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Ein Star der Intellektuellen

Wieder aktuell? 50 Jahre nach dem Tod von Theodor W. Adorno erscheint von ihm eine Analyse des Rechtsextremismus.

Inmitten von Intellektuellen: Theodor W. Adorno (Mitte), Heinrich Böll (links) und der Verleger Siegfried Unseld bei einem Vortrag 1968.
Inmitten von Intellektuellen: Theodor W. Adorno (Mitte), Heinrich Böll (links) und der Verleger Siegfried Unseld bei einem Vortrag 1968. © dpa

Von Sandra Trauner

Auf dem Campus der Frankfurter Goethe-Universität steht ein Schreibtisch in einem Glaskasten. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Lampe, ein Metronom, ein Buch – das Denkmal erinnert an den Philosophen Theodor W. Adorno, der am 6. August vor 50 Jahren gestorben ist. Auch wenn es nicht der historische Schreibtisch ist, hält das Kunstwerk doch die Erinnerung wach: an einen Denker, der im Nachkriegsdeutschland überragende Bedeutung hatte und in manchem bis heute aktuell ist, sagt sein Biograf Stefan Müller-Doohm.

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Jetzt hat der Suhrkamp-Verlag einen unveröffentlichten Vortrag Adornos herausgebracht: „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus.“ Müller-Doohm, emeritierter Soziologie-Professor in Oldenburg, hält die Analyse für „durchaus übertragbar auf den Rechtspopulismus unserer Tage“. Auch um den Erfolg Donald Trumps zu verstehen, wurde Adorno postum schon herangezogen. Am 6. April 1967 hielt Adorno den Vortrag auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs an der Wiener Universität. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs der NPD, die bereits in den ersten beiden Jahren nach ihrer Gründung im November 1964 erstaunliche Wahlerfolge einfahren konnte, analysiert Adorno Ziele, Mittel und Taktiken des neuen Rechtsradikalismus dieser Zeit.

Er kontrastiert diesen Radikalismus mit dem „alten“ Nazi-Faschismus und fragt insbesondere nach den Gründen für den Zuspruch, den rechtsextreme Bewegungen damals – 20 Jahre nach Kriegsende – bei Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung fanden. Manche seiner Thesen erinnern dabei durchaus an auch heute wieder gern bemühte Erklärungsmuster: etwa die Abstiegsängste in der Mittelschicht oder der historisch geprägte „autoritätsgebundene Charakter“ der deutschen Gesellschaft.

Geboren wurde Adorno 1903 als Theodor Ludwig Wiesengrund in Frankfurt. Sein Vater hatte einen Weingroßhandel, die Mutter war Sängerin, Adorno ihr Mädchenname. In der behüteten Kindheit spielte Musik eine große Rolle. Der hochbegabte Junge übersprang zwei Klassen und machte als Jahrgangsbester Abitur.

Plädoyers für Zwölftonmusik

Er freundete sich mit dem viel älteren Gelehrten Siegfried Kracauer an und arbeitete mit ihm die Werke Immanuel Kants durch. Ab 1921 studierte er in seiner Heimatstadt Philosophie, Musikwissenschaft, Psychologie und Soziologie und schrieb Musikkritiken. Auch das Studium zog er in Rekordzeit durch, schon mit 21 hatte er mit einer Dissertation über den Philosophen Edmund Husserl den Doktor-Titel. Nach dem Studium zog er nach Wien, wo er bei Alban Berg Komposition studierte und flammende Plädoyers für Zwölftonmusik schrieb.

Zurück in Frankfurt arbeitete er an seiner Habilitationsschrift über den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard und komponierte. Im bis heute existierenden Café Laumer traf er sich mit Max Horkheimer und anderen linken Intellektuellen. 1931 hielt er seine Antrittsvorlesung als Privatdozent für Philosophie, aber schon 1933 entzogen ihm die Nazis die Lehrbefugnis – wegen seines jüdischen Vaters. Nicht sein zum Protestantismus konvertierter Vater, erst Hitler habe ihn zum Juden gemacht, sagte Adorno später. Nach einigen Jahren im britischen Oxford emigrierte er mit seiner Frau Gretel in die USA. Hier entstanden seine Hauptwerke „Dialektik der Aufklärung“ und „Minima Moralia“ mit seinem wohl berühmtesten Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

1953 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück und wurde Professor für Philosophie und Soziologie am Institut für Sozialforschung, der Geburtsstätte der Frankfurter Schule. Sein Einfluss auf die aufbegehrenden Studenten der 1968er-Generation war enorm. Trotz konservativer Erscheinung sei er „ein Rebell“ gewesen, erinnert sich der Frankfurter Philosophie-Professor Matthias Lutz-Bachmann. Auf manche habe er sogar „wie ein Prophet“ gewirkt. „Drei Jahrzehnte lang war Adorno kanonisch: Wer in meiner Generation sagen konnte: ,bei Adorno steht ...’, hatte immer das bessere Argument.“

Sein Verhältnis zur Studentenbewegung war problematisch. Die einen beriefen sich auf ihn, während andere ihn als reaktionär und als Repräsentanten des Staates beschimpften. Adorno gab den Protagonisten der Studentenbewegung in vielem recht, hatte aber kein Verständnis für plakative Aktionen oder gar Gewalt. Legendär wurde eine Vorlesung im Jahr 1969, in der Aktivistinnen ihm ihre nackten Brüste vors Gesicht hielten. Als Studenten das Institut besetzten, rief der Direktor – ein Gegner staatlicher Gewalt – die Polizei.

Kurz nach dem Eklat starb er im Urlaub in der Schweiz. Sein Tod war ein nationales Ereignis. Fast wöchentlich war er im Radio zu hören gewesen. Seine schriftlichen Werke galten und gelten wegen ihres Stils selbst Kollegen als schwer verständlich, in Vorlesungen, Artikeln und Reden aber konnte er Zuhörer packen. Er sei „der Medienstar unter den Intellektuellen des westlichen Nachkriegsdeutschland“ gewesen, schrieb Emil Walter-Busch in seiner „Geschichte der Frankfurter Schule“.

Abrechnung ab den 80er-Jahren

Heute würde seine Gesellschaftstheorie „kritisch gelesen“, sagt Philosophie-Professor Lutz-Bachmann. Ein Kongress in den 1980er-Jahren über Adornos Erbe sei einer „Abrechnung“ gleichgekommen. „Eine Art Rest-Autorität“ bleibe ihm auf dem Gebiet der Kunsttheorie. Dennoch sei er zu Recht nicht vergessen: Für die „Erziehung nach Auschwitz“ habe er Großes geleistet. Müller-Doohm findet Adornos Denken „nicht verstaubt“. Vor allem habe er es riskiert, „den Elfenbeinturm der reinen Wissenschaft zu verlassen, um die tabuisierten Themen im Land der Täter aufzugreifen“. Lebenslang habe er versucht, sich „allen Übeln der Welt mit den Mitteln kritischer Reflexion zu stellen“. Seine Analysen trügen bis heute dazu bei, „uns für das Unwahre zu sensibilisieren“. (dpa/SZ)

Theodor W. Adorno: „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus: Ein Vortrag“, Suhrkamp, 86 Seiten, 10 Euro

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