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Ein schwacher Euro ist schädlich

Der Ökonom Thomas Mayer über die Anleihekäufe der EZB und warum die Deutschen vor dem gleichen Problem stehen wie die Schweizer.

© dpa

Dr. Mayer, ist der Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB wirklich notwendig?

Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Thomas Mayer ist Gründungsdirektor vom Forschungsinstitut des Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch. Zuvor war er Chefökonom der Deutschen Bank

Mario Draghi und der EZB-Rat haben die Erwartungen auf diese quantitative Lockerung der Geldpolitik angeheizt. Die Märkte haben sich darauf eingestellt. Wenn das Programm jetzt nicht kommt, würde es eine Rückwärtsbewegung geben. Es ist zum großen Teil schon eingepreist.

Wie würde diese Rückwärtsbewegung aussehen, und wie würde sie die Privatanleger treffen?

Sollte die EZB überraschen, indem sie nichts macht, würde der Euro stärker werden gegenüber anderen Währungen, und die Zinsen in den Peripherieländern würden steigen. In Deutschland würden die Zinsen für Bundesanleihen weiter fallen, weil die Investoren befürchten, dass die Probleme im Euroraum wieder größer würden und fliehen in den sicheren Hafen der Bundesanleihen.

Noch mal nachgefragt, ist das Programm notwendig, um Europa aus der Konjunkturkrise zu holen?

Nein. Angelsächsische Ökonomen behaupten zwar, dass diese quantitative Lockerung notwendig ist, weil sie positive Effekte auf die Realwirtschaft hat. Ich bin da skeptisch. Denn die Transmissionskanäle, also wie diese geldpolitischen Maßnahmen wirken, sind in der Eurozone anders als in den USA. Wir haben einen kleineren Kapitalmarkt und einen größeren Bankensektor, der die Realwirtschaft finanziert. Er reagiert nicht gleichermaßen auf die quantitative Lockerung. Deshalb wird der massenweise Anleiheaufkauf in der Eurozone nichts bringen. Außerdem sind die Nebenwirkungen sehr verzerrend.

Inwiefern?

Solche Programme drücken die Zinsen weiter nach unten und die Preise für Vermögenswerte in schwindelnde Höhen. Das ist langfristig nicht haltbar und muss möglicherweise in der Zukunft sehr schmerzhaft korrigiert werden.

Können Sie das genauer erklären?

Die Zinsen für Unternehmensanleihen sind nahezu null, für fünfjährige Anleihen in Deutschland sind sie negativ. Das ist nicht gesund, aber die Wirtschaft wird sich darauf einstellen. Wenn die Zinsen dann wieder einmal steigen, kommen Investoren, die sich auf diese Zinsen verlassen haben, in Schwierigkeiten. Eine neue Finanzkrise bricht aus.

Und was ist mit den Immobilienpreisen und den Aktienkursen?

Die Immobilienpreise werden in Ballungszentren weiter steigen. Die Menschen nehmen Hypothekenkredite zu niedrigen Zinsen auf, die sie nicht mehr bezahlen können, wenn die Zinsen steigen. Auch auf dem Aktienmarkt werden sich bei dieser Politik weitere Preissteigerungen ergeben. Natürlich sind die Finanzmärkte von dieser Politik begeistert. Für den Durchschnittsbürger halte ich sie aber für gefährlich.

Wo sehen Sie die größte Wirkung des geplanten Anleiheprogramms?

Auf den Wechselkurs des Euro. Er könnte je nach Ausgestaltung des Programms weiter fallen. Der niedrigere Wechselkurs begünstigt vor allem die weniger wettbewerbsfähigen Unternehmen im Süden der Eurozone. Für Deutschland ist er nicht nötig, sogar schädlich.

Warum?

Er ist nicht nötig, weil die deutschen Unternehmen ohnehin schon Rekorde im Export erzielen. Und schädlich, weil der deutsche Konsument mehr für Importgüter zahlen muss.

Wie glaubwürdig und unabhängig ist die EZB?

Seit Beginn der Eurokrise 2010, als die Griechen vor dem Bankrott standen, ist der EZB-Rat stark politisiert worden. Damit agiert er nicht mehr so politisch unabhängig wie er es eigentlich sollte. Jetzt spielen nationale Interessen im EZB-Rat eine große Rolle. Die Politisierung der EZB hat dazu geführt, dass sich Koalitionen verschiedener Länder bilden. Die deutschen Vertreter sind vehement gegen die quantitative Lockerung, die italienischen vehement dafür. Die südlichen Länder gruppieren sich um EZB-Präsident-Draghi, die kleineren Länder im Norden sind eher auf der Seite von Bundesbankchef Weidmann. Österreich steht vermutlich dazwischen.

Diese Woche wird als Schicksalswoche für den Euro bezeichnet wegen der EZB-Entscheidung und der Wahl in Griechenland. Stimmt das?

Diese Ereignisse sind Meilensteine auf dem Weg in eine andere europäische Währungsunion. Die EWU wurde als Hartwährungsunion mit einer unpolitischen Zentralbank konzipiert. Ein harter Euro sollte die Länder dazu zwingen, ihre Haushalte und Kosten unter Kontrolle zu halten. Jetzt gehen wir Schritt für Schritt in eine andere Währungsunion, in der dieser Druck zur Anpassung aufgeweicht wird. Die EZB wird zu einer politischen Zentralbank, die politische Wünsche der Länder berücksichtigt, damit niemand die EWU verlassen muss. Dadurch wird der Euro weicher werden.

Die Deutschen sind geprägt von einer harten D-Mark und einer unabhängigen Bundesbank. Müssen sie sich dauerhaft auf einen weichen Euro einstellen?

Ja. Es sei denn, sie gehen raus.

So einfach ist das?

Natürlich nicht. Aber wir sind mit dem gleichen Problem konfrontiert wie die Schweizer, nur dass bei uns die Entfesselung viel schwerer möglich ist.

Was heißt das?

Die Schweizer waren ein Schattenmitglied des Euro, weil sie den Schweizer Franken gegenüber dem Euro nach oben hin stabilisiert haben. Die Schweizer haben ähnliche Präferenzen wie die Deutschen: für eine harte Währung und solide Finanzen. Sie haben gesehen, dass sie mit der Anbindung an den Euro diese Ziele nicht mehr erreichen können und haben sich entschlossen, rauszugehen.

Für uns stellt sich die Frage, ob wir unsere Ziele abändern, also sich die Gesellschaft darauf einstellt mit einer politischen Währung zu leben, die über die Zeit weich wird. Oder ob wir an unseren Zielen festhalten. Das ginge aber nur um den Preis des Austritts.

Was präferieren Sie?

Darauf kommt es nicht an. Wichtiger ist, was die Mehrheit der Deutschen will.

Das Gespräch führte Nora Miethke.

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