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Großenhain

Ein "Schorni" für die Mutmacher

Die SZ sucht Menschen aus Großenhain und Umgebung, die in diesen Tagen Besonderes tun.

Vergangene Woche schickte "Glücksbringerin" Kerstin Boden Jakobsweg-Pilger Micha Brendel in Kamenz auf den Weg. Im Gepäck hatte der Görlitzer eine besondere Fracht für die Großenhainer.
Vergangene Woche schickte "Glücksbringerin" Kerstin Boden Jakobsweg-Pilger Micha Brendel in Kamenz auf den Weg. Im Gepäck hatte der Görlitzer eine besondere Fracht für die Großenhainer. © Foto: privat

Micha Brendel ist am Sonnabend zu Fuß nach Großenhain gekommen. Er ist auf Pilgertour entlang des Jakobsweges. Noch weiß er nicht, wie weit er laufen wird. Sein eigentliches Ziel ist Eisenach. Die Füße schmerzen, und die Corona-Krise wirft Fragen auf. 

Am Donnerstag hat sich Micha in Kamenz aus der Pilgerherberge von Kerstin Boden auf den Weg gemacht. Die 56-Jährige ist 2018 von ihrer Heimatstadt nach Santiago de Compostela in Spanien gepilgert. 1.320 Kilometer in knapp 140 Tagen! Bevor sie aufbrach, überlegte sie lange, mit welcher Besonderheit sie die Tage "versüßen" könnte. Denn: Sie wollte das Glück unbedingt mit anderen teilen. 

Bestens versorgt in der Altmarkt-Galerie Dresden

Zur Sicherstellung der öffentlichen Nahversorgung sind viele Shops für Sie weiterhin erreichbar und geöffnet.

"In meinem Rucksack warteten 150 kleine Schornsteinfeger - symbolisch als Glücksboten - auf ihren Einsatz. An jedem Tag sollte dieses winzige Geschenk einer netten Wegbekanntschaft ein Lächeln ins Gesicht zaubern", erzählt Kerstin Boden. "Wie konnte ich ahnen, was diese Geste für Emotionen auslösen würde."

Einer der Ersten, die von der Pilgerin einen "Schorni" erhielt, war damals Steffen Klunker. Der Großenhainer, den alle als "Suppenmuppe" kennen. Er versorgte die Pilgerin seinerzeit mit einer Schale Kesselgulasch. Und "Muppe" wird, so es möglich ist, auch in den nächsten schwierigen Wochen seinen Mann stehen.

Es gibt so viele Menschen, die in diesen Tagen an ihrem Platz, in ihrer kontaktarmen Zeit wahrhaft Kreatives vollbringen. Da ist die junge Frau, die sich dem Nähen von Mundschutz zuwendet, um Kliniken und anderen das Arbeiten zu ermöglichen. Da ist der Gaststättenbetreiber, der seine Stammkundschaft über Bringeservice mit leckerem Mittagessen versorgt. 

Da sind die unzähligen Verkäuferinnen und Verkäufer in den Supermärkten, die unter schwierigsten Bedingungen die Versorgung mit lebenswichtigen Dingen absichern. Nicht vergessen werden dürfen die Eltern, die einen Mehrfachjob zu erledigen haben: Mutti oder Vati, Lehrer-Ersatz - oft gleichlautend mit ihrer Arbeit an der Kasse des Einkaufsmarktes oder im Vierschichtbetrieb eines Dienstleistungsunternehmens. 

Da sind die Beschäftigten in medizinischen Einrichtungen, die zum Teil beinahe Übermenschliches leisten, um ihre Patienten oder Klienten zu betreuen. Nicht zu vergessen jene Menschen, die in Zeiten des Coronavirus Nachbarschaftshilfe auf ganz besondere Art neu beleben, indem sie Einkäufe, dringend notwendige Erledigungen, Apothekenbesuche übernehmen.

Sie alle und noch viele mehr sind in diesen Tagen die Mutmacher und ebenso Glücksbringer für hilfebedürftige Menschen. Trotz erschwerter Bedingungen auch für die SZ-Reporter, wollen wir diese Menschen aufspüren und in ihrer aufopferungsvollen Arbeit begleiten, gern auch selbst mit Hand anlegen. Schon jetzt wissen wir: Jeder Einzelne von ihnen hätte einen "Schorni" verdient.

Stellvertretend wollen wir die winzig kleinen Glücksbringer in den nächsten Tagen verleihen. Denn: Micha Brendel hatte bei seinem Stop in Großenhain 30 davon im Rucksack. Kerstin Boden hat sie ihm mitgegeben. Ihr Wunsch: Den "Schorni" sollen Menschen aus Großenhain und Umgebung erhalten "aus purem Glück und tiefempfundener Dankbarkeit". Sie selbst hat dies erlebt und praktiziert auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela  - und ihre Erlebnisse übrigens auch in einem kleinen Büchlein festgehalten. 

Wenn Sie also Menschen oder Einrichtungen oder Aktivitäten kennen, die in diesen Tagen "reif" für einen "Schorni" sind, lassen Sie es uns wissen: [email protected] oder Telefon 03522 3695315.

Der "Schorni": winzig klein, aber ein Glücksbringer.
Der "Schorni": winzig klein, aber ein Glücksbringer. © Thomas Riemer

Micha Brendel musste übrigens am Sonntag aufgeben. Zeithain war seine letzte Station nach einer Nacht in Skassa. Jetzt aber sind die Pilgerherbergen geschlossen. Er ist zurück nach Görlitz gefahren. "Ich warte jetzt erstmal die zwei Wochen ab und entscheide dann, wie es weitergeht", übermittelte er der SZ. 

Pfarrer Dietmar Pohl aus Großenhain bestätigte am Montag: "Für Großenhain und Skassa gilt, dass in unseren Herbergen bis mindestens Ostern keine Übernachtungen möglich sind. Wir möchten unsere ehrenamtlichen Helfer nicht gefährden und die generell einzuschränkenden Kontakte nicht ,unterlaufen'". Das habe auch der Vorstand des ökumenischen Pilgerwegs via regia so entschieden. Pilger müssen ihr Vorhaben verschieben."

Lesetipp: "3.000 Kilometer im PILGERGLÜCK: Mein Tagebuch" - Von Kerstin Boden