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Ein Stadtbüttel als Braumeister

Zum zehnten Mal gibt es den politisch-kabarettistischen Frühschoppen in Kamenz. Ohne Steffen Lorenz wäre er nur ein Witz.

© Matthias Schumann

Von Frank Oehl

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Was darf Satire? Tucholsky sagte einmal, dass Satire alles darf, aber so richtig glauben will man daran zurzeit nicht. Einer, der weiß, welche menschenverbindende Substanz Satire sein kann, ist Steffen Lorenz. Der 49-Jährige ist seit vielen Jahren als „Stadtbüttel Lorenzo“ sozusagen der Kamenzer Kabarettgroßmeister. Er gibt den Narren im Gemeinwesen. Das weiß er – und dazu steht er. Was aber darf ein Narr? Zum Beispiel gegenüber dem König? Auf diese Fragen ist von Tucholsky nichts überliefert. Die Antworten darauf müssen wir uns gänzlich selbst erarbeiten.

Am kommenden Sonntag wird das Thema „Was darf Satire?“ wieder vor Hunderten im Saal des Hotels Stadt Dresden live behandelt. Zum 10. Mal lädt der KKC zum politisch-kabarettistischen Frühschoppen ein. Alle Veranstaltungen waren restlos ausverkauft, und im Jubiläumsjahr gingen die Karten erst recht weg wie warme Semmeln. „Das zieht wie ein Bayern-Heimspiel oder ein Rolling-Stones-Konzert“, sagt Steffen Lorenz. Sogar ganz ohne Hintergedanken, denn ein ausgemachter Fan von beiden Zuschauer-Magneten – dem sportlichen wie dem rockmusikalischen – ist der Kamenzer durchaus. Das bedeutet aber nicht, dass ausgerechnet diese beiden von ironischen Seitenhieben verschont bleiben müssen. „Satire ist wie eine Familie. Entweder man ignoriert sie oder man lacht über sie“, sagt der Stadtbüttel.

Das Futter der Satire

Der aufklärerisch-erheiternde Umgang mit den Misslichkeiten des Lebens, die man nicht länger ignorieren kann – das ist das Futter der Satire. Im Großen wie im Kleinen. Der politisch-kabarettistische Frühschoppen versucht von Anfang an diesen Spagat, der kein leichter ist. Edathy, Hoeneß, Jesus Christus – über sie könnte man in Kamenz leichthin Witze machen. Wie aber sieht es mit Vize-Landräten, Ober- und Unterbürgermeistern oder befristet eingestellten, flocker-lockigen Kulturdezernenten aus? Dann wird es schwierig, erst recht, wenn sie womöglich mit im Saal sitzen. Das ist kaum zu vermeiden. Und, wer sich vom Stadtbüttel auf die Leinwand über der Bühne hochgeladen sieht, braucht schon ein gerüttelt Maß an Selbstironie. Oder ein dickes Fell. Wie man‘s nimmt. Ein einziges Mal wollte ein leicht veralberter Funktionär dem Satiriker juristisch ans Leder. Das ist ihm aber nicht bekommen. Wo kämen wir dahin, wenn es in der Faschingszeit keine Narrenfreiheit mehr gäbe?

Ohne Steffen Lorenz wäre der Frühschoppen jedenfalls nur ein Witz. Und davon gibt es schon ausreichend. „Manchmal habe ich Themen angerissen, die sich erst kurz danach als topaktuell herausgestellt haben“, sagt Lorenzo. Weil Narren halt auch Seismographen sind, die Missstände vor Ort spüren, wenn andere sie noch gar nicht sehen. Dazu gehört freilich auch, immer zwei Seiten eines kritisierten Sachverhaltes zu betrachten. Obwohl das noch nicht mal reicht. „Der Dritte in dem Ganzen bin dann ich selbst.“ Die kabarettistische Dreifaltigkeit ist etwas, was man sich mit Routine und Sensibilität aneignet. Mit fast 50 darf dies beim Stadtbüttel vorausgesetzt werden.

Plattes verkneift er sich

Und wie sieht er selbst die vergangenen zehn Jahre? „Ich bin womöglich etwas pointierter geworden.“ Plattes verkneift sich der Kabarettist mit Slapstick-Talent lieber, wenn er übers Jahr das Material für zwei Stunden Alleinunterhaltung sammelt. Schon seit Wochen sitzt er überm Manuskript, das bis zuletzt in Arbeit ist. Auch die aktuellen Ereignisse in Dresden laden Kabarettisten geradezu ein, auch, wenn ihnen womöglich selbst das Lachen manchmal im Halse stecken bleiben möchte. Und wenn es Anfeindungen gibt? „Damit müsste ich auch leben. Und doch muss ein Kabarettist offen sein für alles, was er nicht in Ordnung findet.“ Und das gilt zum Beispiel auch für die Bilanz im Wendejubiläum und jene Träume, die womöglich nicht gereift sind.

Schauspiel und Kabarett – das wurde Steffen Lorenz nun wirklich in die Wiege gelegt. „Na und? Dafür kann ich überhaupt nicht zeichnen“, winkt er ab. Aber überzeichnen muss er gewiss? „Das stimmt. Ohne Übertreibung kann es keine Satire geben“, sagt der KKC-Frontmann, der diesmal in die Rolle eines Braumeisters schlüpft. Um gleich nachzuschieben: „Feingefühl braucht ein Kabarettist aber auch ...“

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