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Ein Rabenauer im Unruhestand

Johann Spensberger schaffte den Spagat zwischen Technik und Handwerk - zwischen Kupplungswerk und Stuhlbaumuseum. Jetzt wird er 85.

Dr. Johann Spensberger in seinem Wintergarten in Rabenau. Am 28. Juli wird er 85.
Dr. Johann Spensberger in seinem Wintergarten in Rabenau. Am 28. Juli wird er 85. © Karl-Ludwig Oberthür

Mit 350 Kilometern pro Stunde ist der chinesische „Fuxing“ der weltweit schnellste Personenzug im Regelverkehr. Die Reisezeit für die 1.300 Kilometer zwischen der Hauptstadt Peking und der Wirtschaftsmetropole Shanghai beträgt nur viereinhalb Stunden. In den Bahnhöfen ist der „Fuxing“ mit seiner aerodynamischen Nase ein beliebtes Fotomotiv. Wesentliche Bauteile bleiben dabei unsichtbar: Die Kupplungen in den Triebdrehgestellen, und die kommen aus Dresden.

Johann Spensberger aus Rabenau hat sie mitentwickelt, damals, Mitte der Neunziger, mit seinem Sohn Christoph, der heute Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft ist, und den Ingenieuren des Kupplungswerkes Dresden. Die „Bogenzahnkupplung mit Metallbalgdichtung“ war ein „ganz großes Ding“, wie Spensberger sagt. „Es war die erste Kupplung für Schienenfahrzeuge, die hermetisch abgedichtet war“, sagt er. Das sorgte für eine hohe Lebensdauer. 1995 bekam das Unternehmen dafür ein weltweites Patent, das allerdings 2015 ausgelaufen ist.

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„Unsere Kupplungen sind in allen Hochgeschwindigkeitszügen drin“, sagt Johann Spensberger nicht ohne Stolz. Bis 2002 war er Geschäftsführer des Kupplungswerkes, ist noch immer Mitgesellschafter der GmbH und Berater des Unternehmens. „Ich rede da ein bisschen rein“, sagt er und schmunzelt. Johann Spensberger kann einfach nicht stillsitzen. Er ist im Unruhestand – am 28. Juli wird er 85. Die patentierte Kupplung, ein Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn, bekommt in der Firmengeschichte, die der promovierte Maschinenbauer gerade recherchiert und aufschreibt, wohl ein Extrakapitel.

Die Gründung des Kupplungswerkes geht bis auf das Jahr 1877 in Dresden zurück. Johann Spensberger kommt 1957 dazu, als Konstrukteur in einem späteren Betriebsteil, der Benn GmbH in Freital, die kanadischen Eigentümern gehört und daher nach 1945 nicht enteignet werden konnte. 1972 wird der Betrieb dennoch verstaatlicht und zum VEB Kupplungswerk Freital. Die Immobilie indes bleibt in Besitz der Kanadier – bis 1998, als die Benn GmbH schließlich nach München verkauft wird. Von Spensberger im Auftrag der nordamerikanischen Mehrheitsgesellschafter.

1980 wird das Kupplungswerk Freital ein Betriebsteil des Kupplungswerkes Dresden, das wiederum zum Kombinat Getriebe und Kupplung in Magdeburg gehört. Da ist Johann Spensberger, der nebenher an der TU Dresden studiert, längst an der Spitze des Unternehmens angekommen. In Freital ist er Technischer Direktor und Betriebsdirektor, ist ein paar Jahre im Kombinat in Magdeburg und Leipzig angestellt, um 1986 endgültig in das Kupplungswerk Dresden zurückzukehren. 1987 wird er Betriebsdirektor und rettet das Unternehmen als Geschäftsführer über die Wende.

Schmerzliche Privatisierung nach der Wende

Aus dem VEB wird eine GmbH. 1993 kauft Johann Spensberger mit drei leitenden Mitarbeitern und einem westdeutschen Unternehmer das Werk III an der Löbtauer Straße, das heute mit rund 200 Beschäftigten Industriekupplungen produziert, die weltweit gefragt sind. Einer der Hauptkunden ist die Deutsche Bahn. In Russland und neuerdings in China gibt es Niederlassungen für Vertrieb und Service, nicht aber für die Produktion, die, betont Spensberger, soll in Sachsen bleiben.

