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Ein Reisender ohne Ausgang

Stiftungsarbeit während der Ausgangssperre: François Maher Presley über Isolation, Hoffnung und Kultur in der Krise.

François Maher Presley schreibt an seinem neuen Buch. „Der Reisende“ soll der Titel des autobiografischen Werks sein. Doch der Autor hockt seit Wochen in unfreiwilliger Isolation.
François Maher Presley schreibt an seinem neuen Buch. „Der Reisende“ soll der Titel des autobiografischen Werks sein. Doch der Autor hockt seit Wochen in unfreiwilliger Isolation. © François Maher Presley

Von François Maher Presley

Kurz nach meiner Ankunft aus Marokko war es geplant, einige Tage in Spanien, anschließend 16 Tage in Mittelsachsen zu verbringen und dort, wegen der von meiner Stiftung geplanten Veranstaltungen in diesem und den kommenden Jahren, 28 Termine wahrzunehmen, darunter mit dem Landrat Matthias Damm, einigen Oberbürgermeistern und Bürgermeistern. 

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Flüge, Hotel und Mietfahrzeug waren gebucht, am 13. März sollte es losgehen, doch wurde ab diesem Tag in Spanien eine Ausgangssperre verhängt, wie sie für viele Menschen in Deutschland wahrscheinlich gar nicht nachvollziehbar ist. Es ist untersagt, das Haus zu verlassen, zu zweit im Auto zum Einkaufen oder zum Arzt zu fahren, spazieren zu gehen. Bis auf wenige Branchen wurden alle Geschäfte geschlossen. Eine Abreise nach Deutschland wäre möglich, eine Rückkehr jedoch nicht. Jeder Verstoß wird mit 500 Euro und mehr geahndet. Kein Pardon. Eine absolute Ausgangs- und Kontaktsperre. Kassenbon zum Nachweis.

Nun bin ich das Alleinsein, bedingt durch die vielen Reisen gewöhnt, doch ist mir auch klar, dass man sich dringend ein Programm erstellen muss, damit die Zeit allein erträglich bleibt. Zudem sind viele Arbeiten zu erledigen, ganz andere als geplant, doch eben neue im Zusammenhang mit der Corona-Krise.

Mir blieb nichts anderes übrig, als alle Termine schriftlich abzusagen und einige zu verschieben. Darüber hinaus mussten geplante Veranstaltungen der „François Maher Presley Stiftung für Kunst und Kultur“ verschoben werden, das alles telefonisch oder per Mail. Mit den Wochen kam in Deutschland eine – zwar weniger strikte – Ausgangssperre hinzu, die meine Arbeit für die Stiftung nicht erleichtert.

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Die unter der Schirmherrschaft des Landrats Matthias Damm geplante Ausstellung „Gegen das Vergessen“ mit Bildern, die von KZ-Häftlingen gemalt wurden und die in 13 Städten in Sachsen ab September 2020 stattfinden sollte, muss nun anders organisiert werden. Die Eröffnungsveranstaltung in Lommatzsch wird um ein Jahr verschoben, sodass die erste Veranstaltung erst ab Dezember 2020 stattfinden wird. Zu meinem Glück reagierte die Bürgermeisterin Dr. Anita Maaß schnell, zeigte Verständnis und war einverstanden. 

Alle paar Tage rufe ich im KZ-Buchenwald an oder schreibe Mails, um vielleicht den zuständigen Mitarbeiter anzutreffen, mit dem ich zusammen die Ausstellungsobjekte aussuchen wollte. Die Gedenkstätte scheint jedoch geschlossen. Dennoch müssen die Textbeiträge angefordert, der Katalog zusammengestellt werden, muss die Drucksache vor Beginn der Ausstellungsserie vorliegen. Und wenngleich doch so vieles im Alltag erstarrt zu sein scheint, läuft die Zeit.

Spaziergang im Supermarkt

Jede zweite Woche fahre ich zum Einkaufen. Erstmalig in meinem Leben wähle ich einen Supermarkt für einen Spaziergang und verbringe darin mehr Zeit als nötig. So steige ich in meine 40 Jahre alte „Ente“, die mit einem unüberhörbaren Lärmpegel sich von null auf neunzig km/h – diese Geschwindigkeit ist über Land erlaubt – hoch kämpft und bald fünf Minuten braucht, mich, Maske vor Mund und Nase, Brillengläser beschlagen, Handschuhe tragend, auf den Kreisel zubringend, wo die Polizeikontrollen eingerichtet sind, keine Servolenkung, Geschwindigkeit reduzieren, auf die Kontrolle vorbereiten, Kupplung nicht im Griff, säuft der Motor auch noch ab. Die Polizisten staunen über dieses Bild und winken mich gleich weiter.

