SZ +
Merken

Ein spanischer Kobold als Pate

Geising. Sagenhaftes aus dem Erzgebirge und Ideen aus aller Welt inspirieren auf der Kohlhaukuppe das Programm „Sagen und Magie“.

Teilen
Folgen

Von Karin Grießbach

Mit einer brennenden Brieftasche täuscht er die Räuber und ein Keuschheitsgürtel hält sogar Casanova auf Distanz. Immer wieder zieht Zauberer Borondon Gäste in seinen Bann. Sagen und Magie heißt das Programm, für dass rund 40 Besucher bei jedem Wetter, immer freitags, die rund zwei Kilometer vom Hüttenteich in Geising zur 786 Meter hoch gelegenen Kohlhaukuppe hinauf steigen. Während Gastwirt Wolfgang Schindler als Märchenonkel unter anderem spannende Geschichten über Casanova oder den Erzgebirgswanderweg erzählt, tauscht Schwiegersohn Frank Oelschlägel die Kellnerschürze mit dem Zauberstab und untermalt die Schilderungen mit kleinen Kunststückchen.

Der Schlüssel zur Keuschheit

Ein Raunen geht durch den Raum, wenn der Magier seinem freiwilligen Opfer aus dem Publikum ein Schwert durch den Hals bohrt. Im nächsten Moment herrscht allgemeine Heiterkeit und auch ein wenig Schadenfreude. Ein Mann bekommt zum Keuschheitsgürtel, in den seine Frau leichtsinnigerweise gestiegen ist, einen ganzen Sack voll Schlüssel. Nachdem der Unglücksrabe unter dem Gelächter der anderen Zuschauer mit Schweißperlen auf der Stirn umsonst versuchte, den richtigen Schlossöffner zu finden, erlöst Zauberer Borondon die Angetraute nach einiger Zeit für einen kleinen Obolus von dem unbequemen Kleidungsstück.

Ein Urlaubssouvenir stand Pate für seinen Künstlernamen. Wolfgang Schindler brachte dem Schwiegersohn vor einigen Jahren einen kleinen Kobold von der kanarischen Insel La Palma mit, der Borondon hieß. Weil die witzige Figur allen gut gefiel und die Geschichte von der gleichnamigen spanischen Insel, die in den vergangenen Jahrhunderten auf geheimnisvolle Weise mehrmals aufgetaucht und wieder verschwunden sein soll, etwas Mystisches hat, nannte sich der Zauberer Frank Oelschlägel fortan „Borondon“.

Bei ihm war es nicht der berühmte Zauberkasten, den wohl fast jedes Kind irgendwann einmal geschenkt bekommt, sondern ein Buch, dass ihn im zarten Alter von sieben Jahren in den Bann von Magie und Zauberei zog. Fortan übte der Junge fleißig Kunststücke und führte sie in der Familie vor. Nicht nur viel Zeit investierte der Geisinger seitdem in sein Hobby. Auf Messen und über spezielle Versandhäuser kaufte er unzählige Tricks. „Dabei bestimmt weniger das notwendige Zubehör den Preis, sondern das geheime Know-how, das heißt die genaue Anleitung, wie der Trick funktioniert. Ich musste die Sprache der Kataloge erst lernen, richtig zu lesen und so liegen inzwischen auch Kunststücke für einige Tausend Euro in meinem Schrank, die ich eigentlich nicht gebrauchen kann“, bekennt der Geisinger freimütig. Wenn es die Zeit erlaubt, fährt der gelernte Schlosser zu verschiedenen Kongressen, wo sich Magier aus aller Welt treffen und ihre Erfahrungen austauschen. Noch heute schwärmt er von den Weltmeisterschaften der Magier, die 1997 in Dresden stattfanden und wo er sogar Siegfried Fischbacher, vom berühmten Duo Siegfried & Roy aus Las Vegas live erleben konnte.

Der Zinnwalder Alexander Lohse erzählte Wolfgang Schindler und Oelschlägel von einem inzwischen in Vergessenheit geratenen Erzgebirgswanderweg, der früher ebenso bekannt war, wie der Rennsteig in Thüringen und rund 290 Kilometer auf dem Erzgebirgskamm entlang führte. Nachdem sie sich eine alte Karte besorgt hatten, wanderten sie die Strecke ab und sammelten Geschichten und Begebenheiten zu verschiedenen Stationen. Nachdem Märchenerzähler Schindler einige Sagen ausgewählt hatte, zogen sich die beiden Männer in ein stilles Kämmerlein zurück und versuchten passende Zaubertricks für die entsprechenden Geschichten zu finden. So inspirierte die Angst vor Räubern auf den langen Wanderungen durch einsame Gegenden den Zauberer zu einem Kunststück, bei dem Flammen aus einer Brieftasche schlagen, wenn diese geöffnet wird. Mehr über das gegenwärtig laufende Programm soll allerdings hier nicht verraten werden. Nur so viel, dass die Zuschauer viele spannende Geschichten und tolle Tricks erwarten. Nach wochenlangen Proben im stillen Kämmerlein findet die Generalprobe vor versammelter Familie statt. Erst wenn die Verwandten begeistert applaudieren, ist das Programm reif für das große Publikum in der Kohlhaukuppe.

Wo könnte ein Zauberer seiner Angebeteten hier im Kreis wohl passender das Jawort geben, als auf Schloss Kuckuckstein, das zu DDR-Zeiten durch eine im Fernsehen ausgestrahlte Zaubershow bekannt war. Die Hochzeitszeremonie war dann aber sehr feierlich und ganz ohne Zauberei, versichert der junge Familienvater. Der Nachwuchs steht auch schon in den Startlöchern. Bei der Weihnachtsfeier im Kindergarten zauberte Söhnchen León (5) ein Tuch mit Häschen aus einem vorher leeren Beutel hervor.