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Ein Stadtmädchen im Wolfsrevier

Eine Berlinerin hilft einem Schäfer in der Oberlausitz beim Herdenschutz. Zum Raubtier hat sie ihre ganz eigene Meinung.

Von Jörg Stock

Wie viele Wölfe hat sie schon gesehen? Hört sie ihr Heulen in der Nacht? So ungefähr fragen Friederike Kitzings Freunde und Verwandten daheim in Berlin nach ihrem Leben im sächsischen Wolfsgebiet. Dann muss sie ihnen klarmachen, dass es da keineswegs von Raubtieren wimmelt. Friederike hat bisher nicht einen Wolf erblickt. Würde sie aber gern mal. Keine Angst? Na ja. Einmal, als sie abends ganz allein Weidezäune abbaute, dicht beim Wald, da hat sie überlegt, wie es wäre, käme jetzt ein Isegrim daher, oder zwei oder drei. „Vielleicht wäre ich ganz schnell auf dem nächsten Baum.“

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Ein Stadtkind in Wolfs Revier. Klingt irgendwie nach Rotkäppchen. Aber es geht hier nicht um Kuchen und Wein für die Großmutter. Es geht um Hilfe für den Schäfer. Vergangenes Jahr im Mai hatte Sachsens Umweltminister Frank Kupfer verkündet, dass junge Leute ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) künftig auch in den vom Wolf bedrohten Schäfereien Ostsachsens ableisten können. Dort sollen sie die Mehrarbeit für den verschärften Herdenschutz schultern helfen. Friederike Kitzing ist bisher die Einzige im Landkreis, die eine solche Stelle angetreten hat.

Ihr Einsatzort ist die Schäferei Horn im Neustädter Ortsteil Berthelsdorf, eine Ein-Mann-Firma mit aktuell rund vierhundert „Schwänzen“. Der Betrieb liegt im Machtbereich des Hohwald-Rudels. Auf eben diesem Hof hatte Minister Kupfer den FÖJler-Einsatz avisiert, als er mit Schäfermeister Manfred Horn medienwirksam einen Weidezaun aufstellte. Man wolle ein möglichst konfliktfreies Miteinander von Nutztierhaltung und Wolf, hatte er gesagt. Meister Horn fand Herrn Kupfer ganz sympathisch. Trotzdem gilt für ihn noch immer, was groß am Zaun seines Hofes angeschrieben steht: „Wir brauchen keine Wölfe!“

Tot gebissene Schafe

Vor einem Jahr noch hatte Friederike Kitzing kaum eine Ahnung vom sächsischen Wolfsstreit. Da war sie gerade dabei, in einer Penne am Rande Berlins ihr Abitur zu schreiben. Nach dem Wolf gefragt, hätte sie es einfach nur toll gefunden, dass er wieder da ist, und dass die Menschen mit ihm leben können. „Jetzt weiß ich, dass es eine Menge Probleme gibt“, sagt sie. Sie nennt es eine gesellschaftliche Aufgabe, diejenigen zu unterstützen, die beim Einbürgern des Wolfs am meisten leiden.

Wenn sie nicht gerade Urlaub oder Seminare hat, ist Friederike jeden Tag draußen. Die Weidesaison hat angefangen. Herden- und Zaunkontrollen sind jetzt ihre wichtigsten Aufgaben. Stets lautet die Frage: War der Wolf da? Der vorläufig letzte Übergriff bei Horns fand wenige Wochen vor Friederikes Dienstantritt statt. Im Juli 2013 lagen sechs Schafe tot gebissen auf der Koppel. Ein siebtes starb kurz darauf.

Durchs nasse, hohe Gras stapft Friederike in ihren schwarzen Gummistiefeln den Berg hinan. Wir inspizieren die Koppel unterhalb von Schimmings Höhe. Die Schafe verziehen sich sofort. Das sollen sie ruhig. Friederike will die Tiere laufen sehen. Bliebe eines liegen, könnte es krank sein oder verletzt. Doch alles scheint wohlauf.

Die Weide ist riesig. Fünf Hektar für eine Handvoll Schafe? Das hat seinen Sinn. Die Tiere sollen nicht wie auf dem Präsentierteller stehen, wenn der Wolf vorbeikommt, sondern flüchten können. Friederikes Blick hängt am Zaun. Es ist ein Geflecht mit acht stromführenden Litzen, ein sogenanntes Weidenetz. Das Netz muss kerzengerade stehen. Hängt es durch, etwa, weil ein Ast darauf gefallen ist oder Wild ihn niedergedrückt hat, ist die Mindesthöhe von neunzig Zentimetern unterschritten. Schlägt dann der Wolf zu, gibt es keine Entschädigung für gerissene Schafe.