Die 40 Jahre alte Ente bringt François Maher Presley zum Supermarkt. Denn Einkaufen ist erlaubt.
Die 40 Jahre alte Ente bringt François Maher Presley zum Supermarkt. Denn Einkaufen ist erlaubt. © François Maher Presley

Organisation ohne Gewissheit

Viele der betroffenen Bürgermeister haben sicher anderes zu tun. Natürlich ist Kunst und Kultur in diesen Zeiten nicht das Wichtigste. Ich stimme dem bescheiden zu, in Wirklichkeit jedoch weiß ich, dass es gerade Kunst und Kultur sind. Die Kultur ist die Basis, auf der Gemeinschaften auch in solchen Zeiten miteinander funktionieren. Kunst ist Innovation. Beides, gerade in schweren Zeiten, sehr wichtige Aspekte im Zusammenleben. Das herüberzubringen ist die Aufgabe der Stiftung und damit auch meine Aufgabe, der ich die Stiftung leite. Die ersten Texte gehen pünktlich ein; mit einer Mail erinnere ich an die ausstehenden.

Bürgermeister Veit Lindner meldet sich. Aufgrund der vielen Verschiebungen von Veranstaltungen in das kommende Jahr möchte er die Ausstellung in Roßwein zeitlich mit der in Hainichen tauschen. Sein Kollege Dieter Greysinger aus Hainichen hat schon zugestimmt. Ich freue mich über die Eigeninitiative und bestätige schriftlich.

Liselotte nutzt die Zeit der Quarantäne

Mein Kater, dem ich den Namen Liselotte gegeben habe, als Erinnerung an meine beiden Katzen in Marokko, Lise und Lotte, freut sich nicht allein darüber, dass ich nun 24 Stunden im Haus bin und er diese Nähe spürt, sondern auch darüber, dass er seit Wochen und noch bis zum 9. Mai die Zeit hat, mich sehr viel mehr an seinen Tagesrhythmus zu gewöhnen, mich geradezu auszubilden. Er ist es, der mich weckt, mich zum Mittagsschlaf auffordert, darauf besteht, dass ich neben seinem Fressnapf sitze, während er frisst, ihm das Fell bürste, und er zeigt mir nun auch, dass er entscheidet, wer auf welcher Seite im Bett schläft. Er zumeist in der Mitte. Kein Platz für mich. Er macht sich schwer, weicht keinen Zentimeter. Ich gebe auf und habe am nächsten Morgen Gliederschmerzen.

Und viel Freude zwischendurch

Leider müssen die Ausstellungen in der stiftungseigenen Galerie in Waldheim verschoben werden. Ingo Ließke anrufen, der die Galerien ehrenamtlich betreut. Die Ausstellungszeiten durchgehen, verschieben. Darunter auch eine Absage für die Präsentation des jährlichen Kindermalwettbewerbs. Schulleiter Heiko Felgener aus Waldheim anschreiben. Nicht einfach ausfallen lassen. Ein Konzept muss her, eine virtuelle Ausstellung. Die Sächsische Zeitung macht mit. Großartig. Kathrin Hillig von der Mittelsächsischen Kultur gGmbH bietet an, eine Vernissage im Schloss Rochsburg im November nachzuholen, dann, wenn auch die Bilder zum Buch „Kater Arthur von Schloss Rochsburg“ vorgestellt werden und für beide Malwettbewerbe gemeinsam die Preise zu vergeben. Die Mühe der Lehrer und Pädagogen nicht umsonst. Keine enttäuschten Kindergesichter. Kultur fällt nicht aus. Kultur sind wir gemeinsam. Ich bin ganz glücklich. 

