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Ein Rücktritt mit vielen Fragezeichen

Landesbischof Carsten Rentzing tritt wegen Texten in einer rechtsradikalen Zeitschrift zurück. Nach seiner "Abbitte" ward er nicht mehr gesehen.

Seine Wahl zum Landesbischof ging für Carsten Rentzing 2015 denkbar knapp aus. Mit nur einer Stimme gewann er im sechsten Wahlgang. Nachdem frühere Texte in einer rechtsradikalen Zeitschrift aufgetaucht sind, hat Rentzing seinen Rücktritt erklärt.
Seine Wahl zum Landesbischof ging für Carsten Rentzing 2015 denkbar knapp aus. Mit nur einer Stimme gewann er im sechsten Wahlgang. Nachdem frühere Texte in einer rechtsradikalen Zeitschrift aufgetaucht sind, hat Rentzing seinen Rücktritt erklärt. © epd/Matthias Rietschel

Als am Freitagmorgen die Leitung der evangelischen Landeskirche Sachsens zur lange geplanten Sitzung in Dresden zusammenkommt, ist klar, dass es auch um die Vorwürfe gegen Landesbischof Carsten Rentzing gehen wird. Einen Rücktrittsgrund sah darin nach SZ-Informationen noch niemand. Aber Rentzings Mitgliedschaft in einer schlagenden Studentenverbindung, die durch eine SZ-Recherche bekannt geworden war, beschäftigt die Spitzenfunktionäre seit Wochen.

Hinweise auf weitere Kritikpunkte, auf nationalistische, teils undemokratische Thesen, die Rentzing als Student um 1990 in Aufsätzen für die rechtsradikale Zeitschrift „Fragmente“ verfasst hatte, soll es bereits Donnerstagabend gegeben haben. Die Texte sickerten aber erst am Freitag auch zur Kirchenleitung durch. In der Sitzung soll der Landesbischof offensiv vorgegangen sein, er leistete „Abbitte“, habe die Texte von damals „verdrängt“, es täte ihm leid, berichten Teilnehmer. Dann verließ Rentzing das Gremium, damit man sich ungestört über ihn austauschen könne. Seitdem ward er nicht mehr gesehen.

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Am Nachmittag wurde dann ein Zettel hereingereicht – die Rücktritts-Erklärung. „Um Schaden von meiner Kirche abzuwenden, habe ich mich entschieden, mein Amt zum nächstmöglichen Zeitpunkt zur Verfügung zu stellen.“ Der Weg in die Kirche habe ihn verändert, so Rentzing. „Positionen, die ich vor 30 Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr.“ Danach fuhr Bischof Rentzing in den lange geplanten Familienurlaub. Wohin, ist nicht bekannt.

Zur feierlichen Amtseinführung des neuen Präsidenten der Kirchenleitung nur Stunden später kam Rentzing nicht mehr. Am Sonntag mühte sich die Kirchenleitung um eine Stellungnahme. Und tat, was sie tun musste, angesichts ungeheuerlicher Zitate, die vom Noch-Bischof in der Welt waren: Sie distanzierte sich.

„Verstörend“ seien die Texte. Aber man habe „auch die Problematik gesehen, dass eine solche öffentlich gewordene Vergangenheit das Handeln als Landesbischof und Repräsentant der Landeskirche gegenüber der Öffentlichkeit nachhaltig beeinträchtigen würde.“

Wie es nach Rentzings Urlaubsende am 24. Oktober weitergeht, ist unklar. Am Montag trifft sich die Kirchenleitung, um die nächsten Schritte abzustecken, hieß es aus dem Landeskirchenamt. Inoffiziell ist zu hören, dass es bis zum nächsten Frühjahr dauern könnte, bis neue Bischofskandidaten gefunden und eine neue Synode zur Wahl zusammentreten könnte. Was Carsten Rentzing nun vorhat, ist nicht bekannt. Aber er könnte künftig auch wieder als Gemeindepastor arbeiten. Das aber müsste er nun selbst entscheiden, heißt es.

Zur Leipziger Internetzeitung hatte Renzing Anfang Oktober in einem Interview noch gesagt: „Mein ganzes Leben lang ist mir nationalistisches, antidemokratisches und extremistisches Denken immer fremd geblieben.“ Rentzing war 2015 mit nur einer Stimme Mehrheit ins Amt gelangt. Seine Positionen hatten regelmäßig Widerspruch unter Sachsens Protestanten ausgelöst, auch wenn er wie im Oktober 2015 in der Dresdner Frauenkirche Sätze sagte, wie: „Wir werden als Kirche nicht stumm danebenstehen, wenn geistige Brandstifter durchs Land ziehen.“

„Klassische Entartungsformen“

Inzwischen ist klar, so entschieden ablehnend wie Rentzing heute nationalistischen und undemokratischen Positionen gegenübersteht, so fremd war ihm dieses Denken als junger Mann nicht. Menschenrechte für alle lehnte er ab. Rentzing schreibt 1991: „Die neuzeitliche Frage nach den Menschenrechten ist unprotestantisch.“ Die demokratische Staatsverfassung lege „auf die Freisetzung großer Persönlichkeiten keinen großen Wert.“ Anstelle einsamer Entscheidungen großer Männer setze man vielfältige Beratungen und Mehrheitsentscheidungen, die die Nivellierung der Geister fördere. In Rentzings damaliger Sicht vermenge das demokratische System „die jeweils klassischen Entartungsformen“.

Im Umfeld finden sich einschlägig bekannte Namen. In der gleichen Zeitschrift wie Rentzing publizierte auch Karlheinz Weißmann, ein Vertreter der Neuen Rechten, der mit Götz Kubitschek das „Institut für Staatspolitik“ gegründet hat, eine Kaderschmiede für rechtsextreme Identitäre und den völkisch-nationalen Flügel um den Thüringen AfD-Chef Björn Höcke.

Ein anderer Autor ist Walter Becher, dessen Texte im Dritten Reich in der sudetenländischen NS-Zeitung „Die Zeit“ erschienen, in denen einem Medienbericht von 1964 zufolge stand: „Wenn Theater, Presse, Schulen und vor allem jene Berufszweige, die wie etwa der Kunsthandel von vornherein halb wirtschaftlichen und halb künstlerischen Charakter haben, zum Großteil in der Hand fremdrassiger Menschen lagen, so wird man verstehen, daß die allgemeine Entjudung auch die erste Voraussetzung für den Neuaufbau des sudetendeutschen Kulturlebens ist.“

In der Zeitschrift „Fragmente“ erschienen Anzeigen von Burschenschaften ebenso wie jene einer „Gemeinschaft Deutscher Osten“, die die Legitimation von Bundesrepublik und DDR bestritt und einen vierten „Nachfolgestaat“ des Reiches gegründet haben wollte.

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