stimmen, vier dagegen und sechs Enthaltungen hatten wir das Ding an der Backe.

Den Rattenschwanz, der dranhängt im Blick?

Ja und nein. Am Abend ist man klüger als am Morgen.

Aber Sie haben die Frage noch nicht beantwortet: Warum das Kulturhaus, warum Bischofswerda? Sie bräuchten, bei Ihrem sachsenweiten Engagement, beides nicht zum Glücklichsein.

Stimmt, aber damals war es die Herausforderung, Neuland zu erobern. Jetzt ist es ein Auftrag der Gesellschafter, eine Verpflichtung. Und mit der Verpflichtung kommt der Ehrgeiz.

Tom Pauls ist Spaß für Sie. Das Kulturhaus Bischofswerda auch? Immerhin ist das  ein Riesenkasten mit der größten Halle zwischen Dresden und Hoyerswerda, mit vielen Räumen, die besser nicht dran hingen und einer Heizung, die fernab von dem ist, was man energiesparend nennt.

Wenn der Spaß –  und ein Teil der Gesellschafter – nicht wären, dann wäre ich schon ganz bei Krabat. Oder ich wäre nur mit den Enkeln Pauli und Lilli unterwegs. Pauli hatte übrigens am 28. November Geburtstag. Da wurde er vier. Genau zur Eröffnung des Striezelmarktes. Mama dort im Einsatz, Papa dort im Einsatz und die Lilli als singender Pflaumentoffel im Programm. Das Los der Künstler.

Da haben Sie mit ihm gefeiert!

Meine Frau und ich, und da war vorher klar, dass ich nicht im Kulturhaus sein, sondern den ganzen Tag mit Pauli feiern werde. Es ist Gold wert, wenn man mit den Enkelkindern zusammen sein kann. Das habe ich mit zunehmendem Alter erkannt.

Was macht Spaß am Kulturhaus?

Wenn die Leute kommen und zufrieden sind. Wenn man ein kleines, aber feines Team mit Frank Klenner, André Herenz und meiner Frau zur Seite weiß oder gute Partner hat wie den Partyservice Axel von Gahlen aus Bischofswerda. Mit denen kann man Neues ausprobieren und etablieren. Das Schlachtfest von Axel von Gahlen Anfang Dezember, das erste bei uns im Haus, war einsame Spitze. Oder der Nikolaustag: Wir durften über 300 Kinder im Haus begrüßen. Deren Stiefel haben uns die Kindereinrichtungen und Schulen vorher gebracht, wir haben sie gefüllt. Da sagen manche, du hast doch einen Vogel. Aber genau das macht Spaß – und den Spielplan reicher.

Kreativsein können Sie sicher nur so lange, wie die Rechnung aufgeht und Sie kein finanzielles Risiko eingehen.

Stimmt, zumal ich noch Altlasten der Vorgänger in der Geschäftsleitung abtragen muss. Täglich bekommen wir Angebote von Agenturen mit der Frage: Können Sie mich buchen? Nehmen wir an, stellen wir den Saal, machen wir die Werbung. Wenn dann kaum jemand kommt, verblasen wir Unsummen allein für Strom und Heizung. Das ist die Achillessehne dieses Hauses. Deswegen blas ich lieber auch mal was ab. Es muss sich rechnen. Wir bekommen keine Subventionen, sind nicht in der Kulturraumförderung.

Stimmt es, dass das Kulturhaus fast pleite ist?

Das ist ein Gerücht. Wenn wir die Türen zumachen müssen, sagen wir rechtzeitig Bescheid. Wir müssen aber zusehen, dass wir unsere Verpflichtungen bedienen.

Wie finanziert sich ein so großes Haus?

Ausschließlich durch Veranstaltungseinnahmen und Vermietung. Halt. Auch durch Sponsoring. Es gibt einige Unternehmen, die dem Haus wohlgesonnen sind, und ich wünsche mir, dass es mehr werden.

Einfach? Sicher nicht.

Nee. Das ist harte Arbeit. Das Gelingen hängt von der Ausgewogenheit der Programme ab und davon, dass es bei Einmietungen gelingt, dass beide Seiten auf Risiko gehen. Es ist immer ein Verhandeln, weil jeder erst mal kommt und sagt: Ich habe kein Geld. Ich will eigentlich nicht sagen, dass es wie auf dem Basar ist, aber es ist schon so. Am Jahresende jedenfalls muss die Rechnung aufgegangen sein.

Und geht sie auf? Andere Kultureinrichtungen wie das Kino Bischofswerda schließen.

Es gibt uns. Aber wir setzen gerade alles auf dem Prüfstand. Auch die Energiekosten. So steigt ab diesem Jahr ein neuer Anbieter ein, da werden wir Etliches sparen.

Was ist die größte Baustelle?

Wir haben viele große Baustellen. Eine wichtige ist die Gastronomie. Hier sind wir dabei, uns mit Partnern wie dem Partyservice von Gahlen völlig neu aufzustellen.

Das Haus ist vor dem Verkauf im Auftrag der Bautzener Landkreis-Verwaltung modernisiert worden. Und trotzdem nicht das modernste. Was ist das Problem?

Die Heizung. Im großen Saal haben wir das Riesenproblem, dass die Wärme von unter der Bühne in den Saal hineinventiliert wird. Das kann ich aber nicht immer während einer Veranstaltung machen, dann stört sie. Gleichzeitig verfliegt die Wärme ziemlich schnell. Die Heizung ist nicht unmodern, aber sie ist bei heutigen Energiekosten nicht praktikabel für das Haus.

Sie haben ein Haus mit veralteter Heizung gekauft?

Das kann man so sagen. Aber es gibt andere Dinge auch, die uns jetzt auf die Füße zu fallen drohen. Hauptsächlich beim Brandschutz.

Das wussten wir damals nicht.

Können Sie investieren?

Wir können investieren. Wenn sich die Gesellschafter einig sind, können wir eine neue Heizung hinsetzen, aber die Frage ist: Macht es perspektivisch Sinn?

Warum nicht? Sie planen doch nicht das Ende des Kulturhauses. Oder etwa doch?

Wenn Energieversorger die Preise erhöhen, die Gema die Preise erhöht und sie Unkosten haben ohne Ende, muss man sich alles gut überlegen.

Bis wann planen Sie? Laut der Vereinbarungen aus dem Vertrag mit dem Landratsamt könnte das Haus 2017 verkauft werden.

Oder abgerissen. Schon einmal – als wir es gekauft haben – haben wir das Kulturhaus für die Stadt Bischofswerda erhalten können. Denn hätte sich damals 2006 kein Käufer gefunden, wäre das Kulturhaus abgerissen worden. Das wäre ein Stück Kultur weniger. Schlecht, wo doch die Stadt so etwas braucht, um nicht in weitere Leblosigkeit zu versinken. Im Moment planen wir bis 2015. Bis dahin gibt es schon Anfragen.