Und dann noch das

Am schlimmsten sind die Tage, an denen es von morgens bis in die Nacht regnet. Die Pflanzenkübel und der Pool laufen über, die Wände saugen zu viel Feuchtigkeit auf. Mein Versuch, Gemüse aufzuziehen, ertrinkt geradezu. Der Himmel ist bewölkt und dunkel, noch geringer die Möglichkeit, mal das Haus zu verlassen und auf der Terrasse zu sitzen oder sich mit Gartenarbeit zu beschäftigen. Da bleibt nur, die Pflanzen im Wintergarten ebenso zu gießen, zu lesen oder ins Bett zu gehen und zu schlafen.

Und wieder ein Tag

Ingo Ließke teilt mit, dass die Künstler mit einer Verschiebung der Ausstellungen einverstanden sind. Alle Prospekte müssen neu gestaltet werden. Gestaltung macht mir Freude, und die nie enden wollenden 24 Stunden am Tag werden kürzer. Anruf von Barbara Hengst, der Leiterin des „Stadt- und Museumshaus“ in Waldheim. Wir wollen die Dalí-Ausstellung, auf die sich viele schon gefreut haben, im September nachholen. Die dann ursprünglich geplante Ausstellung wird um genau ein Jahr verschoben. Die zwei ersten Konzerte der Reihe „Waldheim KLINGT“ werden nach Rücksprache mit den Musikern ebenso um ein Jahr verschoben.

Stefan Leitner anschreiben, Mitglied des Ensembles der dortigen Philharmonie und für uns Organisator der Reihe. Barbara Hengst, Stefan Leitner, die Musiker, alle einverstanden. Den Pianisten David Meyer noch anrufen, hatte ich fast vergessen. Auch sein Konzert wird verschoben. Er erzählt mir, dass er mit der Vertonung des Liederzyklus‘, den er für die Wanderausstellung „Gegen das Vergessen“ aus vier lyrischen Texten von mir zum Thema komponiert, gut vorankommt.

Wenngleich viel zu tun ist, werden die Tage und Nächte immer länger. Manchmal gehe ich erst um vier Uhr morgens oder um acht ins Bett. In der Mediathek der ARD ist „Der Überläufer“ abrufbar. Sehr gute Verfilmung eines Romans von Siegfried Lenz. Alle vier Folgen in einem. Liselotte weckt mich dennoch gegen 10 Uhr. Den Tag stehe ich kaum durch. Zurück ins Bett. Die Katze erfreut das. Die Stiftungsarbeit bleibt heute liegen.

Motivation, die mir selbst fehlt

Sieglinde Fischer in Bayern kontaktieren. Sie muss sich mit dem Lektorat der Texte für den Ausstellungskatalog ranhalten. Meinen kann ich ihr schon übersenden, den von Reiner Hentschel (Bürgermeister Frauenstein) und Dr. Rudolf Lehle, der in Döbeln die Eröffnungsrede halten wird, auch. Steffen Blech hat seinen für dieses Wochenende angekündigt. Der Text aus dem Landratsamt wird folgen, Frau Dr. Anita Maaß lässt sich den Termin noch einmal bestätigen, Frau Fischer verspricht, die in diesen Tagen aufkommende Lethargie zu überwinden und sich an die Arbeit zu machen.

Journalisten anrufen. Nicht allein an mein Thema erinnern, auch Kontakt halten, danken für die Hilfen in den letzten Monaten und Jahren, ein bisschen auch, um zu sprechen, Chat und Telefon als Ersatz für Zwischenmenschlichkeit. Alle nehmen sich die Zeit. Die Fröhlichkeit von Bettina Böhme, die sich ab und zu meldet, baut mich auf. Wir besprechen, die Ausstellung anlässlich des Jubiläums des Sächsischen Mühlenvereins, dessen Vorsitzende sie ist, auch um ein Jahr zu verschieben. 

Ein langes Gespräch mit Anja Seidel, Leiterin des Büros des Bürgermeisters in Waldheim. Sie übernimmt nun auch Aufgaben von Kollegen, hält durch, trotz der Belastung und hat ein Ohr für meinen Wunsch, bestimmte Informationen im kommenden Amtsblatt zu veröffentlichen. Ich will nicht, dass Kunst und Kultur nachhaltig zum Opfer der Pandemie werden.