„Der Einschnitt nach der Wiedervereinigung war schon sehr schmerzlich“, sagt Spensberger. „Wir hatten 600 Beschäftigte, nur ein Teil davon konnte bleiben.“ Der Betriebsteil in Freital, dort, wo Spensbergers berufliche Karriere begann, wird stillgelegt. Spensberger ist aber noch Geschäftsführer der Benn GmbH und sorgt für die Vermietung und später den Verkauf der Immobilie, in der unter anderem die Spielbühne Freital ihre Spielstätte hatte.

Das wichtige Jahr 1957

1957 ist nicht nur wegen der beruflichen Weichenstellung ein wichtiges Jahr in Johann Spensbergers Leben, das von Kontinuität geprägt ist. Der junge Mann heiratet die zwei Jahre jüngere Charlotte, die nach dem Krieg aus Breslau flüchten muss und 1947 in Rabenau Unterschlupf findet. Sie bekommen ein Kind, Christoph, es bleibt ihr einziges. Und sie beziehen eine Zweizimmerwohnung in Rabenau in der Obergasse 7, in einem privaten Haus, das sie 1976 kaufen.

Dort wohnen Spensbergers noch immer und genießen die Tage im Garten, im Wintergarten oder in der Wohnstube. Überall schmücken Gemälde und Zeichnungen regionaler Künstler die Wände, darunter Klöppelbilder von Charlotte Spensberger und eine Sammlung mit Aquarellen von Curt Querner. Mitunter hängen die beiden Senioren auch an einer Stange zwischen einem Türrahmen im Flur: „Damit halten wir uns fit“, sagt Spensberger und versucht sich an einem Klimmzug.

Ein Rabenauer mit Wurzeln in Bayern

Mittlerweile, nach 63 Jahren in der Stadt, könnte Johann Spensberger als Rabenauer gelten. Seine familiären Wurzeln hat er indes im bayerischen Landsberg am Lech. Sein Vater Josef Spensberger ist Schlosser und kommt mit der Familie aus beruflichen Gründen nach Brandenburg. Bis 1945 wohnen sie in Mückenberg, heute ein Ortsteil von Lauchhammer, und dann in Mühlberg/Elbe. 1949 zieht Johann Spensberger zu einem Onkel nach Dresden, wo er in der Oberschule „Romain Rolland“ sein Abitur macht – und Charlotte kennenlernt.

So kommt Johann Spensberger schließlich nach Rabenau. In der Stadt verbindet man seinen Namen allerdings weniger mit dem Kupplungsbau denn mit dem Stuhlbau. Mit dem kommt Spensberger erst 2002 in Berührung. Als die Werkstatt des Stuhlbaumeisters Kurt Aehlig aufgelöst werden soll, macht er sich mit Hans Derr, Frank Ell und Horst Fügner für deren Erhalt stark. Die historischen Maschinen sollen ins Museum. Das aber kennt Spensberger bislang nur von außen.

45 Jahre nach seinem Umzug von Dresden nach Rabenau betritt er nun zum ersten Mal das Stuhlbaumuseum. Er ist sofort begeistert. 2005 wird Aehligs Werkstatt als Schauobjekt eröffnet, ein Höhepunkt in der Geschichte des Museums, das sich nun, auf Anregung von Dietrich Noack, Deutsches Stuhlbaumuseum nennt. 2006 wird Spensberger Vorsitzender des Vereins, der fortan das Museum betreibt, und zugleich ehrenamtlicher Museumsleiter.

Erfolgreiches Ehrenamt im Stuhlbaumuseum

Unter seiner Ägide blüht das Museum förmlich auf. Es finden Stuhlbauertage statt, ein Buch erscheint, das Standardwerk „Möbel für alle“, die Besucherzahlen erreichen die Marke von 5.000. Spensberger, 2015 mit dem Sächsischen Industriekulturpreis geehrt, betont, dass der Erfolg einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu verdanken ist. 2016 tritt er als Museumsleiter zurück. Daniela Simon wird seine Nachfolgerin, erstmals hauptamtlich. Sie übernimmt zudem 2019 den Vorsitz des Vereins von Johann Spensberger, der aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten will.

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Seine Kraft braucht der pensionierte Geschäftsführer und Museumsleiter jetzt für sein Buch über die wechselvolle Geschichte des Kupplungswerkes. Seit 63 Jahren ist Johann Spensberger ein gestaltender Teil des Unternehmens, er wird also in einigen Kapiteln selbst vorkommen. Und nicht nur in dem einen, in dem es um die patentierte Bogenzahnkupplung geht, mit der die Chinesen in Rekordzeit über die Gleise jagen.

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