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Ein sicherer Job

Ihr Weg zum Traumberuf führt 15 Jugendliche ausgerechnet ins Gefängnis nach Bautzen.

© Uwe Soeder

Von Franziska Springer

Bautzen. Wenn Marie-Louise Harnisch von ihrem Berufsalltag erzählt, kann einem zartbesaiteten Gemüt schon ein kalter Schauer über den Rücken laufen: „Hier gibt es alle möglichen Krankheiten“, erzählt die 24-Jährige. „Tuberkulose zum Beispiel oder Aids. Hin und wieder kommt es auch vor, dass man angespuckt wird. Damit muss man hier täglich rechnen.“

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„Hier“ – das ist die Justizvollzugsanstalt in Bautzen, in der Petra Förster, Hauptsekretärin im Vollzugsdienst, interessierte Jugendliche über die Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten informiert. Seit 22 Jahren verbringt die ehemalige Kindergärtnerin ihren Arbeitstag hinter Gittern und weiß, zwei Dinge sind in beiden Berufen gleichermaßen wichtig: „Voreingenommenheit gegenüber anderen Menschen sollte man vermeiden. Dafür ist ein selbstbewusstes Auftreten umso wichtiger.“ Denn die Arbeit eines Vollzugsbeamten geht weit über das bloße Auf- und Abschließen von Zellentüren hinaus: „Natürlich ist es unsere Aufgabe, die Bevölkerung vor den Gefangenen zu beschützen. Aber genauso ist es auch an uns, die Menschen, die hier einsitzen, auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten“, stellt sie klar. Den Inhaftierten einen geregelten Tagesablauf zu ermöglichen, dabei aber selbst nie zu routiniert zu werden, ist das vordringlichste Ziel der Beamten, das betont Förster immer wieder. Etwa 15 jugendliche Teilnehmer hören ihr interessiert dabei zu. Begleitet werden sie von Eltern und Lehrern. Überraschend viele junge Frauen sind unter den Besuchern. Gehören die wirklich in ein Männergefängnis?

Frauen sind sensibler

„Unbedingt“, sagt Justizvollzugsbedienstete Harnisch. Von 2014 bis 2016 hat sie in der Bautzener JVA ihre zweijährige Ausbildung absolviert. Für sie steht fest – sie will hierbleiben, trotz der vielen, ausschließlich männlichen Gefangenen. „Frauen sind sensibler im Umgang mit Problemen“, ist sie sich sicher. „Wenn etwa ein Gefangener eine Trennung von seiner Frau erlebt, wenden die sich lieber an uns als an die männlichen Kollegen“, erzählt sie und fügt hinzu: „Die Gefangenen hier haben schon auch Respekt vor Frauen.“

Ein Drittel der 222 Beschäftigten in der JVA Bautzen sind Frauen – und das aus gutem Grund, sagt Petra Förster: „In den Anstalten soll ein annähernd ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern bestehen. Der Vollzug soll sich so nah wie möglich an den Verhältnissen außerhalb der Anstalt orientieren.“ Das ist schwierig genug, sind Schlüsselklappern und vergitterte Fenster doch allgegenwärtig. Marie-Louise Harnisch hat sich daran gewöhnt: „Wenn ich hier rausgehe, nehme ich das nicht mit“, sagt sie. „Da ärgere ich mich eher über den Stadtverkehr als über die Arbeit.“ Ursprünglich habe sie in den Polizeidienst gehen wollen, erzählt sie. Aber dafür sei sie zu klein. Der Justizvollzug sei da weniger streng. Heute arbeitet sie in ihrem Traumjob und schwärmt von dessen Vorzügen: „Die Aufgaben sind breitgefächert, man kann seine Schichten flexibel einteilen und das Geld kommt pünktlich.“ Und wenn doch mal etwas Schlimmes passiert?

Respekt vor der Aufgabe

„Dann haben wir psychologische Hilfe. Und auch die Kollegen sprechen viel miteinander“, erklärt sie. In den Zellentrakt dürfen die Jugendlichen, die vielleicht bald eine der sachsenweit 60 Ausbildungsstellen pro Jahr ergattern, nicht hineinschnuppern: „Das ist zu gefährlich“, sagt Fischer. „Wir haben hier schließlich Gefangene.“ Deren Grölen kann man auch beim Rundgang über den Hof hören. Die 15-jährige Jennifer Friedel ist sich nach der Tour unschlüssig: „Meine Mutter arbeitet beim Zoll“, erzählt sie und sieht die Ausbildung in der JVA durchaus als Option, aber: „Vor der Aufgabe habe ich schon Respekt.“

Bewusstsein für diesen Ausbildungsberuf zu wecken, ist Petra Förster schon Anlass genug, mehrmals im Jahr durch ihren Arbeitsplatz zu führen. Dieser hatte bislang nicht die stärkste Lobby: „Im Gegensatz zur Polizei sind wir viel zu lange hinter unseren Mauern geblieben. Dabei haben wir einen mindestens ebenso anspruchsvollen und sicheren Job zu bieten.“