Nun noch allen am Malwettbewerb „Kater Arthur“ beteiligten Kindern ein Schreiben übersenden, die eingereichten Fotos formatieren, ins Netz stellen. Die Briefe sollen individuell und persönlich klingen, was nur möglich ist, wenn jedes Kind direkt auf seine Arbeit angesprochen wird. Die Briefe per Mail nach Hamburg senden, dort ausdrucken und verschicken lassen. Ekkehart Stark in Kriebstein anrufen, um ein Titelbild für das neue Buch bitten. Wie immer, Ekkhart hilft, und es dauert nur wenige Stunden, bis er gleich einige Proben via Internet übersendet. Wir telefonieren und sprechen über Änderungen.

Wieder Regen. Immerhin die meisten Veranstaltungen organisiert, alles bleibt in Bewegung. Pressemitteilungen schreiben. Nicht zu lang. Nicht zu langweilig. Etwas Aufbauendes. Niedliche Bilder von Kindern, die sich am Malwettbewerb für das neue Kinderbuch „Kater Arthur von Schloss Rochsburg“ beteiligen. Etwas Freude in den Nachrichten. Kinder. Unsere Zukunft. Ihre Art, die Welt zu sehen, sie zu beschreiben, zu malen. Ohne Grenzen. Innovativ. Kunst eben. Unsere gemeinsame Kultur.

Kontaktaufnahme mit den Bauunternehmern, die unser Stiftungsgebäude sanieren. Der Bau steht. Wir sprechen über neue Termine. Zeitpläne. Alles nur Planungen. Somit verschieben sich jedoch auch die Innenausstattung und die Anlieferung der Kunstobjekte für die Räume.

Die Fluggesellschaft schreibt automatisiert, auch die auf April verschobenen Flüge sind gestrichen. Alles in den Mai verschieben. Später wird wieder eine Stornierungsmitteilung eingehen. Ich buche ein weiteres Mal nun auf Anfang Juli um, mag aber noch keine Termine vereinbaren.

Und zuletzt

Das Ehepaar Kormeier aus Waldheim wollte mich besuchen. Hedda und Michael Guhr aus Hamburg. Mariam Alice Uhlenhop und ihr Partner wollten aus Bukarest kommen, um Fotos für mein Buch „Portraits“ zu schießen.

Ich wollte nach Kuba und einige Wochen mit Christian Perez Cardero und seiner Familie verbringen. Prof. Dr. Giovanna Ferraioli meldet sich aus Mailand. Unsere gegenseitigen Besuche müssen wir verschieben. Jörg Wolfgang Krönert, auch Stifter, und ich wollten nach Südafrika in sein Haus fliegen und während des Aufenthaltes einige Tage in Mosambik schnorcheln. Auch das fällt aus. Eigentlich lebe ich sehr zurückgezogen. Doch an all den unterschiedlichen ausfallenden Treffen erkenne ich, wie sehr ich doch auch in einem sozialen Umfeld lebe, das ich vermisse, wie ich auch den direkten Kontakt mit den Menschen misse, für die unsere Stiftung aktiv ist.

Immerhin tragen meine im Topf herangezogenen Stauden drei Tomaten aus. Ich schneide sie in vier Teile, nehme einen Rosmarinzweig aus einem anderen Topf, ziehe die Nadeln vom Zweig, schneide eine Knoblauchzehe in winzige Teile, nehme mir ein kleines Backblech, verteile die Tomatenstücke, bestreue sie mit den Rosmarinnadeln, Olivenöl, Knoblauch, streue Salz und Pfeffer drüber und lasse sie 2 Stunden bei 100 Grad im Ofen schmoren. Morgen werde ich die getrockneten Tomaten gut gewürzt zusammen mit in Stücken geschnittenen Riesengarnelen, mit frischem Olivenöl, vielleicht noch klein geschnittenen grünen Oliven anbraten, Spaghetti aufsetzen, alles in der Pfanne mixen. Liselotte schaut mir zu. Essen werde ich jedoch allein. „Bon profit“ sagt man in diesem Teil Spaniens.

Telefonat mit der „Blattlaus“, einem Blumenladen in Waldheim. „Machen Sie bitte Frau Seidel eine Freude.“ Eine weitere geht an eine liebe und sehr hilfsbereite Journalistin, eine an Frau Hillig in Freiberg. Schnell einen Chat mit Dr. Jana Pinka (Stadträtin in Freiberg), die so freundlich ist und für mich die Blumenübergabe dort übernimmt. In Krisen erkennt man den Charakter von Menschen, heißt es. Ich habe viel Glück mit den Menschen, mit denen ich zu tun habe. Danke.

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