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Ein Saal wird weggebaggert

Das Tanzlokal neben dem Alten Gasthof in Sörnewitz wird gerade abgerissen. Dort werden zwei neue Häuser gebaut.

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© Norbert Millauer

Von Philipp Siebert

Mauerbrocken donnern zu Boden. Dicke Wände aus roten Ziegeln kippen um. Schuttberge türmen sich auf. Mit dem Greifarm macht sich der Bagger Platz, drückt die Steine mit Leichtigkeit zur Seite. Die Ketten der Maschine quietschen, schieben sich Stück für Stück in die Mitte des Festsaals neben dem Alten Gasthof in Sörnewitz. Das marode Tanzlokal wird gerade abgerissen. Es macht Platz für zwei neue Wohnhäuser.

© Norbert Millauer

Lange Zeit konnte davon nur geträumt und darüber spekuliert werden. Nun jedoch nimmt das Mammutprojekt um den historischen Gasthof konkrete Formen an. Ein Investor aus Niederau hat das Gebäudeensemble gekauft. Er lässt den verfallenen Saal abreißen. Zu instabil sind die Mauern. Zwei Brände in den 1990er-Jahren haben den um das Jahr 1900 gebauten Saal zerstört. Alles ging dabei kaputt: Dach, Fenster, Türen. Seitdem steht das Haus leer. In den letzten 15 Jahren waren die Mauern Wind und Wetter ausgesetzt.

Zu retten war der Saal nicht mehr. Doch nicht alles fällt der Baggerschaufel zum Opfer. Einige Stuckelemente – darunter kleine Engel – hat der Bauherr gerettet. Einst schauten sie von den Säulen am Rand des Saals auf die Tanzlustigen herab. Jetzt wurden die Stücke abmontiert und eingelagert. Sie sollen in Coswig ausgestellt werden. Ob die Überbleibsel im Rathaus oder einer anderen öffentlichen Einrichtung der Stadt gezeigt werden, wird noch entschieden.

Auf der einstigen Tanzfläche türmen sich jetzt Steine und teils morsche, teils verkohlte Holzbalken. Erst in der nächsten Woche soll die Fläche beräumt werden. Lastwagen transportieren die Schuttmassen nach und nach ab. Danach wird gebaut. Der Investor will fast das gesamte Grundstück neu gestalten.

Lediglich das historische Eckgebäude bleibt erhalten. Acht Wohnungen werden darin eingerichtet. Der Innenausbau läuft bereits seit Monaten. Das Haus ist ebenso marode wie der Festsaal. Abgerissen werden muss es aber nicht. Dafür wird aufwendig saniert. Wände, Böden, Decken, Toiletten – alles wird für neue Mieter wieder hergerichtet.

Neben und hinter dem aus dem Jahr 1856 stammenden Eckhaus wird neu gebaut. Direkt an der Elbgaustraße ist ein Doppelhaus geplant. Zwei Familien haben darin auf drei Etagen Platz. Und dort, wo bis gestern noch der Saal stand, soll ein Reihenhaus entstehen – mit vier weiteren Wohnungen. Optisch wird das Haus ähnlich wie der alte Saal gestaltet: mit Walmdach, kleinen Fenstern und großen Türen an den Seiten. Die gab es auch früher schon.

In den in Richtung Dresdner Straße zeigenden Giebel wird zudem ein bogenförmiges Holzfenster eingesetzt – wie schon vor über 100 Jahren. Die neue Wohnanlage soll sich in den Ort einpassen. Der Besitzer will einen offenen Dreiseitenhof bauen – ähnlich wie die Gehöfte links und rechts der alten Schenke.

Problemlos ist der Umbau jedoch nicht. Seit Oktober 2012 sitzt der Gasthofretter aus Niederau über den Umbauplänen. Mehrmals wurden die Pläne umgeworfen, weil sich das sächsische Baugesetz änderte. Eine stärkere Isolierung muss jetzt beispielsweise an der Fassade abgebracht werden. Auch bei der Statik wurde nachgebessert. Und die Aberkennung des Denkmalschutzes musste für den Umbau beantragt werden. Das kostete Zeit und Geld.

Alle Baugenehmigungen hat der Bauherr noch nicht zusammen. Der Umbau des Eckhauses ist zwar von den Behörden freigeben. Auch der Abriss des Saals wurde genehmigt. Für den Weiterbau auf dem Grundstück fehlen jedoch noch die Bescheide. Sind alle Anträge bewilligt, rechnet der Besitzer mit etwa neun Monaten Bauzeit. Gibt es keine weiteren Probleme, stehen die neuen Häuser am Jahresende.

Ob es neun Monate oder noch länger dauert, bis der Gasthof wieder hergerichtet ist, ist dem Sprecher des ehemaligen Gasthofvereins Thomas Protzmann egal. Er und seine Mitstreiter versuchten seit 2006, das Haus zu retten. Jedoch vergeblich. Dem Verein fehlte das Geld für die dringend nötige Sanierung. Deshalb löste er sich im Frühjahr letzten Jahres auf. Und verkaufte das Haus.

Jetzt geht für die engagierten Sörnewitzer der Traum doch noch in Erfüllung. „Wir sind begeistert vom Konzept des neuen Besitzers“, sagt Protzmann. Die Pläne kennt er schon seit gut zwei Jahren – und sie haben die Vereinsmitglieder überzeugt, an den Mann aus Niederau zu verkaufen. „Es gab auch andere Interessenten, die uns mehr Geld geboten hatten“, sagt Protzmann. „Aber das hat uns nicht so gut gefallen.“ Dass es jetzt endlich richtig am Alten Gasthof losgeht, freut Thomas Protzmann umso mehr. „Das wird mal ein richtiges Schmuckstück, wenn es fertig ist.“