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Ein Schock für Kreuzer

Der Außenverteidiger bleibt bei Dynamos Sieg gegen Mainz außen vor, weil der Neue spielt. Das soll sich wieder ändern.

© Robert Michael

Von Sven Geisler und Daniel Klein

Er habe sich über jedes Tor gefreut, als hätte er selbst auf dem Platz gestanden, sagt Niklas Kreuzer. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass er das genauso meint. Und doch ist er ein Verlierer beim 3:0-Sieg der Dresdner Dynamos gegen die Mainzer Bubis. Zugespitzt formuliert dürfte er sich als Sündenbock fühlen für die Niederlage eine Woche zuvor, jedenfalls könnte man die Aussage des Trainers so interpretieren. Die Entscheidung, den erst in der vorigen Woche verpflichteten Fabian Holthaus aufzustellen, während Kreuzer auf die Ersatzbank muss, sei „teilweise aus dem Erfurt-Spiel heraus“ entstanden, sagt Uwe Neuhaus in der Pressekonferenz.

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DSC vs. USC Münster | 24. Oktober 2020
DSC vs. USC Münster | 24. Oktober 2020

Am 24. Oktober 2020 bestreiten die DSC Volleyball Damen ihr erstes Heimspiel in der Bundesliga Saison 2020/21 und treffen auf den USC Münster.

Zu Kreuzer sagt er nichts, muss er auch nicht. „Na klar war ich überrascht“, meint der 22-Jährige. Schließlich hatte er gerade mal wieder das Gefühl, sich festgespielt zu haben auf der rechten Abwehrseite. Vier Spiele in Folge stand er in der Anfangself. „Natürlich ist man nicht froh darüber, dann wieder zuschauen zu müssen.“ Ja, ein Schock sei das gewesen. Er weiß jedoch auch, dass wehklagen oder gar beklagen in einer solchen Situation nicht hilft, sondern nur das, was wie eine Floskel klingt. „Ich glaube weiter an mich und versuche, im Training Gas zu geben, sodass der Trainer nicht drumrum kommt, mich aufzustellen“, erklärt Kreuzer.

Er kennt das schon. Als er im Sommer 2014 aus Erfurt nach Dresden kam, galt er bestenfalls als talentierter Ergänzungsspieler. Doch nach sieben Spieltagen hatte er sich durchgesetzt, am Ende der Saison verlängerte Dynamo seinen Vertrag für zwei Jahre bis Juni 2017. Er habe „immer mit viel Einsatzfreude gespielt und Kampfgeist gezeigt“, erklärte Sportvorstand Ralf Minge. Seine Erwartung: „Wenn er diesen Weg beibehält, sind wir überzeugt, dass er sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft hat.“

Mit dem neuen Trainer beginnt der Kampf um die Stammplätze im Sommer von vorn, und Kreuzer bleibt zunächst der Ersatzmann, bekommt aber regelmäßig Einsatzchancen. Als nun mit Nils Teixeira und Niklas Landgraf zwei Außenverteidiger ausfallen, reagiert der Verein und leiht Holthaus von Fortuna Düsseldorf aus. Der 21-Jährige ist Linksverteidiger – und doch verdrängt er Kreuzer, weil Fabian Müller auf die rechte Seite rutscht.

Das verwundert tatsächlich ein wenig, auch wenn es eigentlich zu erwarten gewesen ist. Denn Müller, vor der Saison aus Aue gekommen, spielt bis auf zwei Ausnahmen immer, auch wenn er oft unauffällig bleibt. Auch gegen Mainz steht der 29-Jährige exemplarisch für das „Sicherheitsdenken“, das Neuhaus bei seiner Mannschaft moniert. Bis er sich nach einer Stunde doch einmal entschlossen nach vorn traut und Andreas Lambertz seine Flanke per Kopf zum 3:0 verwertet.

Spätestens jetzt hat Neuhaus die besten Argumente, aber er begründet seinen personellen Wechsel vor allem mit Holthaus. „Wir haben ihn als Verstärkung geholt und nicht nur verpflichtet, um den Kader zu komplettieren“, sagt der 56-Jährige. Man habe zwar gesehen, dass er noch etwas Spielpraxis brauche. „Aber er hat viele gute Bälle gespielt, sich immer wieder eingeschaltet.“ Seine erste Torvorlage bleibt Holthaus verwehrt, weil Marvin Stefaniak nach seinem Rückpass von der Grundlinie den Ball aus elf Metern nicht an FSV-Schlussmann Jannik Huth vorbeibringt.

Trotzdem hat Holthaus sein Einstand in Schwarz-Gelb einen „Riesenspaß gemacht“. Vor dem Anpfiff sei er leicht angespannt gewesen. „Nervös würde ich nicht sagen.“ Auch wenn er – anders als wahrscheinlich Kreuzer – mit seinem Einsatz nicht gerechnet hatte. „Überglücklich“ ist er deshalb, dass ihm der Trainer sofort das Vertrauen geschenkt hat, und das – betont Neuhaus – habe er auch gerechtfertigt. „Fürs erste Spiel bin ich absolut zufrieden mit ihm“, sagt der Chefcoach.

Der neue Mann hat, anders als es bei Winterzugängen oft der Fall ist, keine Anlaufzeit gebraucht. Holthaus führt das auch darauf zurück, dass „die Mannschaft extrem intakt“ sei. Das gelte sowohl auf dem Platz als auch im Alltag. „Die Jungs zeigen mir zum Beispiel, wo man hier entspannt essen gehen kann“, berichtet der Westfale, der in Dresden schnell heimisch geworden ist. „Ich habe eine kleine, möblierte Wohnung gefunden. Ich denke, das reicht vorerst für mich, ich bin ja alleine hier.“

Wie lange er bleibt, ist offen, vermutlich nur bis Saisonende, denn die gewünschte Kaufoption hat Dynamo für ihn von der Fortuna nicht bekommen. In Düsseldorf setzen sie darauf, dass er von seinem Gastspiel beim potenziellen Aufsteiger auf Zweitliga-Niveau zurückkommt. Einer wird ihm dabei Konkurrenz machen. „Ich muss das jetzt erst mal verarbeiten“, sagt Kreuzer, „werde aber wieder voll angreifen, jeden Tag dranbleiben.“ Mit dieser Beharrlichkeit hat er es schließlich bisher immer wieder in die Startelf geschafft.